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Bericht zum Zustand der Natur Die Wissenschaft nimmt indigene Völker endlich ernst

Lange meinte die Wissenschaft, besser über die Natur Bescheid zu wissen als die Ureinwohner. Ein globaler Bericht zum Zustand der Natur trägt diesem Wissen von indigenen Völker nun erstmals Rechnung.

Mann mit Gewehr steht am Rande des zugefrorenen Meeres
Legende: Inuit verfügen über einzigartiges Wissen über ihre Umgebung. Dem trägt nun auch die Wissenschaft Rechnung. imago/robertharding

Die Warnung ist deutlich: Die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten und an natürlichen Lebensräumen nimmt gefährlich ab. Das schreibt der Weltrat für Biodiversität IPBES in seinem neuen Bericht.

Neu ist das nicht. Was hingegen neu ist am Rapport: Erstmals haben nicht nur Wissenschaftler dazu beigetragen, sondern auch Mitglieder indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften.

Ein Novum, das man als Zeichen der Demut deuten kann: Der Natur geht es schlechter, ohne dass die Wissenschaft dies mit ihren Rezepten verhindern könnte.

Indigene verfügen über anderes Wissen

Unter solchen Umständen ist es klug, offen für Neues zu sein, sagt Zsolt Molnár. Der ungarische Botaniker hat am IPBES-Bericht mitgearbeitet. «In vielen Regionen der Erde leben Menschen, die die Natur gut kennen, aber auf eine andere Art als die Wissenschaft», erklärt er.

Gemeint ist damit etwa das Knowhow der Aborigines in Australien, das es ihnen über Jahrtausende ermöglicht hat, in der Wüste zu überleben. Oder die intime Kenntnis der Inuit über Eisbären, Robben und Schnee.

Solches Wissen aus Erfahrung ist nicht in Lehrbüchern niedergeschrieben. Es ist über lange Zeit mündlich weitergegeben worden, oft als Geschichten und Mythen.

Weniger präzise Sicht auf die Welt?

Nicht alle waren begeistert von der Idee, so genanntes traditionelles Wissen in den Bericht aufzunehmen, verrät Molnár. Diese Sicht auf die Welt sei manchmal anders als jene der Wissenschaft: weniger fundiert und weniger präzise, fürchten einige Forscher.

Warum der IPBES trotzdem traditionelles Wissen in seinen Bericht einfliessen liess, zeigt ein Beispiel: Zsolt Molnár arbeitet mit Hirten zusammen, die Schafe und Kühe auf den Steppen Ungarns weiden. Sie tun dies so, wie sie es von ihren Vätern und Grossvätern gelernt haben.

Vollständigeres Bild einer Landschaft

Anfangs war der Kontakt zwischen den beiden Welten nicht einfach. Ein Hirte sagte den Forschern, er sei von Forschern auch schon geringschätzig behandelt worden. Er sei aber nicht weniger wert, weil er keine Universität besucht habe.

Molnár sagt dazu: «Wenn man einem Hirten mit Respekt begegnet und ihm sagt, was man von ihm lernen will, ohne ihn zu belehren; wenn man Zeit auf der Weide verbringt, bei Hitze oder Regen, dann kann man sein Vertrauen gewinnen.»

Hirte mit einer Kuhherde
Legende: Wenn Wissenschaftler und Hirten die Natur gemeinsam erforschen, kann dies Konflikte vermeiden. Imago/Weißfuß

«Ich habe von den Hirten zum Beispiel gelernt, wie man ein vollständigeres Bild einer Landschaft bekommt», sagt Molnár. Man dürfe nicht nur die physischen und biologischen Komponenten betrachten, sondern müsse auch die Menschen und ihre Nutztiere in die Gleichung aufnehmen.

Gemeinsame Lösungen für Naturschutz

Die Hirten ziehen mit ihren Tieren auch durch Schutzgebiete. Dabei prallen ihre Bedürfnisse öfter auf jene der Park-Ranger.

Wenn Wissenschaftler und Hirten die Natur gemeinsam erforschen, kann dies Konflikte vermeiden, sagt Molnár: «Gemeinsam kann man Lösungen entwickeln, die für Hirten und Naturschutz akzeptabel sind.»

