Wie die App «Circa» Nachrichten zerstückelt

Eines der ambitioniertesten Unternehmen im Journalismus könnte verändern, wie wir uns informieren. In dieser Zukunft gibt es keinen Artikel mehr. Dafür personalisierte Nachrichten, zugeschnitten auf jeden Leser und jede Leserin.

Auf einem Smartphone-Bildschirm ist die App «Circa» zu sehen. In einer Informationskarte ist eine Landkarte von Gaza zu sehen, darunter Informationen zu einem Anschlag.

Bildlegende: Nachrichten in Einzelteilen: Das Start-up «Circa» baut eine Datenbank nachrichtlicher Ereignisse. Claudia Herzog/Bildmontage

«Bombshell» nennen es die Amerikaner, wenn eine Nachricht die halbe Welt aufschreckt. Mitte Mai hat die «New York Times» eine solche «Bombe» fallen lassen: Ein interner Report geriet an die Öffentlichkeit und verbreitete sich in der Medienbranche schneller als jede andere an diesem Tag. Es ging um die Zukunft der Zeitung. Ein «Schlüsseldokument» für die ganze Branche, schrieb ein Experte – und kaum jemand widersprach ihm.

Der Report machte klar, dass auch eine der respektiertesten Zeitung der Welt den Wechsel ins Internet noch nicht geschafft hatte. Es standen Pläne drin, wie man sich gegen eine Reihe von neuer Konkurrenz durchsetzen könnte – Konkurrenz wie Buzzfeed, das die Distribution von News über soziale Medien revolutioniert hat, oder Upworthy, das mit Gutmenschen-Videos Millionen von Nutzern anzieht. Aber auch: Circa, ein relativ unbekanntes Start-up aus dem Silicon Valley.

Aushängeschild des «strukturierten Journalismus»

Circa war das spannendste in der Reihe. Es gehört zu den ambitioniertesten Projekten im Journalismus unserer Zeit – und es ist das Aushängeschild einer neuen Form des Journalismus, dem «strukturierten Journalismus».

Das Start-up könnte verändern, wie wir Nachrichten konsumieren. Vor zwei Jahren entstanden, ist das Start-up noch immer einzigartig. Es hat sich vom Artikel verabschiedet, der Standard-Form des Journalismus. «Bei Circa schreiben wir keine Artikel», sagte mir Inhalte-Chef David Cohn in einem Gespräch, «wir erzählen Geschichten».

Wer die App aufmacht sieht, wie in jeder anderen, erstmal einige der wichtigsten Nachrichten des Tages. Wer auf eine klickt, sieht jedoch keinen Artikel, sondern eine Zusammenstellung aus Karten, die perfekt auf die kleinen Smartphones passen. Jede Karte zeigt ein Element der Geschichte – ein Fakt, ein Zitat oder ein Bild. Zusammengenommen ergeben sie eine Geschichte, fast wie ein Artikel – aber dynamischer.

Dieser Ansatz war es, was die «New York Times» so beeindruckt hatte an diesem Start-up mit einem Dutzend Mitarbeitern. Denn so kann die App für Smartphones seinen Nutzern personalisierte Nachrichten bieten, auf jeden Leser zugeschnitten und sie bei neuen Geschehnissen alarmieren.

Leser können Geschichten, die sie besonders interessieren, per Knopfdruck abonnieren. Wenn dann etwas Neues passiert, schickt Circa eine Benachrichtigung auf das Smartphone. «Wir verfolgen, welcher Leser was gelesen hat, und zeigen ihm dann immer nur, was er noch nicht weiss», erklärte Cohn. «Wenn John eine Geschichte beispielsweise von Beginn an verfolgt hat, und dann kommt eine neue Information, können wir die Karten so arrangieren, dass die neuesten Informationen an erster Stelle stehen.» Hat jemand noch kein Vorwissen, erhält er zusätzlich Hintergrundinformationen.

Komplexes Unterfangen

Das klingt nicht sonderlich kompliziert. Doch es ist gar nicht so einfach zu produzieren. Nachrichten in seine Einzelteile zu zerlegen, und dann vor allem logisch in einer Datenbank zu speichern, braucht einiges an Denkarbeit. Es muss eine Struktur gefunden werden, die für jedes erdenkliche Ereignis funktioniert. Vom Gaza-Konflikt bis zu den neuesten Nachrichten zu Apple.

Als Start-up hat Circa die Möglichkeit, zu experimentieren. Doch man habe bereits gelernt: «Diese Einschränkung fokussiert uns», sagte David Cohn. Man könne sich nur auf die Fakten konzentrieren, Platz für Meinung gebe es nicht, aber auch nicht für Analyse.

Bisher habe man so aber Zehntausende von Karten gespeichert, zu etwa zehntausend Geschichten, sagte Cohn. Eine Datenbank aller News.

Eine Person sieht sich auf einem Handy-Bildschirm eine Geschichte des News-Start-ups «Circa» an.

Bildlegende: Smarte Karte: Optimiert fürs Smartphone. SRF/Claudia Herzog

Mehr smarte Features für Leser

Jeder der Karten weist das Start-up ausserdem beschreibende Informationen zu – beispielsweise, ob darin eine bestimmte Person vorkommt, ob sie selbst spricht, oder über sie gesprochen wird. Dazu kommen Einzelheiten wie: In welchem Ort hatte sich etwas ereignet? Wie wichtig ist die Information?

Das erlaubt eine Menge neue Anwendungen für Nutzer und Macher. Journalisten können in der Datenbank Geschichten finden, an die sie beim Erfassen der Karten möglicherweise nicht gedacht haben – alle Zitate des US-Präsidenten zur Gesundheitsreform beispielsweise. Oder alle Mordfälle in der Nähe von New York.

Doch: «Wir wollen vor allem Lesern erlauben, selbst von dieser Datenbank profitieren zu können» – Artikel könnten dann Landkarten im Internet gleichen, in die man hineinzoomen kann, wenn man Genaueres wissen will, oder herauszoomen kann, wenn man schnell einen Überblick gewinnen will.

Ein persönliches Briefing für alle

Wie viele Start-ups im Silicon Valley macht Circa noch kein Geld. Für die Experimente hat es um die drei Millionen Dollar in der Bank. Das Geld kommt teilweise von den selben Investoren, die schon Buzzfeed und Upworthy das Startgeld überwiesen hatten.

Momentan arbeitet das Team an der dritten Version der Smartphone-App, die noch dieses Jahr veröffentlicht werden soll. Nachdem die letzte Version die Funktion für das «Folgen» von Geschichten gebracht hat, sollen Nachrichten nun noch stärker personalisiert werden.

Nicht nur die Geschichten selbst sollen personalisiert werden, sondern auch die Zeitungsausgaben selbst. «Wir wollen jedem Leser ein persönliches Briefing geben», erzählte Cohn. «Ganz so, wie es der Präsident jeden Morgen bekommt.»

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