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Viraler Post Der verlorene Vater – ein Twitter-Märchen

Ein junger Mann sucht auf Twitter seinen obdachlosen Vater. Das Netz reagiert, wie es am besten kann: Mit Empörung, Poltern – und Schwarmintelligenz.

Ein Mann auf einem Handy-Bildschirm.
Legende: Sohn sucht Vater: Der Twitter-Hilferuf von Norman ging viral. SRF/Screenshot Twitter (@deinTherapeut)

Die Ausgangslage

Es war (wieder) einmal... Weihnachten. Das Fest der kleinen Familiendramen und -versöhnungen. Ein junger Mann namens Norman teilt am Weihnachtstag, am 25. Dezember, auf seinem Twitter-Profil @deinTherapeut, Link öffnet in einem neuen Fenster das Foto eines älteren, verwahrlosten Mannes.

Er suche seinen Vater Klaus, der als Obdachloser in Hamburg leben soll.

Klaus sei seit zehn Jahren verschwunden und ebenso lange Alkoholiker, erzählt Norman in weiteren Tweets. Das Bild hätte er von einem Unbekannten über Facebook erhalten, der von Klaus gebeten worden sei, seine Söhne zu suchen.

Dieser Kontakt sei aber wieder abgebrochen – daher bitte er nun die Twitter-Community um Hilfe. Die lässt sich nicht zweimal bitten.

Kapitel 1: Tausendfach geteilt

Der Hilferuf geht viral, 18‘000 Menschen teilten ihn in kurzer Zeit. Er erhält 9000 Herzen – und über 700 Kommentare. Viele Menschen sprechen Norman gut zu und geben Tipps, wo und wie er seinen Vater in Hamburg finden könnte. Oder versprechen, sich gleich selbst auf die Suche zu machen.

Kapitel 2: «Fake News!»

Kaum ist der Tweet abgesetzt, beginnen aber auch schon die ersten User zu nörgeln. Er hetze dem Obdachlosen einen «Twitter-Mob», Link öffnet in einem neuen Fenster auf den Hals und vergesse, dass dieser vielleicht gar nicht gefunden werden wolle, schrieben die einen.

Andere dreschen mit einer heftigeren Keule: «Fake-News!» – das alles sei nur erfundener Humbug, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Zwischenspiel der Trolle

Gute Gelegenheit, um über Flüchtlinge zu schimpfen, denken sich derweil einzelne Kommentatoren, Link öffnet in einem neuen Fenster. Schliesslich seien diese doch schuld, dass es den deutschen Obdachlosen so schlecht gehe ...

Kapitel 3: Adieu, Twitter

Noch keine 24 Stunden, die Suche wird zur «emotionalen Achterbahnfahrt», Link öffnet in einem neuen Fenster, schreibt Norman. Anfangs bewahrt er noch einen kühlen Kopf. Einem User, der fragt, was er die letzten zehn Jahre eigentlich gemacht hätte, antwortet er: «Mein Leben gelebt». Aber schon ein paar Stunden später wird es ihm zu bunt – er klinkt sich aus.

Kapitel 4: Eine zu gute Weihnachtsgeschichte

Doch die Geschichte klingt zu weihnachtlich, um am 25. Dezember nicht zum Selbstläufer zu werden. Die Bild-Zeitung berichtet, Link öffnet in einem neuen Fenster, die Huffington-Post drechselt aus Normans Tweet eine herzzerreissende Story, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Sie teilt seinen «verzweifelten Aufruf» – Weihnachten sei schliesslich das Fest der Familie und dieser junge Mann wolle unbedingt mit seinem Papa feiern. Der junge Mann kontert:

Kapitel 5: Am Ende ein Happy End

Ein Mann habe sich gemeldet, schreibt Norman gestern, er arbeite in einer Unterkunft, wo Klaus jede Nacht schlafe.

Das letzte Update stammt von heute Morgen:

Vielleicht kann man diese Geschichte also wie jedes Märchen abschliessen: Die Hilfsbereiten siegen am Ende über die Trolle. Vater und Sohn finden sich – und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Epilog

Wie toll ist das denn – zu toll, um nicht inszeniert zu sein? Sicher lässt es sich nicht sagen. Echt sind auf jeden Fall die Reaktionen.

Und das Twitter-Märchen vom verlorenen Vater auch eine Geschichte darüber, was Menschen auf Twitter am besten können: Sich laut empören – und sich am Ende doch für den guten Zweck einspannen lassen.

Sendung: Kultur aktuell, 27.12.17, Radio SRF 2 Kultur, 17.15 Uhr

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