Manche Hirten entfernen nun zum Beispiel grosse Büsche aus den Sümpfen. Das lockt im Sommer die Vögel an, und für die Nutztiere wächst besseres Gras.

«Es ist Zeit für einen Wandel»

Dass der Weltrat für Biodiversität Augen und Ohren hat für Hirten, Inuit, Aborigines und andere, sei eine gute Entwicklung, sagt George Nicholas. Der kanadische Historiker beschäftigt sich mit traditionellem Wissen und den Rechten indigener Völker.

«Der Kolonialismus hat viele Gesellschaften zur Seite geschoben, die Wissenschaft deren Wissen lange nicht wahrgenommen», meint er. «Es ist Zeit für einen Wandel.»

Traditionelles Wissen nicht romantisieren

In vielen Fällen habe die Wissenschaft mittlerweile traditionelles Wissen bestätigt. In Kanada zum Beispiel haben indigene Völker vor langer Zeit vor der Küste Muschelgärten angelegt, die äusserst produktiv sind.

Die Inuit in Alaska haben lange gesagt, dass sich die Populationen der Grönlandwale viel stärker erholt haben, als dies Forscher wahrhaben wollten. Genaue Zählungen haben den Inuit schliesslich recht gegeben.

Gemeinsame Forschung

Es gehe allerdings nicht darum, solches traditionelles Wissen zu romantisieren, sagt Nicholas: «Niemand behauptet, dass alles korrekt ist.» Genauso wenig wie man behaupten könne, dass alles, was die Wissenschaft verkünde, immer richtig sei. Man denke nur an die ständig wechselnden Ernährungsempfehlungen.

Ein vollständigeres Bild unserer Welt

Vieles, was traditionelle Gesellschaften weitergeben, ist aus wissenschaftlicher Sicht sperrig. Zum Beispiel die verbreitete Ansicht, dass alle Materie belebt sei.

«Deswegen aber alles traditionelle Wissen abzulehnen, ist falsch», sagt George Nicholas. Es sei vielmehr ein Anstoss für Debatten darüber, was gültiges Wissen sei und was nicht. Als Preis winke ein vollständigeres Bild unserer Welt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 24.03.2018, 12.40 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    Als Mechaniker fast seit Geburt fasziniert mich jeglicher Gebrauch von Metallen. Mein Wissen verblasst aber beim Vergleich zu einem San-Medizinmann.Er ist fähig,Eisenerz zu finden,dieses auf selbstgemachtem Feuer(mit Reibholz)zu rösten und zu verhütten und daraus Werkzeuge herzustellen.Das ist Fertigungstiefe 100%. Dagegen verblasst jede im Computer generierte Konstruktion.Was würde ich dafür geben,einen solchen Könner bei seiner Arbeit begleiten zu dürfen.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Die Herstellung des Rohstoffes hat mit der Konstruktion nichts direkt zu tun. Wieso sollte also die Fähigkeit dieses Mannes irgend einer Konstruktion Abbruch tun? 100% Fertigungstiefe ist zudem in den allermeisten Fällen gar nicht erstrebenswert. Dann wäre noch die Frage nach der gleichbleibenden Qualität des Materials und den Eigenschaften im Detail. Dies wiederum tut diesen alten Fähigkeiten keinen Abbruch, aber ich meine, deren Würdigung sollte realistisch sein.
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  • Kommentar von Sam Weissman (Anthropaul)
    Wow, da wird berichtet, als wäre dies neu, dabei reden wir hier nur von den Naturwissenschaften. Die Sozialanthropologie, Ethnologie und auch die Geographie arbeiten schon länger so, vor allem erstere. Auch zu Umwelt, Naturschutz, Biodiversität, etc. gibt es viel empirische Forschung wo lokales Wissen und Praxis dokumentiert ist. Vielleicht sollten auch die verschiedenen WissenschafterInnen mehr miteinander Austauschen, denn die Anthropologen haben die Methoden wie sich im Feld zu verhalten.
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  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Schade, wurde inzwischen schon viel zuviel von überliefertem Wissen zerstört. Das Gespür dafür ist der modernen Welt bereits weitgehend abhanden gekommen.
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