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Sterben für die Forschung – zu Besuch im Tierversuchslabor
Aus Wissenschaftsmagazin vom 14.11.2020.
abspielen. Laufzeit 26:03 Minuten.
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Besuch im Tierversuchslabor Wie steht es in der Schweiz heute mit Tierversuchen?

Forschende, die mit Tierversuchen arbeiten, wollen mehr Transparenz schaffen. Ihr Ziel: Weniger und bessere Tierversuche. Ob das gelingt?

10 Jahre ist es her, seit über 60 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die sogenannte «Deklaration von Basel» , Link öffnet in einem neuen Fensterverabschiedet haben. Damit verpflichteten sie sich, künftig besser über Tierversuche zu informieren, die Methoden im Sinne des Tierschutzes zu verfeinern und, wo möglich, auf Alternativen zu Tierversuchen zurückzugreifen.

Was ist aus diesen Versprechen geworden? Ein Besuch im Tierversuchslabor liefert Antworten.

Forschung mit Mäuseembryonen

Rolf Zeller und Aimée Zuniga arbeiten beide mit Mäusen. Sie leiten an der Universität Basel am Departement für Biomedizin eine Forschungsgruppe, die sich mit der Entwicklung von Organen beschäftigt.

Anhand von Mäuseembryonen untersuchen sie, wie sich das An- oder Abschalten gewisser Gene auf die Organbildung auswirkt. Dazu töten sie die gezüchteten Mäuseweibchen und entnehmen diesen die Embryonen.

Eine Frau und ein Mann in einem Labor. Sie tragen Schutzmasken
Legende: Die beiden Forschenden Aimée Zuniga und Rolf Zeller befürworten den Einsatz von alternativen Methoden. Christian von Burg

«Erkenntnis pro Versuchstier gestiegen»

«Niemand macht das gerne», sagt Zeller, «aber wir brauchen diese Tiere für die Forschung». Seit einigen Jahren züchteten sie viel gezielter, sagen die Forschenden. Die Zahl der Embryonen, die pro Weibchen gewonnen werden kann, habe sich erhöht. «Insgesamt ist auch die Erkenntnis, die wir pro Tier gewinnen, gestiegen», so Zeller.

Dennoch ist die Zahl der Versuchstiere in der Schweiz in den letzten Jahren nicht stark gesunken. «Warum das so ist, haben wir uns auch gefragt», erklärt Aimée Zuniga. «Aber die Technologie hat solche Sprünge gemacht, dass wir heute einfach schneller forschen.»

Der rasante Fortschritt kurbelt also die Forschungstätigkeit und damit den Verbrauch an Tieren wieder an.

Tierversuche in der Schweiz

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Tierversuche in der Schweiz

Laut Schweizer Tierschutzverordnung sind Versuche an Tieren nur erlaubt, wenn es keine Alternative gibt.

Die aktuelle Tierversuchstatistik des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigt, dass 2019 in der Schweiz insgesamt 572'069 Tiere für Tierversuche eingesetzt wurden. Die Gesamtzahl der eingesetzten Versuchstiere ist 2019 – wie in den drei Jahren zuvor – leicht gesunken.

Die Abnahme der eingesetzten Tiere ist vor allem darauf zurückzuführen, dass im Vergleich zum Vorjahr weniger Mäuse und Fische zum Einsatz kamen. Die Versuche mit mittlerer bis schwerer Belastung für die Tiere sind angestiegen. Der Anteil Tiere, die Versuchen mit einer schweren Belastung ausgesetzt waren, entsprach 3.2 Prozent.

Tierschutz kritisiert die Forschenden

Tierschützerinnen wie Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz STS sind noch nicht zufrieden mit den Bemühungen der Forscherinnen und Forscher. Sie übt grundsätzliche Kritik: «Viele Versuche in denen das Tier als Modell für den Mensch dient, also zum Beispiel Medikamentenversuche, bringen einfach nichts», sagt sie.

Zudem gebe es heute gute Alternativen zum Tierversuch, etwa der Einsatz künstlich gezüchteter Miniorgane, sogenannte Organoide. Diese würden in der Schweiz viel zu selten angewendet.

Video
Stammzellenforschung und Organoide: Alternativen zu Tierversuchen
Aus Einstein vom 24.08.2017.
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«Alternative Modelle haben ihre Grenzen»

Es sei richtig, dass man Resultate nicht eins zu eins vom Tier auf den Menschen übertragen könne, entgegnen die Forschenden. «Trotzdem bringen uns auch solche Tierversuche oft in wichtigen Punkten weiter», sagt Zeller.

Einig mit dem Tierschutz sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Einschätzung, dass alternative Methoden, wie der Einsatz von Organoiden, wichtig seien.

Auch die Forschenden haben das Ziel, solche aus Stammzellen gezüchteten Mikrostrukturen häufiger einzusetzen. «Aber diese künstlichen Modelle haben irgendwann meist doch ihre Grenzen», so Aimée Zuniga. «Dann müssen wir wieder auf das Versuchstier zurückgreifen».

Der Austausch hat sich verbessert

Es bleibt für die Forschenden also nicht einfach, Tierversuche zu vermeiden – ohne ihre Forschungsfragen einfach aufzugeben. Immerhin einen Punkt hat die Basler Deklaration verbessert: die Kommunikation.

Insbesondere unter den Forscherinnen und Forschern wird heute intensiver über Tierversuche diskutiert als früher. Auch mit moderaten Tierschützern hätten sie das Gespräch gesucht, ebenso mit der Öffentlichkeit. «Mir war das früher nicht so bewusst», sagt Aimée Zuniga. «Aber wir müssen den Menschen erklären, was wir tun.»

SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 14.11.2020, 12:38 Uhr.

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