Absturz und Ekstase Abheben und fliegen – zumindest im Traum

Was es mit dem imaginären Abflug auf sich hat – und wie wir ihn nutzen können.

Eine Frau fliegt über dem Boden

Bildlegende: «Der Traum bringt mir eine Information meiner eigenen Innenwelt», so Psychologin Verena Kast. Getty Images

Fliegen wie ein Vogel – das ist ein Urwunsch, der tief in uns Menschen steckt. Manche können ihn verwirklichen, wenigstens in ihren Träumen. Sie heben ab und fliegen los.

Fliegen ohne Übung

Wie genau sie das machen, ist so verschieden, wie die träumenden Menschen es sind. Viele schwimmen durch die Luft, andere fliegen in einem Vogelschwarm.

Es gibt Träumer, die sich hüpfend bis ins Weltall befördern und andere, die kraft ihrer Konzentration aufrecht über die Erde gleiten. Was bei allen gleich ist: Sie können es einfach, ohne zu üben.

Keine Alltäglichkeit

Je nach Studie geben 30 bis 63,5 Prozent der Befragten an, sie könnten im Traum fliegen, so der Psychologe und Schlafforscher Michael Schredl.

Die Flugerlebnisse fliegen ihnen aber nur selten zu, lediglich in 1 bis 2 Prozent ihrer Träume. Flugträume sind damit nicht so alltäglich wie der Traum vom Zug, den man verpasst. Dabei wäre das so schön.

Das Hochgefühl

Denn wer vom Fliegen träumt, empfindet das meistens als faszinierend und angenehm. «Es ist ein Traum, der mit den gehobenen Gefühlen zu tun hat», sagt die Psychologin Verena Kast, Lehranalytikerin am CG Jung Institut in Zürich und Mitverfasserin des heute vergriffenen Buchs «Die vier Elemente im Traum».

Aus ihrer langjährigen Arbeit erklärt Kast: «Es geht immer um das Element Luft, es bedeutet Inspiration, Begeisterung und Auftrieb». Alles Gefühle also, die unsere Stimmung heben.

Viele ihrer Patienten berichteten nach einem Flugtraum, dass sie sich frei gefühlt hätten. Den Überblick hatten. Atmen konnten. Oft begleitete sie dieses Gefühl durch den ganzen Tag.

Können Sie fliegen?

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Bei all diesen positiven Eigenschaften wünschte man die Flugträume eigentlich genau jenen, die sie nicht haben.

Nicht alle heben ab

Schlafforscher Michael Schredl fand in einer Studie heraus, dass es einen Unterschied zwischen Fliegern und Nichtfliegern gibt.

Die Studienteilnehmer, die im Traum fliegen konnten, waren im Durchschnitt etwas weniger depressiv und hatten eine positivere Lebenseinstellung. Bei Fallträumen war es umgekehrt.

«Dieses Ergebnis stützt die Annahme, dass Flugträume ein Bild für positive Gefühle im Wachzustand sein könnten», sagt Schredl.

Jeder Traum ist individuell

Man geht heute davon aus, dass wir im Traum Gefühle verarbeiten, die uns im Wachzustand beschäftigen. So vielfältig wie Flugträume sein können, so individuell müsse man sie daher auch interpretieren, sagt Verena Kast.

Von schematischen Deutungen wie der sexuellen Interpretation von Flugträumen – wie noch zu Siegmund Freuds Zeiten – hat man schon lange Abstand genommen. Doch wenn jemand einen Flug im Traum als «orgiastisch» beschreibt, dann können sexuelle Wünsche und Erfahrungen durchaus mit den Flugträumen verbunden sein.

Gerade bei Flugträumen seien die Gefühle nach dem Aufwachen besonders wichtig: War es schön? Oder eher beängstigend?

Der Absturz

Auch wenn es selten vorkommt: Flugträume können auch erschreckend sein, weil die Träumer nicht mehr landen können oder abstürzen.

«Die Luft ist zum Atmen für uns da. Wenn wir uns in ihr bewegen, flüchten wir uns in eine Fantasie», sagt die Psychoanalytikerin. Für eine Person, der es nicht gut geht, könne das Fliegen eine Flucht sein und der Absturz bedeuten: Du musst zurück auf den Boden.

Auch Grössenfantasien können zu wahren Höhenflügen führen. Und obwohl Höhenflüge inspirierend sind, ist eine unsanfte Bauchlandung vielleicht ein Weckruf.

Die Erkenntnis nutzen

Für Verena Kast lohnt es sich in jedem Fall, Flugträume näher anzuschauen, denn Fliegen ist eine Perspektive, die wir im Wachzustand nicht einnehmen könnten.

«Der Traum bringt mir eine Information meiner eigenen Innenwelt. Wenn dieser Perspektivwechsel mir eine Möglichkeit aufzeigt, wie ich reagieren kann, dann verändert sich natürlich alles.»

Wer sich also nach dem nächsten Flugtraum erst mal vom Absturz erholen muss, könnte seine Lebenssituation überdenken wollen. Und wer mit Glücksgefühlen aufwacht, möchte vielleicht den festgezurrten Alltag wieder mit mehr Lockerheit angehen.

Warum träumen wir vom Fliegen?

Mit den Vögeln waren wir nie verwandt. Warum träumen wir also von Dingen, die wir im
Wachzustand nicht können? Eine Antwort gibt es nicht, hier einige
Spekulationen:

Aus der Tiefenentspannung kennt man einen Schwebezustand, der
auftritt, wenn die Muskeln ganz entspannt sind. Bei Schlafenden ist das vor
allem in der REM-Phase der Fall, der Schlafphase, in der wir träumen.
Andere Forscher vermuten, dass das Gleichgewichtsorgan während des Schlafes spezifische Impulse ans Gehirn sendet. Aber warum träumen wir dann nicht jede Nacht vom Fliegen?

Es gibt auch psychologische Ansätze. Sigmund Freud beispielsweise führt die Flugträume darauf zurück, dass wir als Kinder in die
Luft geworfen wurden – für die meisten Kinder ein ungemein schönes
Erlebnis.

Quelle: Michael Schredl, «Wenn man im Traum fliegen kann»

Zur Person

Zur Person

Verena Kast, geb. 1943, studierte Psychologie, Philosophie und Literatur und promovierte in Jung'scher Psychologie. Kast war Professorin für Psychologie an der Universität Zürich. Sie ist Dozentin und Lehranalytikerin am dortigen C.-G.-Jung-Institut, Psychotherapeutin in eigener Praxis und hat das Buch «Die vier Elemente im Traum» mitverfasst.

Buchhinweis

«Die vier Elemente im Traum»: Ingrid Riedel (Hg.), Walter Verlag 1993.

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