Witziges Buch Kopfsache: Wie das Hirn uns durch das soziale Leben steuert

Soziales Leben bedeutet nicht selten Stress. Wie uns das Hirn hilft, die alltägliche Hürden zu meistern, erzählt eine Neuroforscherin in ihrem Wissenschaftsbuch mit Witz.

Eine Frau  mit einem Stahldraht vor dem Kopf.

Bildlegende: Die Wirren des sozialen Lebens: Das Hirn hilft uns über die Hürden des Alltags hinweg. Photocase / ina.mija

Wie sehr wir etwas brauchen, merken wir oft erst, wenn es schief geht. Die Rede ist in diesem Fall von den sozialen Fähigkeiten unseres Gehirns.

Ohne sie könnten wir uns nicht mit anderen austauschen, nicht streiten, nicht schmollen und uns nicht wieder versöhnen. Ohne das soziale Gehirn keine Gesellschaft, keine Kultur, keine Arbeitsteilung und keine Liebe.

Das «soziale Gehirn» im Alltag

Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen hat über dieses «soziale Gehirn» ein Buch geschrieben, das den aktuellen Stand der Forschung wiedergibt und dabei erhellende Aha-Effekte erzeugt.

Denn es geht um Situationen, die jeder schon erlebt hat: die erste Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Eine verpatzte Verabredung. Die Funken, die zwischen Verliebten springen. Oder um Nachbarn, deren Kommunikation einen vor Rätsel stellt.

Das Hirn in der Historie

Franca Parianen fängt mit dem Erklären wirklich vorne an: bei der menschlichen Entwicklung von Neugeborenen und Kleinkindern. Bei der Evolution unserer Urahnen und unserer nächsten Verwandten, den Primaten. Und in der Kulturgeschichte bei den Jägern und Sammlern.

Sie geht schrittweise vor – von unserer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die Kommunikation eines Gehirns mit sich selbst sozusagen, zur Beziehung zwischen zwei Gehirnen, bis hin zu unserem Verhältnis zu Gruppen, ganzen Nationen oder dem Rest der Welt.

Wissenschaftler am Werk

Nebenbei erzählt Parianen, wie Forscher arbeiten. Zum Beispiel, wie sie erforschen, ob ein Kleinkind sich selbst erkennen kann oder nicht. Oder wie sich unsere Wahrnehmung verändert, je nachdem, welches Hormon uns gerade am meisten beeinflusst.

Spiegelneuronen, Theory of Mind, das Kuschelhormon Oxytocin oder das Aggressionspotential von Testosteron: Viele Schlagworte, die man vielleicht schon einmal gehört hat, greift die Autorin auf und stellt jeweils den aktuellen Wissensstand vor.

Mut zum Humor

Franca Parianen ist jung, erstaunlich jung, Jahrgang 1989. Vielleicht wagt sie es deshalb, zu etwas mehr Humor zu greifen als andere Autoren, die über Hirnforschung auch schon viel Kluges geschrieben haben.

Dabei belegt sie, was sie schreibt, mit ausführlichen Quellennachweisen. Jeder, der will, kann also nachgraben und dort weiterlesen, wo es ihn besonders interessiert.

Geistreiches Buch, geklauter Titel

«Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?» ist ein Buch für alle, die Wissenschaft mögen, dabei gerne lachen und wissen wollen, warum Missverständnisse immer dann entstehen, wenn man sie am wenigstens brauchen kann. Vorkenntnisse: nicht notwendig. Erhellende Einblicke ins menschliche Zusammenleben sind garantiert.

Der Titel des Buches ist übrigens geklaut. «Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?» ist ein Zitat von Edward Forster, einem britischen Schriftsteller, der unter anderem den Roman «Howards End» geschrieben hat.

Darin schreibt er über Irrungen und Wirrungen in der britischen High-Society vor über 100 Jahren. Ganz klar: Das Thema des Buchs beschäftigt uns, seit wir existieren.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 27.04.2017, 09.00 Uhr.

Buchhinweis

Franca Parianen: «Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Die Hirnforschung entdeckt die grossen Fragen des Zusammenlebens». Rowohl, 2017.

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