«Van» bringt Klassik zu den Digital Natives

Braucht die Welt noch ein neues Magazin? Und erst noch eines für klassische Musik? Wohl kaum. Aber nach etlichen Stunden am iPad und 158 Seiten später lautet das Fazit: Doch. Denn das neue E-Magazin «Van» ist anders als alle seiner Art. Ein Blick in die erste Ausgabe.

Ein Finger streicht über die Oberfläche eines Tablet-PCs.

Bildlegende: Erinnert an die Pixar-Ästhetik: Das neue E-Magazin «Van» verpackt klassische Musik auf ungewohnte Weise. srf

Das neu erschienene Klassik-Magazin «Van» – der Titel ist angelehnt an «van Beethoven» und «fun»– empfängt seine Leserinnen und Leser mit einer aussagekräftigen Animation: Der Vorhang geht auf, drei schaurige Marionetten treten auf, ohne Arme, Beine und Köpfe – Pixar-Ästhetik lässt grüssen.

Unkoordiniert schweben sie auf dem Tablet zu Strawinskys Ballett-Klängen von «Petruschka» über die Bühne. Bereits die Frontseite warnt vor: In diesem Magazin ist die klassische Musikwelt eine andere, eine Welt irgendwo zwischen Pop- und Hochkultur.

Ein Finger fährt über ein Tablet-Bildschirm, auf dem gross geschrieben steht «Ein Schutzschild gegen die Dunkelheit».

Bildlegende: Jeder «Van»-Artikel überrascht mit speziellem Layout. srf

Ein erfrischendes Chaos fürs Auge

Diese für klassische Musikkultur neuartige und ungewöhnliche visuelle Linie zieht sich durchs ganze Heft dieser ersten «Van»-Ausgabe. Das Layout ist auf jeder Seite anders: einspaltig, zweispaltig, klassische Überschriften wechseln sich ab mit neongrünen, abstrakte Illustrationen stehen neben realistischen, dann wieder neben ganz klassischen Fotos.

Konzeptlosigkeit scheint das Motto zu sein, und das meine ich durchaus positiv: Keine Monotonie, kein Automatismus stellt sich ein, weil auch das Auge gefordert ist. Das könnte auch ein Printmagazin.

Navigieren ist nicht immer leicht

Aber die Animationen, mit denen «Van» aufwendig und nicht in geringem Masse auffährt, kann das gedruckte Magazin nicht: Nach links wischen, nach oben und unten, in der Mitte drücken oder doch rechts – jede nur denkbare digitale Spielerei kommt vor. Dieses Navigieren ist aber nicht nur eine Stärke.

Opfer dieser Spielereien ist die Benutzerfreundlichkeit. Die Navigation ist oft schwerfällig, nicht intuitiv genug. Auch als Digital Native muss ich manchmal nicht zu knapp ausprobieren, wie ich auf die nächste Seite komme. Und die winzigen Hinweise, die in die richtige Richtung lenken, sind nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Hinzu kommt, dass sich die Texte nicht vergrössern lassen.

Der Kopf lernt dazu

Und der Inhalt, eigentlich das Wichtigste in einem Magazin? Der leidet nicht unter dem wilden Layout. Im Gegenteil. Ich muss zugeben: Es macht einfach ein bisschen mehr Spass – ein bisschen mehr «Van» –, wenn ein guter Artikel auch noch schön anzusehen ist.

Wie das Layout verbindet auch der Inhalt dieser ersten «Van»-Ausgabe Hoch- und Popkultur: Puccinis «Tosca» hat ebenso Platz wie ein Rockmusiker, der auch klassisch komponiert. Bei der Homestory über den bekannten Cellisten Mischa Maisky kommen die multimedialen Möglichkeiten voll zum Einsatz: Neben Hochglanzbildern, die an Boulevard-Blätter erinnern, gibt es eine kleine Playtaste – und schon erklingt Maiskys Interpretation von Camille Saint-Saëns Cellokonzert. Oder es erscheint ein altes Video: Maisky in Jeans und Pulli mit Martha Argerich am Klavier.

Die schrecklichsten CD-Covers

Auch dabei ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Unterteilung von E- und U-Musik – mit einem neuen Vorschlag. Und in einem Mini-Schwerpunkt zu Brasilien fragt sich ein Autor: «Gibt es etwas spezifisch Brasilianisches in der brasilianischen Klassikkultur?»

Dann sind da noch die kleinen Perlen: «Maestro Matching» etwa: Ein witziger Fragebogen wertet aus, welcher Dirigent zu mir passt (Mariss Jansons). Oder eine Liste der schrecklichsten CD-Covers.

Ich habe auf diese Art Magazin gewartet. Auf ein Magazin wie «Van». Wie sein Name andeutet: Es macht tatsächlich Spass. Für fünf Franken pro Ausgabe ist es zudem ein Schnäppchen.