Rekordwärme im hohen Norden Der Winter in der Arktis spielt verrückt

Die letzten Monate war es im hohen Norden oft aussergewöhnlich warm. Darum bildete sich nur wenig Eis auf dem Ozean – das hat globale Folgen.

Arktisches Eis, dazwischen eine grosse Fläche Wasser.

Bildlegende: Die sommerliche Eisfläche in der Arktis ist in den letzten Jahrzehnten massiv geschrumpft. Colourbox

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Reihe von Stürmen brachte immer wieder warme Luft in die Arktis. Teilweise lag die Durchschnittstemperatur mehr als 10 Grad Celsius über dem Üblichen.
  • Es entstand nur wenig Eis auf dem arktischen Ozean – und dieses blieb vielerorts dünn. Darum befürchten Forscher im Sommer einen besonders starken Rückgang.
  • Die starke Erwärmung der Arktis hat globale Konsequenzen. Zum Beispiel führt sie vermutlich zu langanhaltenden Kältewellen in Europa und Nordamerika.

In diesem Winter haben Forscher in der Arktis einen Klima-Rekord nach dem anderen registriert: Auf dem norwegischen Archipel Spitzbergen lag die Durchschnittstemperatur während einiger Novemberwochen um 11 Grad höher als normal.

Nordsibirien und Alaska meldeten zur selben Zeit ebenfalls Rekordwärme. An Weihnachten herrschte am Nordpol fast Tauwetter, verbunden mit einem Sturm.

Ein Unwetter nach dem anderen

Und so ging es weiter, sagt Mark Serreze vom nationalen Datencenter für Eis und Schnee der USA (NSIDC): «Ein Unwetter nach dem anderen ist in die Arktis vorgedrungen und hat viel warme Luft mitgeschleppt.» Serreze beobachtet das arktische Klima seit Jahren - so etwas habe er noch nie gesehen.

Etwas ratlose Klimaforscher versuchten nun herauszufinden, sagt Serreze, was im hohen Norden vor sich gehe. Denn die ungewöhnliche Wärme hat Konsequenzen - nicht nur für die Arktis, sondern weit darüber hinaus.

Schwindendes Eis heizt Arktis auf

Die Wärmephasen haben dazu geführt, dass sich diesen Winter auf dem arktischen Ozean nur wenig Eis gebildet hat. Noch sind die Messungen nicht abgeschlossen - aber vermutlich ist es so wenig, wie noch nie seit 1979, seit genau gemessen wird.

An vielen Stellen blieb das Eis dünn, es kann deshalb im kommenden Sommer besonders leicht schmelzen. Damit setzt sich der Trend der letzten Jahrzehnte fort: Seit den 1980ern ist die sommerliche Eisfläche um 40 Prozent geschrumpft. «Eine enorme Menge», sagt Mark Serreze.

Dieser Verlust heizt die Arktis weiter auf. Denn ein eisfreier Ozean saugt die Wärme der Sonnenstrahlung auf und heizt damit die Atmosphäre. Das helle Meereis hingegen reflektiert das Sonnenlicht ins All zurück. Weil dieser so genannte Albedo-Effekt abnimmt, ist die Temperatur im hohen Norden bereits doppelt so stark angestiegen wie das globale Mittel.

Weniger Eis, mehr eisige Winter

All dies wirkt sich auch bei uns aus. Die Wettermaschine der Erde wird davon angetrieben, dass es am Äquator viel wärmer ist als an den Polen.

Nun, da sich die Pole aufheizen und der Temperaturunterschied kleiner wird, gerät die Wettermaschine durcheinander, sagt Klaus Dethloff vom Alfred Wegener Institut in Potsdam: «Mit statistischen Methoden kann man zeigen, dass die Abnahme des Meereises in der Arktis mit Klima- und Wetteränderungen in den mittleren Breiten einhergeht.»

Zu spüren bekommt das Europa vor allem durch eisig-kalte Perioden im Winter, wie es sie in den letzten Jahren öfter gegeben hat, zuletzt diesen Januar. Das passiert, weil der stets nach Osten blasende globale Jetstream-Wind beginnt, Wellenbewegungen nach Nord und Süd zu machen und dabei warme Luft in die Arktis schaufelt und kalte Luft von dort nach Europa und auch in die USA.

Zusammenhänge sind umstritten

Dem starken Eis-Rückgang in der Arktis werden noch weitere Auswirkungen auf die globale Klimamaschine zugeschrieben: Manche Forscher denken, dass wir dieser Entwicklung in Europa feuchte Sommer verdanken.

Andere haben gerade die These aufgestellt, dass die Vorgänge im hohen Norden Wetterlagen begünstigen, die China und besonders Peking Stauwetterlagen und verheerenden Smog bescheren.

Allerdings sind diese Zusammenhänge umstritten, zu neu sind die Phänomene. Klimaforscher Dethloff zum Beispiel denkt, dass manche seiner Kollegen unterschätzen, wie stark natürliche Schwankungen sich im Klimasystem auswirken – dafür aber die Effekte überschätzen, die das vom Menschen produzierte Treibhausgas CO2 hervorruft. «Es gibt so viele Prozesse im Klimasystem – da ist es vollkommen klar, dass die Forschergemeinde diese unterschiedlich gewichtet», sagt Dethloff.

Eisfreie Arktis im Sommer?

Sein US-Kollege Serreze entgegnet: Selbstverständlich spielten natürliche Schwankungen eine Rolle. Aber solch dramatische Schwankungen wie in den letzten beiden arktischen Wintern seien ihm noch nie begegnet.

Er prophezeit deshalb, dass es bereits in 12 bis 15 Jahren den ersten meereisfreien Sommer geben könnte - zwei Jahrzehnte früher als der Weltklimarat IPCC angenommen hat.

Das könnte weitere ernste Konsequenzen für die ganze Welt haben, warnt eine neue Studie: der komplett eisfreie arktische Ozean würde dann so viel Sonnenwärme zusätzlich aufnehmen, dass sich nicht nur das Klima im hohen Norden deutlich schneller erhitzen würde, als bisher gedacht, sondern das Klima des ganzen Globus.

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Das «National Snow & Ice Data Center» stellt auf seiner Website ausführliche Informationen und Analysen zur Situation in der Arktis zur Verfügung.

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