Neues aus der Krebsforschung Darf der Zufall schuld an Krebs sein?

Ein Onkologe kämpft für seine Botschaft: Der Zufall sei häufiger schuld an Krebs als Umwelteinflüsse oder Vererbung.

Zwei Hände in Plastikhandschuhen bearbeiten Laborproben.

Bildlegende: Die Risikofaktoren Sonnenlicht, Rauchen und Übergewicht sind bekannt. Der Zufall ist jedoch auch nicht zu unterschätzen. Reuters

  • Der Mensch besteht aus über 100 Billionen Zellen, die sich ständig teilen. Dabei geschehen Fehler – und manchmal entsteht durch diese Fehler Krebs.
  • Die Studie des Krebsforschers Bert Vogelstein beweist, dass bei Krebs Vererbung und Umwelteinflüsse offenbar nicht die Hauptrolle spielen.
  • Der Zufall als Krebsursache ist umstritten – Kritiker befürchten, dass die Erkenntnis Erfolge in der Prävention gefährdet.

Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein Kind erkrankt an Leukämie. Die Eltern tun alles, damit es schnell die richtige Therapie bekommt, sprechen mit Experten und suchen Rat bei anderen Eltern.

Und: Sie lesen nach. Eine beliebte Quelle ist das Internet. Dort steht sehr viel über die Ursachen von Krebs, geschrieben auch von renommierten Experten. Darüber sprach Bert Vogelstein, Onkologe und Forscher an der Johns-Hopkins-Universität, diese Woche bei einer Pressekonferenz in Washington.

«Der Feind ist in uns»

Der Tenor der Botschaften im Netz sei: Krebs ist entweder durch die Umwelt verursacht oder durch Vererbung. Für Eltern bedeute das: Sie haben ihrem Kind die Erkrankung vererbt, oder sie haben es Umweltfaktoren ausgesetzt, die die Krankheit ausgelöst haben.

Das löse immense Schuldgefühle aus, sagt Vogelstein. Oft genug habe er das als Kinderonkologe erlebt.

Die Botschaft, die den Eltern kranker Kinder da entgegenschlägt, sei falsch: «Wir wissen jetzt, dass die meisten Feinde schon in uns sind.»

Der Mensch ist ein Zellhaufen

Ein kleiner Ausflug in die Biologie: Jeder Mensch hat im Schnitt 100 Billionen Zellen. 100 Billionen Bausteine, die zusammen unseren Körper ergeben.

Einige dieser Zellen produzieren ein Leben lang neue Zellen. Sie teilen sich immer und immer wieder. Besonders häufig die Zellen der Darmschleimhaut, oder jene im Knochenmark, die unser Blut produzieren.

Krebs als Kopierfehler

Bei jeder Zellteilung muss auch die Erbsubstanz vervielfältigt werden. Dabei geschehen winzige Kopierfehler – in jeder Zelle. Pro Zellteilung im Schnitt drei Fehler.

Wenn es dumm läuft, entsteht dabei eine Krebszelle. Die Studie, die Bert Vogelstein jetzt vorlegt, versucht zu beziffern, wie viel diese zufälligen Fehler zu unser aller Krebsrisiko beitragen.

Zufällige und andere Krebse

Bei Tumoren im Gehirn, in der Prostata, im Knochen und bei praktisch allen Kinderkrebsarten gelte: Die Fehler sind fast ausschliesslich Zufall. Vererbung und Umwelt spielen kaum eine Rolle.

Ganz anders sei das bei bestimmten Formen von Lungenkrebs. Dort löse bei neun von zehn Patienten der Faktor Rauchen die fatalen Fehler aus. Insgesamt über alle Krebsarten hinweg betrachtet, sei der Hauptschuldige aber Faktor Zufall.

Arztkollegen regierten entsetzt

Es ist nicht das erste Mal, dass Bert Vogelstein diese These aufstellt und mit Zahlen untermauert. Vor zwei Jahren veröffentlichte er eine Studie mit derselben Aussage.

Damit löste er einen Sturm der Entrüstung aus. Kollegen widersprachen heftig, und stellten selbst Berechnungen an, die zu komplett anderen Ergebnissen kamen.

Insbesondere die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Internationale Agentur für Krebsforschung widersprachen Vogelstein vehement. Für eine Stellungnahme war die WHO diese Woche nicht zu erreichen.

Ein Grund für ihre Position 2015 war offenbar die Sorge um bisher Erreichtes. Etwa Erfolge im Kampf gegen Tabakkonsum oder Verbote klar krebserregender Substanzen.

Eigentlich klar, aber

Thomas Cerny, Onkologe und Chefarzt der Klinik für Onkologie am Kantonsspital St. Gallen, sagt: Vogelstein habe Recht. Das sei eigentlich längst klar.

Doch mit Blick auf die Tabakindustrie und Lebensmittelkonzerne sagt er: «Es gibt grosse Kräfte, die ein solches Paper sofort ausschlachten und sagen: ‹Seht es ist nichts anderes als Pech. Irgendwann gibt’s Fehler und dann kommt der Krebs.›»

So dürfe man die Studie eben nicht auslegen. Risikofaktoren wie Sonnenlicht, Rauchen und Übergewicht würden ganz sicher eine Rolle spielen. Punkt. Aber eben auch der Faktor Zufall.

Viele Fragen und eine eindeutige Botschaft

Den Streit findet Cerny eigentlich unnötig: «Ich verstehe nicht, warum das eine Kontroverse sein soll. Beides ist nicht falsch, beziehungsweise: Beides ist richtig.» Er plädiert dafür, den Streit zu beenden.

Die Krux liegt in der Frage, was für Schlüsse man aus der neuen Studie ziehen muss. Vogelstein hofft, dass die Studie andere Forscher überzeugt und sie dazu inspiriert, Strategien zur Früherkennung und frühen Behandlung zu entwickeln.

Eine Botschaft jedenfalls ist eindeutig: Sicher kann und soll man Risikofaktoren minimieren, aber von Schuld sollte man bei Krebs nie sprechen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 25. März 2017, 12.40 Uhr.

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