Widerstand in Boston Trump und die Wissenschaft: «Es reicht!»

US-Präsident Donald Trump hält nicht viel von objektiver Wissenschaft. Forscher gehen auf die Barrikaden.

19. Februar 2017: Wissenschaftler und Umweltverfechter demonstrieren in Boston.

Bildlegende: 19. Februar 2017: Wissenschaftler und Umweltverfechter demonstrieren in Boston. Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im Rahmen einer US-Wissenschaftskonferenz in Boston diskutieren Wissenschaftler, wie sie sich gegen die Regierung Trump stark machen können.
  • Bei der Debatte vieler komplexer Themen holte Obama Wissenschaftler ganz selbstverständlich an seinen Tisch. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass diese Praxis beibehalten wird.
  • Investor und Philanthrop Jeremy Grantham, kritisiert, Wissenschaftler seien zu brav.

Wie verteidigt man Wissenschaft und wissenschaftliche Integrität in der Trump-Ära? Das möchten mehr wissen als erwartet. Denn der Saal, in dem die Podiumsdiskussion im Rahmen der US-Wissenschaftskonferenz AAAS in Boston stattfand, war so voll gepackt, dass im Nebenraum Lautsprecher für alle jene aufgestellt werden mussten, die keinen Platz mehr fanden.

Maulkorb für Wissenschaftler

«Es reicht!», so der einheitliche Tenor vom Podium. Zu viel ist in der kurzen Zeit seit Trumps Amtsantritt passiert. «Zum Auftakt bekamen Wissenschaftler einiger Behörden schon einmal Redeverbot», empört sich Gretchen Goldman von der Union of Concerned Scientists (Union der besorgten Wissenschaftler).

Noch nicht einmal eine Woche im Amt, sandte das Weisse Haus Memos an drei Ministerien und die Umweltschutzbehörde. Darin wurde den Mitarbeitern untersagt, Pressemitteilungen zu verschicken oder die Öffentlichkeit über ihre Tätigkeit via sozialen Medien zu informieren. Die Umweltschutzbehörde EPA wurde aufgefordert, ihre Internetseiten über Klimawandel zu entfernen.

Scott Pruitt hebt die Hand für den Amtseid.

Bildlegende: Der neue Chef der Umweltbehörde EPA ist Klimawandelskeptiker und Verbündeter der Ölindustrie. Reuters

Diese Massnahmen wurden zwar rasch zurückgenommen, doch für die Wissenschaftler ist das ein schwacher Trost. Denn mittlerweile wurde Scott Pruitt als neuer Chef der EPA bestellt. Pruitt ist ein Freund der Ölindustrie. Die Behörde, deren Leiter er jetzt wird, verklagte er über die Jahre mehrmals wegen unternehmerfeindlichen Regulierungen.

Für Forschung bleibt nichts übrig

Es ist also kein Wunder, dass in der Forschergemeinschaft Alarmstimmung herrscht. John Holdren, der Wissenschaftsberater von Barack Obama, fürchtet, dass die Grundlagenforschung auf der Strecke bleiben wird. Dies liest er zwischen den Zeilen von Budgetplänen der Trump-Regierung: Steuersenkung, Bewahrung der Sozialversicherung und Krankenversicherung für Senioren, mindestens eine Billion Dollar für Infrastrukturprojekte: «Da bleibt nichts mehr übrig», so Holdren.

Vor genau acht Jahren war der Physiker einer von insgesamt vier Wissenschaftlern, die Barack Obama in seinen Beraterstab holte. Wissenschaftler sassen bei der Debatte vieler komplexer Themen ganz selbstverständlich mit am Tisch. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass diese Praxis beibehalten wird.

«Wenn die Forschung unterfinanziert ist, wenn Wissenschaftler mundtot gemacht werden, wenn man sie nicht mehr in Entscheidungen einbindet, hat das Folgen für die Gesellschaft», erklärt Jane Lubchenco, ehemalige Leiterin der Wetter- und Ozeanbehörde NOAA. Denn alles – von Gesundheit über Umwelt bis zur Wirtschaft – ist im Idealfall wissenschaftlich unterfüttert. Was also tun?

Auf die Barrikaden

Die Stimmung an der Podiumsdiskussion ist kämpferisch. Einer der Zuhörer, der Investor und Philanthrop Jeremy Grantham, kritisiert, Wissenschaftler seien zu brav. «Sie müssen mehr Leidenschaft entwickeln. Die Wiederauferstehung von Mussolini kann man nicht so einfach hinnehmen.»

In einem sind sich Wissenschaftler auf dem Podium und im Publikum einig: Sie haben Politikern und Bürgern die Bedeutung von Wissenschaft bisher zu wenig deutlich vermittelt. «Wir müssen lernen, was wir tun in gute Geschichten zu verpacken», meint John Holdren. Wie kurz und prägnant das passieren kann, konnte man auf der Demonstration «Stand Up For Science» in Boston am Sonntag sehen. Ein Demonstrant hielt ein Plakat hoch, auf dem zu lesen stand: «Hast du die Pest? Ich auch nicht. Bedank' dich dafür bei einem Wissenschaftler.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 20.2.2017, 17:06 Uhr.

Besorgnis in den USA

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