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Proteste im Iran Die iranische Regierung macht Schluss mit Telegram

Die iranische Regierung blockiert den Zugriff auf die Messenger-App Telegram – neun Fragen und Antworten zur Sperre.

Ein Smartphone mit der App Telegram.
Legende: Im Iran extrem populär: Die Messenger-App Telegram. Getty Images

Die iranische Regierung hat am Sonntag den Zugang zu den sozialen Netzwerken Telegram und Instagram gesperrt. Besonders die Nachrichten-App Telegram hat eine zentrale Funktion im Iran und war mitverantwortlich für das Entstehen der Proteste. Die wichtigsten Fakten zur App-Sperre.

Was ist Telegram?

Telegram ist eine Instant-Messenger-App aus Russland. Darauf werden über das Handy Nachrichten, Bilder, Videos etc. ausgetauscht. Die Funktionen sind ähnlich wie beim Konkurrenten WhatsApp. Telegram wurde 2013 von den Brüdern Nikolai und Pawel Durow entwickelt. Sie haben bereits das grösste russische soziale Netzwerk Vk.com, Link öffnet in einem neuen Fenster gegründet.

Wie viele Nutzer hat die App?

Weltweit nutzen etwa 100 Millionen Leute, Link öffnet in einem neuen Fenster Telegram monatlich. Zum Vergleich: WhatsApp hat pro Monat ungefähr 1 Milliarde Nutzer. Im Iran ist Telegram besonders beliebt: Fast die Hälfte der Bevölkerung nutzt Telegram, Link öffnet in einem neuen Fenster, das sind etwa 40 Millionen Menschen. Ein sehr grosser Teil der Telegram-Nutzer befindet sich also im Iran.

Warum ist Telegram gerade im Iran so beliebt?

Früher nutzte man im Iran WeChat oder WhatsApp. Diese Apps wurden aber immer wieder blockiert oder funktionierten nicht gut. Telegram war immer verfügbar, da sogar ein Teil der Regierung die App nutzt. Ausserdem funktioniert sie sehr gut bei langsamem Internet und auch mit der persischen Schrift.

Telegram war zu Beginn beliebt, weil sie ihren Nutzern eine Verschlüsselungsfunktion bot. Damit konnte die Privatsphäre der Nutzer geschützt werden. Später wurde das Sicherheitsprotokoll von Experten immer wieder kritisiert.

Gibt es bei Telegram keine Zensur?

Das ist umstritten. Die starke Nutzung von Telegram war im Iran immer wieder Thema. Mehrmals hat die iranische Regierung eine Zusammenarbeit mit Telegram angekündigt, wobei Telegram diese meist abstritt.

Im Januar 2016 wurden die Accounts von mehreren iranischen Journalisten gehackt. Bestimmte anstössige Inhalte wurden ebenfalls auf Anfrage der Regierung von Telegram entfernt.

Wozu wird Telegram im Iran hauptsächlich verwendet?

Neben normalem Nachrichtenaustausch und Chats ist die App vor allem für ihre «Channels» bekannt (ähnlich den Gruppen bei WhatsApp, Twitter-Accounts oder Facebook-Seiten). Diese gibt es zu unterschiedlichsten Themen. Im Iran werden viele Informationen über diese Kanäle geteilt – von Verkehrsmeldungen, Wetter bis zu Lokalnachrichten.

Thomas Erdbrink, Teheran-Korrespondent der New York Times, erklärte kürzlich dem niederländischen Rundfunk NOS, Link öffnet in einem neuen Fenster: «Wahrscheinlich sind die Iranerinnen und Iraner besser informiert, wenn sie Telegram nutzen, wie wenn Sie Zeitung lesen würden.»

Inwiefern ist Telegram für die momentanen Demonstrationen verantwortlich?

Ohne Telegram hätte es wohl keine Demonstrationen gegeben. In verschiedenen Kanälen der App wurde zu Demonstrationen aufgerufen. Zum Teil wurde sogar der Gebrauch von Feuerwaffen und Molotow-Cocktails gefordert.

Der Telegram-Chef Pavel Durov gab darauf die Schliessung des Kanals «Amadnews» bekannt – wegen Anstachelung zur Gewalt. Der Kanal hatte fast 1,4 Millionen Abonnenten.

Es entstanden aber bald neue Kanäle auf Telegram, etwa «sedaiemardom», der in kurzer Zeit mehr als 700’000 Abonnenten zählte. Über den Dienst wird ebenfalls zu Demonstrationen aufgerufen, auch Videos der Proteste werden verbreitet.

Wer ist für die Sperrung verantwortlich?

Telegram selbst hat zuerst gewaltverherrlichende Kanäle gesperrt, da dies auch gegen die Richtlinien der App verstösst, behauptet Durov. Er weigerte sich aber, Link öffnet in einem neuen Fenster, Kanäle zu schliessen, die zu friedlichen Demonstrationen aufrufen. Daraufhin hat die Regierung die App ganz gesperrt.

Kann man im Iran die Sperrung von Telegram umgehen?

Es gibt Möglichkeiten, die Sperrung zu umgehen. Viele Iranerinnen und Iraner nutzen VPN-Dienste (virtuelle private Netzwerke), mit denen man weiterhin soziale Medien wie Facebook oder Twitter nutzen kann. Aber selbst diese Dienste werden oft blockiert. WhatsApp ist momentan wieder verfügbar.

Spezielle Apps wie FireChat brauchen keinen Mobilnetzempfang und funktionieren über Bluetooth von Telefon zu Telefon, können also kaum blockiert werden. Die App funktioniert aber nur über rund 70 Meter – um ein grosses Netzwerk aufzubauen, bräuchte es sehr viele Leute, die mitmachen.

Wie geht es weiter?

Mit fast 40 Millionen Nutzern im Iran lastet eine grosse Verwantwortung auf der App Telegram. Pavel Durov wird sich entscheiden müssen: Kommt er auch künftig den Forderungen der iranischen Regierung nach, Kanäle zu schliessen und Inhalte zu zensieren. Oder entwickelt er eine sicherere App, damit die iranischen Nutzer frei kommunizieren und die staatliche Zensur umgehen können.

Sendung: Kultur aktuell, 3.1.17, 6.50 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

2 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Telegram ist auch im Westen höchst umstritten, da unsere Geheimdienste nicht durch die Verschlüsselung kommen. Wenn sich darin dann IS nahe Kreise verbinden um unsere Gesellschaft zu zerstören, dann würden wir auch hoffentlich auf Zensur und Repression setzen. Ich hoffe dem Iran bleibt Krieg erspart. Ich denke aber auch, seine Abwehrkräfte gegen US Intervention sind grösser als die Syriens.
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  • Kommentar von Markus Gasser (Markus Gasser)
    Die Iraner sind im allgemeinen gebildet und aufgeklärt. Es ist deshalb erstaunlich, dass es ihnen noch nicht gelungen ist die, das frei Denken unterdrückende, Gottesherrschaft abzuschütteln. Es muss beschämend sein für selbstverantwortende Menschen länger vor einer klerikalen Doktrin und Clique kuschen zu müssen. Das Internet hat heute die Funktion wie der Buchdruck zur Zeit Luthers. Dank "Gutenberg" landete Luther nicht auf dem Scheiterhaufen der Kirche, des Papstes.
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