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Wissenschaft der Glocken Perfekter die Glocken nie klingen

Was braucht es, damit eine Kirchenglocke richtig klingt? Ein Besuch im europäischen Glockenzentrum – dem einzigen Institut seiner Art.

Ein grosse Glocke ist an einer Holzkonstruktion befestigt und schwingt weit nach oben. Davor sitzt ein Mann an einem Computer. Im Hintergrund an der Wand sind Schallschutzelemente befestigt.
Legende: Wenn am europäischen Glockenzentrum geforscht wird, wird es laut. ECC-ProBell

Wenn die Glocken aus ganz Europa in Kempten im Allgäu eintreffen, haben sie ihren Segen meist schon vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten erhalten. Denn ins Europäische Kompetenzzentrum für Glocken kommen Geläute, die meist schon sehr alt sind. Oder berühmt. Oder beides.

In diesem Landstrich bimmelt, läutet und klingt es ohnehin schon viel: Allerorts stehen Kühe mit Kuhglocken auf den Wiesen und Weiden. Für viel lautere Glockenklänge sorgt das hier ansässige Glockenzentrum – eine Art Klinik für Glocken.

Warum klingt eine Glocke schief?

Andreas Rupp, Ingenieur und der Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Glocken, steht auf dem Campus an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten vor zwei riesigen, doppelten Türen aus Stahl.

Dahinter verbirgt sich ein sehr grosses und sehr hohes Schallabor. Der Raum ist komplett gedämmt: Überall an den Wänden und an der Decke sind grosse Dreiecke aus hellem Schaumstoff befestigt.

Auf dem Boden aufgebaut, an verschiedenen Stahl- oder Holzjochen hängend: Versuchs-Glocken, gegossen in unterschiedlichen Ländern, in der Schweiz, in Frankreich, Italien, Österreich. Sie alle sind «läutebereit», wie Andreas Rupp sagt. Das heisst, sie sind funktionsfähig – und sehr laut.

Männer arbeiten an einer grossen Kirchenglocke, die in einem Turm hängt.
Legende: Die Forscher des Glockenzentrums müssen für ihre Untersuchungen auch in Glockentürme steigen. Ralf Baumgarten/ECC-ProBell

Forschung am Glockenkuss

Die Glocken werden hier vermessen und erforscht. Hier werden ihr komplexes Klangverhalten, unterschiedliche Läute-Kulturen oder eventuelle Verformungen des Materials ergründet.

Ein besonderes Augenmerk liegt bei den Untersuchungen auf dem Klöppel. Er berührt die Glocke im sogenannten Glockenkuss – für circa eine halbe Tausendstelsekunde. In dieser halben Tausendstelsekunde passiert alles, was den Glockenklang ausmacht.

Die Glockenforscher möchten erreichen, dass der Glockenkuss nicht zu hart ist – sonst klatscht es. Und nicht zu weich – sonst wird die Glocke nicht in allen ihren Tönen angeregt und klingt zu leise. Ziel ist ein «wohldefinierter Kontakt» – damit alle Glockentöne perfekt erklingen können.

Ein Mann mit Kopfhörern sitzt unter einer riesigen Glocke, die hin- und herschwingt.
Legende: Besondere Aufmerksamkeit gilt bei der Prüfung der Glocken dem Pendel. Ralf Baumgarten/ECC-ProBell

Jede Glocke und ihr Klang sind einmalig

Mithilfe des «musikalischen Fingerabdrucks» beschreiben die Forscher zudem den Zustand der Glocke: Hat die Glocke schon einen kleinen Riss? Ist sie nicht besonders gut gegossen? Weisen Schweissnähte Mängel auf? Ist die Glocke durch den Klöppel sehr stark ausgeschlagen?

Um all das herauszufinden, schlagen die Glockensachverständigen die Glocke mit einem Klöppel an, um sie zum Klingen anzuregen.

Vorsicht, Risse

Im spezifischen, individuellen Schwingverhalten können die Kemptner Wissenschaftler charakteristische Spezifikationen analysieren, die Hinweise auf Risse geben können. Auch auf solche, die vielleicht an der Aussenoberfläche der Glocke noch gar nicht sichtbar sind, aber im Inneren der Glocke bereits Schäden anrichten.

Da Risse sich relativ schnell ausbreiten, können wiederholte Messungen ziemlich zuverlässig darstellen, dass der Klang der Glocke sich dadurch verändert. Bleibt das Schwingverhalten jedoch identisch, ist das ein Zeichen für die Intaktheit der Glocke.

Wenn die Glocke alle Checks bestanden hat, kehrt sie wieder zurück an ihren Ursprungsort. Dort läutet sie wieder, um Freude bei Hochzeiten oder Trauer bei Beerdigungen zu verkünden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 3.2.2018, 12:40 Uhr.

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