Vorzeitliche Kunstwerke Die bedrohten Kunstschätze der Westsahara

Die Sahara war einst grün und belebt. Vorzeitliche Menschen ernährten sich von wilden Tieren. Sie fanden auch Zeit, Steine einzuritzen und Felswände zu bemalen. Diese wenig erforschten Kunstwerke sind heute bedroht – durch Erosion, aber auch durch den Krieg.

Eine Giraffe, auf Stein geritzt.

Bildlegende: Giraffe auf Gestein: Kunst von vorzeitlichen Menschen in Sluguilla Lawash, Westsahara. Judith Huber

  • Zwischen 8000 v. Chr. bis 3000 v. Chr. herrschte in der Sahara ein Savannenklima mit trockenen und regnerischen Jahreszeiten. Menschen und Tiere lebten in der heute lebensfeindlichen Wüste.
  • Die Sahara wurde damals zum Zentrum kultureller Entwicklung: Menschen ritzten Steinplatten ein und bemalten Felswände.
  • Heute sind diese Kunstwerke bedroht – vom Mensch und von der Erosion.

Was Klimawandel bedeutet, das haben bereits die Menschen der Vorzeit erfahren. Als vor rund 10'000 Jahren in Europa die Gletscher schmolzen, hatte das auch in Afrika Folgen.

Das Monsunsystem verschob sich, Regenwolken trieben vom Golf von Guinea in Richtung Inland. Die Sahara, vorher eine Einöde, wurde feucht.

Zwei Giraffen-Zeichnungen auf Stein.

Bildlegende: Kleine, feine Zeichnungen: Giraffen-Malerei in Erkeyez, Westsahara. Mohammed Sulejman Labat

Die Sahara als Zentrum kultureller Entwicklung

Es entstand ein Savannenklima mit trockenen und regnerischen Jahreszeiten, genug Wasser und Weideland. Von Süden her drangen Herden von Grosswild ein und mit ihnen kamen Menschen. Die Sahara wurde zu einem Zentrum kultureller Entwicklung.

Diese Gesellschaft von Jägern und Sammlern fand offenbar genug Zeit und Musse, sich künstlerisch zu betätigen: Die Menschen ritzten Steinplatten ein und bemalten Felswände. Beliebtes Motiv war das Grosswild, das sie umgab: Elefanten, Giraffen, Nashörner, aber auch Strausse und Büffel.

Über die Künstler weiss man wenig

Ob diese Darstellungen eine religiöse Bedeutung hatten, weiss man nicht. Auch über die damaligen Menschen ist wenig bekannt. Forscher nehmen an, dass es kleine Gruppen ohne viel Besitz waren, die dauernd unterwegs waren.

Schriftzeichen haben sie keine hinterlassen. Was für eine Sprache sie verwendeten, ist unbekannt, ihre Religion auch.

Viele dieser Ritzzeichnungen und Malereien haben sich bis heute erhalten. Die frühen Menschen und die Tiere aber leben schon lange nicht mehr dort, denn vor etwa 5500 Jahren schlug das Klima wieder um. Es begann eine Trockenphase, die bis heute andauert. Mensch und Tiere wanderten in grünere Gebiete. Heute ist dort unwirtliche Wüste, es leben wenige Nomaden mit ihren Kamel- und Ziegenherden dort.

Ein Tier-Sujet, das in einen Felsen geritzt ist.

Bildlegende: Eine prähistorische Ritzzeichnung in Sluguilla Lawash. Judith Huber

Eingravierte Steine auf Schritt und Tritt

Solche Kunstwerke aus der Vorzeit finden sich auch in der Westsahara. Das riesige Gebiet in Nordwestafrika, das eine Zeitlang eine spanische Kolonie war, ist heute in zwei Teile geteilt: in den von Marokko besetzten Teil und in ein Wüstengebiet, den die Polisario kontrolliert, die Rebellenbewegung der sahrauischen Nomaden, die für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpft.

Diese sogenannte «freie Zone» ist militärisches Sperrgebiet und kaum besiedelt, es gibt weder Strassen noch ein Handynetz und kaum Wasser. Aber in dieser Einöde gibt es besonders viele und wenig erforschte frühe Kunstwerke: vor allem eine riesige Zahl von Ritzzeichnungen auf Steinplatten.

Von Mensch und Natur bedroht

Doch diese archäologischen Schätze sind bedroht – nicht nur durch die natürliche Erosion, sondern auch durch den Menschen. Der jahrelange Krieg zwischen der Polisario und Marokko hat grosse Zerstörungen angerichtet. Ausserdem werden eingeritzte Steinplatten geraubt oder beschädigt – pikanterweise auch von Uno-Soldaten, die die Einhaltung des Waffenstillstands überwachen.

Ein beschädigtes Kunstwerk.

Bildlegende: «Raubkunst»: Hier in Sluguilla Lawash wurde ein Teil einer prähistorischen Ritzzeichnung weggeschlagen und geraubt. Judith Huber

Die Sahrauis, deren Exilstaat international nur von wenigen Staaten anerkannt ist, haben keine Mittel, um dieses Kulturerbe zu erforschen und zu schützen. Unterstützung erhalten sie nur von wenigen westlichen Universitäten.

Und die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Wissenschaft und Kultur, will nicht mit den sahrauischen Nomaden und ihrer Sahara-Republik zusammen arbeiten, weil es ihr politisch zu heikel ist. So bleibt dieses gigantische Freilichtmuseum nicht nur praktisch unbekannt, sondern auch weitgehend ungeschützt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 08.03.17, 09:00 Uhr.

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