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Die Schlaumeier der Lüfte – Begegnungen mit Rabenvögeln
Aus Passage vom 19.02.2021.
abspielen. Laufzeit 48:42 Minuten.
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Schlaumeier der Lüfte Haben Krähen ein Bewusstsein?

Raben, Krähen und Dohlen sind schlaue Tiere, das ist eine wissenschaftliche Tatsache. Doch wie weit reicht diese Intelligenz?

In den Klassikern der Rabenvogel-Literatur wird die überdurchschnittliche Intelligenz der schwarzen Vögel ausführlich thematisiert. So berichtet der Biologe Josef H. Reichholf in seinem Buch «Rabenschwarze Intelligenz» von der Methode der Krähen, Nussschalen aufzubrechen: Sie werfen Walnüsse auf die Strasse und überlassen diese den Autos.

In Langzeitbeobachtungen folgte der Feldforscher Bernd Heinrich wilden amerikanischen Raben und erkannte ihre soziale Kompetenz – ein Indiz für Intelligenz. Rabenvögel, fachsprachlich Corviden, haben ein ausgeprägtes Problem-Bewusstsein, das auf erlerntem Wissen aufbaut.

Zukunft planen

Alle bisher durchgeführten Experimente lassen erkennen, dass Rabenvögel über ein komplexes kognitives Instrumentarium verfügen: Sie können kausal Denken, in die Zukunft hinein planen, zwischen mehreren Alternativen wählen und besitzen Kreativität im Bau von Werkzeugen.

Die berühmte neukaledonische Labor-Krähe Betty war in der Lage aus Drähten Futterwerkzeuge zu biegen. Nun rückt das Krähen-Hirn in den Fokus der Wissenschaft.

Ungewöhnlich grosses Hirn

Legende: Ein kleiner Kopf, in dem Grosses steckt: Das Verhältnis von Hirm zur Körpermasse ist bei Rabenvögeln und Menschen ähnlich. Getty Images / Tier Und Naturfotografie J und C Sohns

Zahlreiche Forschungsprojekte widmen sich der bisher wenig erforschten Funktionsweise des Krähen-Hirns. Corviden haben im Vergleich zu vielen anderen Vögeln ein ungewöhnlich grosses Gehirn.

Grundsätzlich müssen Vögel für den Flug leicht sein, aber das Gehirn eines Rabenvogels macht fast zwei Prozent seiner Körpermasse aus – ein Wert der dem des Menschen ähnelt.

Professor Jonas Rose untersucht an der Ruhr-Universität Bochum die neuronalen Grundlagen des Lernens. Am Institut für Kognitive Neurowissenschaft arbeiten Jonas Rose und sein Team mit handaufgezogenen Krähen und Dohlen: «Ich möchte herausfinden, ob das ganz anders aussehende Vogel-Hirn, dem man so viel gar nicht zugetraut hätte, ganz andere Prinzipien hat als das Säuger-Gehirn oder doch die Evolution vielleicht in einer anderen Anatomie die gleichen Mechanismen umgesetzt hat wie eben Säuger-Hirn.»

Legende: Rabenvögel nutzen Werkzeuge und sind sogar in der Lage, sich Futter-Werkzeuge aus Draht zurecht zu biegen. Getty Images / Thomas Gotchy

Krähen im Labor

In Experimentalboxen und Lauf-Arenen werden die Vögel darauf trainiert, auf Bildschirmen Farbsymbole anzupicken. «Erfolgreiche» Pickvorgänge werden mit Futter honoriert. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, wie Vögel Bilder und Symbole wahrnehmen und bewerten. Wie bei diesen Experimenten das Vogel-Hirn funktioniert, wird mit bildgebenden Verfahren ermittelt, die Reizmuster in bestimmten Hirn-Arealen sichtbar machen.

Jonas Roses Experimente sind ein wichtiger Baustein einer Mensch und Tier vergleichenden Hirnforschung: «Für mich ist eine ganz spannende Frage, ob die Schaltkreise, die Verschaltung der Nervenzellen in diesen Arealen ähnlich ist, nur anders aussieht oder anders ist, aber trotzdem die gleichen Leistungen hervorbringen kann.»

Buchhinweise

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  • Bernd Heinrich: «Die Weisheit der Raben», Matthes & Seitz, 2020.
  • Josef H Reichholf: «Rabenschwarze Intelligenz», Herbig Verlagsbuchhandlung .

Bewusstsein bei Krähen?

In den Laborversuchen in Bochum, vergleichbare gibt es auch an der Universität Tübingen, lassen die Vermutung zu, dass Krähen eine Art subjektives Empfinden haben: Selbst auf schwache Reize reagierten die Vögel entschlossen, und konnten feinste Nuancen unterscheiden. Ob nun Krähen ein eigenes «Vogelweltbild» im Gehirn erzeugen können, also ein Selbst-Bewusstsein haben, das bleibt eine bislang noch offene Frage.

Radio SRF 2 Kultur, Passage, 19.02.2021, 20:00 Uhr.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Alfons Bauer  (frustriert)
    Und ich werde nicht schlau draus, was mit Futterwerkzeug gemeint ist... eine Angel um Fische zu fangen? Gabel und Messer?
  • Kommentar von Koni Flütsch  (KOMANKO)
    Schöner Beitrag. Absolut! Corviden sind tatsächlich intelligente Spezies. Habe mal eine Krähe mit gebrochenem Flügel gefunden, war noch ein Jungtier. Wieder „aufgepeppelt“, liess ich es frei. In den Folgetagen kam es immer wieder vorbei, vielleicht auch wegen den Mahlzeiten. Dann vergingen Jahre. Eines morgens sass das Tier wieder vor dem Fenster. Natürlich kann ich nicht genau sagen, ob es derselbe Vogel war, aber handzahm und sehr zutraulich war er. Und ja Herr Planta, Elstern ärgern Katzen!
  • Kommentar von Lars Weiler  (NachosAndCheese)
    Letztens die Doku Wildes Frankreich gesehen, wo zwei Raben per Teamarbeit einen Fuchs mit einer Maus im Maul austricksten. Der eine Vogel flog in Sichtweite des Fuchses uns spielte verletzt. Der Fuchs liess die Maus fallen und ging hinter der grösseren, vermeintlich einfachen Beute her. Unterdessen holte der andere Rabe die Maus, und der erste flog weg, bevor der Fuchs ihm gefährlich nahe kam. Am schluss teilten sich die beiden gefiederten Freunde die Beute. Das hat mir also extrem imponiert.