Tabus der Welt – wo herrscht welche Zensur?

Der Stift ist eine starke Waffe um Tabus zu brechen, und gerade Karikaturisten stossen immer wieder an die Grenzen der Meinungsfreiheit. Die Webdoku «Ausgelacht!?» zeigt, welche Themen wo totgeschwiegen werden – auch in der Schweiz.

Karikaturen in einer Ausstellung.

Bildlegende: Karikaturen prangern in satirischer, bildlicher Form Missstände an. Die ersten Karikaturen gab es bereits in der Antike. Keystone

Die berühmt-berüchtigte Mohammed-Karikatur mit Bombe im Turban hat die Sprengkraft von satirischen Zeichnungen mehr als deutlich gemacht, durch hitzige Diskussionen über Respekt und Meinungsfreiheit, aber auch durch gewaltsame Massendemonstrationen. Tagtägliche Presse-Karikaturen entfachen selten Unruhen in diesem Ausmass, und doch: Sie alle sind allesamt wichtige Dokumente sensibler Themen. 

 «Ausgelacht!?», das ist auf den ersten Blick eine Weltkarte mit zwei Ansichten: Auf der ersten stehen kleine Fähnchen für einflussreiche Karikaturisten der jeweiligen Länder. Da pinnt zum Beispiel eins von Ann Telnaes in den USA oder No Rio auf Japan. Eine zweite Ansicht zeigt die Welt der Karikaturen nach Tabu-Themen: So steht über der Schweiz in einem schwarzen Balken das Wort «Banken», über Amerika «Religiöse Lobby» oder Japan «Atomkraft».

Wo gibt es welche Tabus?

Spannend ist nicht nur zu sehen, in welchen Ländern welche Tabuthemen herrschen – in Japan sind das der Kaiser, die Mafia und Menschen mit Behinderung, erzählt No Rio – sondern auch zu erfahren, wie Pressezeichner darauf reagieren. Mit einem Klick auf Bildchen oder Tabu-Schlagwort öffnen sich zweiminütige Video-Interviews mit den Karikaturisten. Da spricht dann zum Beispiel der Palästinenser Khalil Abu Arafeh über Drohungen der Hamas, der Marokkaner Damien Glez über die Sakralisierung des Königs oder Cristina Sampaio aus Portugal über die Macht der Medienkonzerne.

Und ja, auf der Liste der Länder finden wir auch die Schweiz: Als Vertreter der hiesigen Karikaturszene wird Patrick Chappatte interviewt. Er zeichnet für «Le Temps» und die «NZZ am Sonntag» und erklärt, dass bei uns weniger die Zensur ein Problem sei, als der wirtschaftliche Druck, unter dem die Zeitungen und Magazine stünden. Bei der Zeitung «Le Temps» sind einige Anteile im Besitz einer Genfer Privatbank – und so erstaunt es nicht, dass Chapattes kritische Zeichnungen über das Bankgeheimnis beim Chefredaktor nicht ganz so gut ankommen.

Weder China noch Russland

Neben den Interviews mit den Künstlern werden auch Bildergalerien mit ihren Karikaturen gezeigt. Hier oft eröffnen Blicke in fremde Lebenswelten, auf höchstem künstlerischen Niveau überzeichnet, aber unvergesslich eindrücklich: So tragen Menschen in den Zeichnungen des Iraners Kianoush auf ihren Schultern statt Köpfen zu Schlingen gebundene Seile oder die grösste Angst der Amerikaner wird von Ann Telnaes als gleichgeschlechtliche Ehe zweier Terroristen dargestellt.

Länder wie Russland oder China sind bislang noch mit keinem einzigen Cartoon-Fähnchen versehen. Nach Aussagen von Arte, den Machern, sollen in den kommenden Monaten aber noch 40 weitere Pressezeichner hinzugefügt werden – vielleicht dann auch aus diesen Ländern.

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