Tiere sollen Menschen retten Tierorgan im Menschenkörper: Forschung ist einen Schritt weiter

Lange war unklar, ob wir jemals ein Spenderherz vom Schwein in uns tragen können. Die Erfolge der letzten Wochen verleihen diesem Forschungszweig neuen Auftrieb.

Eine Minipig-Familie auf dem Weg vom Stall ins Aussengehege im Zoo Basel.

Bildlegende: Bei der Xenotransplantation wird mit Minipigs gearbeitet. Keystone

  • Experten sind sich sicher: Künftig wird das Schwein Organspender für Menschen sein.
  • Der Forschungszweig machte in den letzten Wochen grosse Fortschritte. Viren, die auch Menschen befallen könnten, sind nun unter Kontrolle.
  • Ein Wissenschaftler manipuliert die Gene weiter und schätzt, dass die fertig optimierten Ferkel in weniger als zwei Jahren zur Welt kommen.

Organmangel ist auch in der Schweiz ein Thema. Zurzeit warten 1502 Personen auf ein Organ, allerdings sind jährlich nur rund 400 Organe verfügbar. Das führt zu langen Wartezeiten, fünf Prozent sterben auf der Warteliste.

Ein Ansatz, das Problem mit dem Organmangel zu lösen, ist die Xenotransplantation: Dabei erhält der Empfänger ein Organ von einem Tier. Das Schwein scheint das geeignetste Tier dafür zu sein.

Nicht ob, sondern wann ist die Frage

Dass das Schwein künftig auch Organspender für Menschen sein wird, davon ist Jörg Seebach, Immunologe an der Universität Genf, überzeugt. Er hat 20 Jahre lang den Organaustausch über Artgrenzen hinweg untersucht. Für ihn ist es weniger eine Frage ob, sondern wann die Forschung so weit ist.

Seebach nahm kürzlich an der internationalen Konferenz für Xenotransplantation teil, wo Wissenschaftler die neusten Resultate rund um den Organspender Schwein diskutierten. «Der Enthusiasmus unter den Forschern ist deutlich gestiegen», sagt Seebach, «denn das Hauptargument fällt nun weg.»

Viren könnten auch Menschen befallen

Bis vor Kurzem grassierte die Angst, dass Schweineviren den Menschen befallen könnten, die dem Aids-Virus sehr ähnlich sind. Die sogenannten PERV-Viren schlummern seit Jahrtausenden im Erbgut des Schweins. Sie selbst erkranken nicht daran. Die PERV-Viren könnten, das wurde im Labor bewiesen, den Menschen befallen. Wie sie darauf reagieren würden, ist völlig unklar.

«Für mich war das schon immer ein sehr theoretisches Risiko», sagt Seebach. «In allen bisherigen Versuchen gab es noch nie einen solchen Vorfall.» Und dennoch war die Entdeckung dieser Viren Ende der 1990er-Jahre der Grund, weshalb Schweizer Pharmaunternehmen das Forschungsfeld der Xenotransplantation fallen liessen.

Nun hat George Church von der Harvard University es geschafft, Schweine zu züchten, die keine PERV-Viren mehr enthalten. Dank einer neuen Genschere namens Crispr-Cas gelang es ihm, sämtliche Viren aus dem Erbgut der Schweine herauszuschneiden. Von ursprünglich 37 Ferkel haben 15 den Eingriff in ihre Gene überlebt.

Frankensteins Ferkel

Church, den Kollegen auch «Frankenstein der modernen Gentechnik» nennen, bearbeitet das Erbgut der Schweine nun weiter. Einige Gene schaltet er aus, manche menschliche Gene fügt er hinzu. Er passt das Schwein an den Menschen an, damit das Immunsystem die Organe weniger stark abstösst.

«Ich schätze, dass die fertig optimierten Ferkel in weniger als zwei Jahren zur Welt kommen», sagt Church. Bereits ein Jahr später möchte er deren Organe erstmals in einen Menschen verpflanzen.

«Die absolute Sicherheit gibt es nicht»

Die Voraussetzungen dafür sind erreicht. Tierversuche zeigen, dass verschiedene Organe mindestens drei Monate im Empfänger überleben und das Infekt-Risiko mit PERV dürfte jetzt unter Kontrolle sein.

Ob das Risiko mit Schweinekrankheiten nun wirklich vom Tisch ist, da ist Franz Immer, Transplantationsmediziner und Direktor von Swisstransplant, skeptisch: «Die absolute Sicherheit gibt es nicht.»

Das Herz ist noch das einfachste Organ

Erste Versuche sind absehbar. «Diese werden aber nicht in der Schweiz stattfinden», sagt Seebach, «die Regeln hierzulande sind viel zu hoch.» Er denkt eher, dass China das Rennen machen wird. Denn dort werde die Forschung mit den Tierorganen massiv vom Staat gefördert. Auch Church arbeitet eng mit chinesischen Forschern zusammen.

Die ersten klinischen Versuche werden wichtige Fragen beantworten. Bislang ist völlig unklar, ob die Organe im Menschen richtig funktionieren. «Das Herz ist noch das einfachste Organ, weil es nur eine Pumpe ist», sagt Seebach.

Zwischen Schweineherz und Menschenherz

«Wenn ich aber an die Leber denke, könnte das schon schwieriger werden.» Denn in der Leber finden tausende Stoffwechsel statt. Ob alle von einer Schweineleber aufrechterhalten werden können, bezweifelt er.

All das gilt es jetzt herauszufinden. Dass es noch einige Rückschläge geben wird, da sind sich Seebach und Immer einig. Deshalb wird es wohl noch einige Jahre dauern, bis wir uns im Spital zwischen einem Schweineherz und einem Menschenherz entscheiden dürfen.

Wieso gerade das Schwein?

Das Tier eignet sich für den Menschen nicht nur wegen seiner ähnlichen Grösse. Es ist auch vom Verwandtschaftsgrad genug weit weg, damit sich Viren und Bakterien weniger gut auf den Menschen übertragen. Man kennt das Schwein von der Tierzucht her, es hat grosse Würfe und ist leicht zu züchten. Weil wir es auch essen, gibt es kaum ethische Bedenken.

Erfolge bei Affen

  • Einem Affen wurde ein Schweineherz eingesetzt. Damit lebt er bislang gut.
  • Ein in einen Pavian transplantiertes Schweineherz schlug dank eines Kniffs mehr als zwei Jahre lang.

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