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Urin als Dünger Das gelbe Gold vom stillen Örtchen

Jeden Tag fliessen zehn Millionen Liter Urin ins Abwasser – eine Verschwendung. Statt den Urin runterzuspülen, könnte man Dünger daraus herstellen.

Legende: Video Urin – Das wertvolle Gut vom stillen Örtchen abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Vom 23.11.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Menschlicher Urin enthält viele Nährstoffe. Schweizer Forscher wollen ihn daher als Dünger nutzen, statt ihn in den Wasserkreislauf zu speisen.
  • Der Urin-Dünger ist umweltfreundlicher als herkömmlicher Kunstdünger, in dem Schwermetalle stecken.
  • In einer holländischen Konzerthalle wird aus dem Urin der Konzertbesucher bereits Phosphor gewonnen.

«Dass wir unsere Fäkalien mit dem Trinkwasserkreislauf vermischen, ist eigentlich absurd», sagt Kai Udert, Abwassertechnologe an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH. Täglich fliesst Wasser aus Schweizer Kläranlagen in Seen und Flüsse – eine unserer Trinkwasserressourcen.

Dies führt laut dem Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfachs dazu, dass wir im Leben rund vier Liter Wasser trinken, das zuvor im Urin enthalten war.

Zu viel bleibt zurück

Unsere Kläranlagen stossen technologisch an ihre Grenzen. Bestandteile von menschlichen Ausscheidungen bleiben trotz Reinigung im Wasser und fliessen in Flüsse und Seen. Zum Beispiel: Schätzungsweise 30 Prozent des Phosphors und 60 Prozent des Stickstoffs.

Auch Medikamentenrückstände sind nach wie vor ein Thema. Um die Verunreinigungen mit Medikamenten und Hormonen in den Griff zu bekommen, investiert der Bund in den nächsten Jahren 1,2 Milliarden Franken.

Problem an der Quelle anpacken

Kosten, die tiefer ausfallen könnten, wenn man die Ausscheidungen gar nicht erst in den Wasserkreislauf spülen würde. «Ich möchte das Problem an der Quelle anpacken», sagt Kai Udert. Deshalb hat er ein System entwickelt, bei dem die Ausscheidungen nicht mit Wasser verdünnt werden.

Mit einer Trenntoilette separiert er das, was der Kläranlage die meiste Arbeit bereitet: den Urin. «Wir sollten Urin nicht als Abfall betrachten», sagt Udert, «sondern als Rohstoff.» Denn Urin ist sehr nährstoffreich. Er enthält viel Stickstoff, Kalium und Phosphor – Stoffe, die Pflanzen zum Wachstum brauchen.

Weniger Schwermetalle auf dem Teller

Deshalb verarbeitet Udert den Urin zu Dünger. Das Recyclingprodukt hat gegenüber dem Kunstdünger Vorteile: «Er ist viel umweltfreundlicher», sagt Udert. «Gerade wenn es um Schwermetalle geht, belastet er die Böden viel weniger.»

Zurzeit nutzen Bauern noch Kunstdünger, der häufig mit Kadmium und Uran verunreinigt ist. Diese Schwermetalle gelangen auf die Felder und von dort schliesslich auf den Teller.

Was der neuartige Dünger taugt, haben Versuche der ETH gezeigt. Pflanzen gedeihen mit dem Urindünger gleich gut wie mit herkömmlichem Kunstdünger.

Urin von Fremden stösst auf Skepsis

Uderts Team hat sein Produkt namens Aurin bereits zwei Mal an der Herbstmesse Olma vorgestellt. Im Gespräch mit Messebesuchern haben sie festgestellt, dass Ekel durchaus ein Thema ist.

«Die Vorstellung, den eigenen Urin als Dünger zu nutzen, das geht noch einigermassen», sagt Udert. «Doch den Urin von fremden Menschen im eigenen Garten einzusetzen, das stösst auf Skepsis.»

Für Udert selbst ist die Arbeit mit dem menschlichen Rohstoff kein Problem: «Irgendwann wird der Urin etwas Abstraktes, eine Nährstofflösung.» Heute hat er nicht mehr den Menschen im Kopf, der auf dem WC sitzt.

Wassergespültes WC ist zu komfortabel

Dass die Schweiz demnächst auf die neuen Toiletten umsatteln wird, denkt Udert nicht. «Wir haben ja bereits ein recht gut funktionierendes System», sagt Udert. «Die wassergespülten Toiletten sind so komfortabel, dass es schwierig ist, einen Wechsel voranzutreiben.»

Zurzeit fokussiert er sich auf kleinere Projekte. Er sieht dort Potenzial für seine Urinaufbereitung, wo in kurzer Zeit grosse Mengen Abwasser anfallen. Die «Heineken Musik Hall» in Amsterdam ist so ein Beispiel. Dort wird bereits Phosphor aus dem Urin von Konzertbesuchern gewonnen.

Basler WCs produzieren bald Dünger

Für ähnliche Projekte hat Kai Udert zusammen mit anderen Forschern ein Spin-off namens Vuna, Link öffnet in einem neuen Fenster gegründet. Bereits ab Mitte 2018 wird er mit einer mobilen Anlage durch Europa touren.

Seine ersten Ziele sind die öffentlichen Toiletten in Basel und das Verwaltungsgebäude der Abwasserentsorgung in Paris. Udert wird überall dort zur Stelle sein, wo viele Menschen sich erleichtern müssen – und so zu Düngerproduzenten werden können.

Sendung: SRF 1, Einstein, 23.11.17, 22:25 Uhr

12 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Teure "Forscher" der ETH, kümmern sich um den Einsatz/Gebrauch von menschlichem Urin in der Natur?? Was ist mit der vilefältigen Belastung der Natur durch: Chemiekalien-Rückstände (Cemie-LW, Medikamente, Hormone, etc... - Ernährung...)??
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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Wozu? Schon alleine die Bauern wissen ja nicht mehr wohin mit all dem Mist. Unsere Böden sind hoffnungslos überdüngt. Da sollen wir unseren Mist nicht dazu geben sondern dafür sorgen, dass der Fiehmist endlich von unseren Böden verschwindet und in Kraftwerken landet. Wir könnten schon lange mit Biogas anstelle Benzin und Diesel fahren, nur will das Bundesbern offensichtlich nicht. Lieber investiert man in Umweltverschmutzung a la Dünger oder Batterien für zukünftige Energievernichter.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird organischer Dünger (Ausscheidungen von Tieren) in Form von Mist, Jauche und Gülle auch auf die Nutzflächen gebracht. Mit dem Zurückführen von Urin in den natürlichen Kreislauf wird der Natur zurückgegeben, was aus der Natur kommt. Urin als Düngemittel ist preisgünstig, steht überall kostenlos zur Verfügung und beendet Profitgier und Rumfuscherei bei der Düngermittelproduktion.
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