«Politico» hat Washington aufgemischt – jetzt folgt Brüssel

Für Politiker in Washington ist «Politico» Pflichtlektüre. Nun will der Online-Dienst zusammen mit dem Axel-Springer-Verlag auch in Europa Fuss fassen. In Sachen Online-Publikation habe man grossen Vorsprung, sagt John Harris, der Gründer der US-Ausgabe: «Europa ist etwa zehn Jahre hinter den USA».

Ein Tablet, auf dem der Schriftzug "Politico" zu sehen ist, liegt auf einer Zeitung

Bildlegende: In den USA hat «Politico» eine Revolution bewirkt. Ob das auch in Europa gelingen wirdt, ist fraglich. SRF

Vor acht Jahren gelang politico.com in den USA eine Revolution – das Online-Medium hat die politische Berichterstattung verändert. Gemeinsam mit dem Axel-Springer-Verlag wollen die Macher diesen Erfolg nun in Europa wiederholen: Am 21. April wird in Brüssel die Website politico.eu lanciert.

John F. Harris

Bildlegende: John Harris ist Gründer und Chefredaktor der US-Ausgabe von «Politico». Flickr/Christopher Connell

Zwei angesehene Journalisten der «Washington Post», John Harris und Jim VandeHei, starteten 2007 mit «Politico». Revolutionär war nicht nur der Auftritt als reine Internet-Zeitung, sondern auch der Inhalt: Politik – sonst nichts. «Du musst gut sein in deiner Mission und dich konsequent auf den einen Fokus konzentrieren», betont Chefredaktor John Harris.

Etabliert bei den «Movers and Shakers»

Das neue Medium veränderte die Art, wie politischer Journalismus gemacht wird und wie in der US-Hauptstadt News konsumiert werden.

Das bedeutet: Gründlich und ausgiebig über den Politbetrieb und seine Akteure berichten. Jede Bewegung im Parlament, jedes Husten im Weissen Haus, jeder halbe Satz auf Twitter, alles wird genauestens verfolgt, recherchiert und rapportiert. Heute ist diese detaillierte Art der Politberichterstattung in der Hauptstadt etabliert. Zumindest beim politischen Personal und den Journalisten in Washington, den «Movers and Shakers» – bei jenen, die in der Hauptstadt den Ton angeben.

Die Entscheidungsträger würden frühmorgens zuerst «Politico» lesen, noch bevor sie ein Wort mit ihrer Frau oder ihrem Mann redeten, schrieb einmal die «New York Times». Dennoch ist «Politico» ein Nischenprodukt, nichts für das Massenpublikum, sagt Kalyani Chadha, Medien-Professorin an der Universität von Maryland. Denn so genau wollen es nicht alle Leute wissen.

Expansion innerhalb der USA

Dennoch ist «Politico» seit dem Start stark gewachsen – von knapp 40 auf heute über 300 Angestellte. Auch das Angebot wurde erweitert: Das Unternehmen produziert eine gedruckte Zeitung, ein Magazin, Videos und Radiobeiträge und verkauft Recherchen. Öffentliche Interviews mit Prominenten, Blogs und Newsletters kamen hinzu.

Auch räumlich wurde expandiert: Neben dem Newsroom in der Region Washington gibt es Nachrichtenredaktionen in Manhattan und in Albany, der Hauptstadt des Staates New York. Weitere Redaktionen in New Jersey und Florida sollen noch in diesem Jahr folgen.

Unterwegs zur globalen Marke

Ein weiterer Grund dafür, dass «Politico» in Washington gut ankommt, könnte die neutral gehaltene Berichterstattung sein. Dies ist selten in der meistens sehr parteiischen Medienlandschaft der USA. Gelegentliche Vorwürfe der Konkurrenz, «Politico» sei doch eher liberal oder republikanisch, weist der Chefredaktor zurück. Auch die Medienexpertin findet keine Beweise für Parteilichkeit: «Sie haben vielleicht mehr Ecken und Kanten, aber für amerikanische Medienstandards ist ‹Politico› neutral», sagt Medien-Professorin Chadha.

Zum Europa-Abenteuer äussert sich Chadha skeptisch. Sie fragt sich, ob diese starke Marke einfach so kopiert werden kann. Um in Europa Fuss zu fassen, hat «Politico» mit dem Axel-Springer-Verlag «European Voice» übernommen, ein Medium in Brüssel mit Website und Wochenzeitung. Gestartet wird in englischer Sprache mit etwa 30 Journalisten und Reportern.

Europa hinkt hinterher

«Wir konnten hier in den USA die Nutzerzahlen erhöhen und den Umsatz», betont Harris. Das sei ein gutes Vorbild für das europäische Modell. Auch bei der Umstellung auf die digitale Zukunft kann «Politico» auf lange Erfahrung zählen: «Europa ist etwa zehn Jahre hinter den USA», meint John Harris. Der Umbruch habe auch in Europa angefangen, aber die Europäer seien noch nicht so weit wie die Amerikaner.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 16.4.2015, 17:06 Uhr