Trockenes Syrien Wasser als Grundlage des Friedens

Schweizer Forscher helfen in Syrien, Bewässerungsanlagen für die Landwirtschaft zu reparieren. Die Projekte sind eine Basis, auf der verfeindete Gruppen zueinander finden.

Ein Syrer schaut auf sein Land. Es ist sehr trocken.

Bildlegende: Zu trocken, um fruchtbar zu sein: Ein Syrer schaut auf sein Land. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im trockenen Syrien ist die Landwirtschaft abhängig von künstlicher Bewässerung.
  • Im Krieg wurden viele Bewässerungsanlagen zerstört, die landwirtschaftliche Produktion ist zusammengebrochen. Die Menschen sind abhängig von Nahrungsmittelhilfe.
  • Ein Netzwerk aus Schweizer Forschern, syrischen Experten im Exil und lokalen Fachleuten hat eine Bewässerungsanlage in der Nähe von Idlib repariert. Wäre das Geld da, könnten sie 25 weitere Anlagen wiederherstellen.

Eigentlich wollte Ronald Jaubert für die Zeit nach dem Krieg in Syrien vorarbeiten. Der Forscher der Universität Lausanne sammelte Daten rund ums Wasser.

So soll das lebenswichtige Gut in der künftigen Friedenszeit wieder möglichst schnell gerecht verteilt werden können: an die Bauern, die Industrie, die Gemeinden für das Trinkwasser. Die Schweizer Entwicklungshilfe-Agentur DEZA unterstützte diese Arbeit.

Doch je länger der Konflikt dauerte, umso mehr habe es ihn gedrängt, schon jetzt etwas für die Menschen in Syrien zu tun, sagt Jaubert: Er und sein Team wollten helfen, zerstörte Bewässerungsanlagen zu reparieren.

Denn ohne künstliche Bewässerung läuft fast nichts in der syrischen Landwirtschaft: 70 Prozent des Anbaus ist darauf angewiesen.


Wasser als Friedensstifter

4:15 min, aus Echo der Zeit vom 14.09.2017

Der Krieg zerstörte die Wasserversorgung

Im Krieg aber wurden viele Bewässerungsanlagen zerstört. Die Folge: «Die landwirtschaftliche Produktion ist zusammengebrochen», sagt Jaubert. Die Menschen lebten von Nothilfe, die internationale Organisationen leisten.

Dabei gebe es viele Regionen, in denen man die Bewässerungsanlagen reparieren könnte, damit die Menschen ihren Weizen, Bohnen und das Gemüse wieder selbst anbauen können. Allerdings gingen internationalen Hilfswerke diese Arbeiten nicht an, weil ihnen die Lage zu instabil sei.

Wissenschaftler reparieren die Bewässerungsanlagen

Ronald Jaubert und seine Mitarbeiter sind in die Bresche gesprungen. Allerdings können weder Jaubert noch die exilsyrischen Fachleute im Team in die Konfliktzonen reisen.

Das wäre zu gefährlich. Sie nutzen ein Netzwerk von Wissenschaftlerinnen, Ingenieuren und Experten in Syrien, das sie während ihrer Forschungsarbeit geknüpft haben.

Der Agronom Ahmed Haj Asaad kam 2010 zur Weiterbildung in die Schweiz. Er arbeitet mit Ronald Jaubert zusammen. Mit seinen Fachkollegen im Heimatland kommuniziert er via Whatsapp und Skype: «So steuern wir das Reparaturprojekt», sagt Asaad.

Verteilung des Wassers ist entscheidend

Eine erste Reparatur in der Nähe der Stadt Idlib hat das Team über die Bühne gebracht, erzählt Asaad: «Die Kanäle sind repariert, die Pumpe und die Brunnenfassung auch.»

Somit können die Bauern im Gebiet Ar-Ruj bald wieder auf 700 Hektaren Weizen anpflanzen – zum ersten Mal seit fünf Jahren. Von der Ernte werden fast 30'000 Menschen profitieren, die Hälfte davon Kinder. Das Geld für das Projekt haben die Forscher beim Roten Halbmond von Katar auftreiben können.

Eine wichtige Aufgabe bleibt allerdings, sagt Ahmed Haj Asaad: Es gehe nun darum, unter den lokalen Bauern Vertrauen zu bilden, um gemeinsam einen Verteilungsschlüssel für das Wasser auszuarbeiten. Vor dem Krieg hat das eine Behörde in der Hauptstadt verfügt, nun müssen sich die Menschen in der Region selbst zusammenraufen.

Ein Scheich fasst Erde an. Sie ist trocken.

Bildlegende: Zu trockene Erde: Ein Scheich auf seinem Land in Raqqa im Osten Syriens. Reuters

Schweizer Wasserexperten im Einsatz

Solche Verhandlungen um das lebensnotwendige Wasser könnten die Basis sein für viel mehr, sagt Asaad: für Verhandlungen über Frieden und Aussöhnung zwischen sozialen und ethnischen Gruppen.

Er erzählt von einem Fall, in dem die lokale Rebellenmiliz die Reparaturarbeiten am Bewässerungssystem kontrollieren wollte. Die Wasserexperten in der Schweiz und vor Ort halfen der Bevölkerung, sich zu organisieren und sich zur Wehr zu setzen – mit Erfolg, die Miliz gab den Versuch auf.

Wasser als wichtige Grundlage für den Frieden

Bereits hat das Netzwerk 25 weitere Regionen im Auge. In allen hat die Gruppe aus Schweizer Forschern und exilsyrischen Fachleuten die Kontakte zu lokalen Experten, um die Reparaturen zu planen und um zwischen den verschiedenen Gruppen, die das Wasser nutzen, zu vermitteln.

In vielen Fällen kreuzen die Bewässerungskanäle die Machtgrenzen verfeindeter Gruppen. Aber Asaad ist zuversichtlich: Falls sich das Geld für die Reparaturarbeiten auftreiben lasse, seien diese Hürden zu überwinden – und das Wasser könnte bald wieder auf viele Felder sprudeln. Es wäre ein wichtiger Beitrag zum Frieden in Syrien.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 30.09.2017, 12.40 Uhr.