Zwei Männer und ihre lebenserhaltenden Maschinen

Olivio Lorenzetti muss alle 48 Stunden für einen halben Tag an die Dialyse, sonst vergiftet er sich selbst. Willi Isler ist Lungenkrebspatient, ohne Sauerstoffmaschine würde ihm die Luft ausgehen. Wie leben sie mit der Abhängigkeit von Maschinen?

An der Dialyse-Maschine: Ein Mann liegt auf einem Schragen, an seinem Unterarm hängen Schläuche, durch die Blut fliesse.

Bildlegende: Lebensrettende Maschine - viele Menschen sind davon abhängig. Colourbox

Ein Mann neben einer medizinischen Maschine.

Bildlegende: Olivio Lorenzetti und seine Maschine, die Fresenius 5008. SRF

Auf den ersten Blick sieht man gar nichts. Olivio Lorenzetti kehrt die ersten Herbstblätter auf dem Rasen um sein kleines Vorstadthaus. Mit Gummistiefeln kommt er mir federnden Schrittes entgegen. Schlank und rank, Schalk im Gesicht, lange Haare. «Mögen Sie einen Espresso trinken?»

Im Wohnzimmer zeigt er seinen Oberarm: Zwei kugelförmige Ausbuchtungen sind beim Bizeps zu sehen. Verbindungsorte zwischen Lorenzetti und der Fresenius 5008 – Lorenzettis Lebensversicherung. Er ist schwer nierenkrank. Alle zwei Tage verbindet er sich für viereinhalb Stunden mit seiner Heimdialyse, eine zimmerfüllende Blutwaschmaschine mit einer Art Zahnarztstuhl und flexiblem Beistelltisch. Darauf liegen sterile Kanülen, Spritzen, Desinfektionsmittel und Verbandstoff. Zu sehen sind auch Kanister voller Flüssigkeit, ein Monitor und andere Messgeräte.

Lorenzetti ist ein kompetenter Patient. Er weiss über seine Fresenius genauso Bescheid wie über seine Krankheit. Seit er 23 Jahre alt ist, versagen seine Nieren. Zweimal wurde ihm schon eine Niere transplantiert. Die eine, ein Geschenk seiner Mutter, tat ihren Dienst sieben Jahre lang. Die zweite hat er nach einem Jahr bei einer schweren Infektion abgestossen. Seither ist er auf das regelmässige Blutreinigungsverfahren angewiesen. Diese Abhängigkeit auf Leben und Tod belastet ihn wenig. Er ist einfach nur dankbar für diese Errungenschaft der modernen Medizin.

Die Atmungshelferin

Anderes als Olivio Lorenzetti hängt Wilfried Isler fast pausenlos an seiner Maschine. Der 61-jährige Mann hat eine Sauerstoffkanüle in den Nasenlöchern. Diese mündet unterhalb seines Bauches in einen langen Spiralschlauch. So kann der Lungenkrebspatient sich frei in der Wohnung bewegen.

Aufpassen muss er nur, dass seine sechs Katzen nicht allzu sehr dem Spiel mit den Nasenschläuchen verfallen. Die scharfen Katzenzähne würden nämlich den Plastik löchern und die Luft träte aus, bevor sie die Nase des Katzenfreundes und früheren Kettenrauchers erreicht. Dann würde die Luft dünn.

Vor elf Jahren hat der ehemalige Elektrotechniker die Schreckensdiagnose Lungenkrebs bekommen. Er wurde bestrahlt, chemotherapiert, operiert und hat seither das Rauchen gelassen. Seit neun Jahren hängt er Tag und Nacht an der gurgelnden Sauerstoffmaschine.

Weil die Lungenkrebsoperation auch seine Schulterknochen havariert hat, kann Wilfried Isler nicht schwer tragen.

Ausser Haus ist er zusätzlich auf einen Elektroscooter angewiesen, ein rollstuhlähnliches Gefährt, das ihm die Sauerstoffflaschen transportiert. «Pfüpfi» nennt er es. Ein zärtlicher Name, der darauf schliessen lässt, dass Isler nicht auf Kriegsfuss ist, mit dem, was ihn am Leben hält.

Eins mit der Maschine

So unterschiedlich die Krankheit der beiden Männer und ihre Maschinen auch sein mögen, gemeinsam ist ihnen die Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihren «Lebensversicherungen». Wilfried Isler will von Abhängigkeit wenig wissen und betont, wie frei ihn der Sauerstoff aus der Maschine und «Pfüpfi» machen. Früher konnte er nirgendwohin, Anstrengung war tabu. Heute ist er frei. Auf dem kleinen Matterhorn war er kürzlich und an die Fasnacht darf er wieder. Fast kommt er ins Schwärmen. Er freut sich des Lebens. Denn er weiss, wie viele an derselben Diagnose schon auf dem Friedhof liegen.

Sehr dankbar für die Maschine ist auch Olivio Lorenzetti. Früher musste er dreimal wöchentlich ins Unispital an die Dialyse. Nun ist er selber Herr und Meister über die medizinische Technologie. Ohne das leiseste Zögern sagt er: «Ich verdanke mein Leben ein paar Leuten , die ein Leben lang forschen und tüfteln für Menschen wie mich und meine Mitpatienten».

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