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Wie wurde der Wolf zum Hund?
Aus Wissenschaftsmagazin vom 31.10.2020.
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Beziehung Mensch und Hund Wie wir auf den Hund gekommen sind

Über Jahrtausende haben sich Mensch und Hund in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflusst. Eine Erfolgsgeschichte – für beide.

Es war einmal ein einsamer Wolf, der die Nähe des Menschen suchte. So könnte die Geschichte unseres ersten Haustiers begonnen haben. Wir kommen uns näher – bis das wilde Raubtier als zahmer Hund unser Haus und Herz erobert.

eine historischer Zeichnung eines Wolfs
Legende: Eine historische Wolfsdarstellung aus Frankreich im 18. Jahrhundert. Bibliothèque en ligne Gallica / Wikipedia , Link öffnet in einem neuen Fenster

Eine jahrtausendealte Beziehung

Dass der Hund vom Wolf abstammt, ist heute unbestritten. Klar ist auch, dass seine Freundschaft zu unserer Spezies uralt ist. Sie begann in der Steinzeit, vor 15'000 bis 100'000 Jahren.

Damals, als der Homo sapiens als Jäger und Sammler umherstreifte, kam er auf den Wolf. Oder eher: Der Wolf kam auf den Menschen.

Der Wolf machte den ersten Schritt

Tatsächlich gehen viele Forschende davon aus, dass nicht der Mensch, sondern das wilde Tier den ersten Schritt tat.

«Man vermutet aktuell, dass es einzelne Wölfe gab, die dem Mensch gegenüber weniger scheu waren und begannen, menschliche Abfälle zu fressen», sagt Marianne Heberlein, Verhaltensbiologin und Tiertrainerin am Wolf Science Center in Österreich. «Später könnte es Leute gegeben haben, die Wolfswelpen aufzogen.»

Marianne Heberlein

Marianne Heberlein

Verhaltensbiologin

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Marianne Heberlein studierte Verhaltensbiologie an der Universität Zürich und doktoriert zur Kommunikation zwischen Hund und Mensch. Sie befasst sich seit über zehn Jahren wissenschaftlich mit Hunden und Wölfen und arbeitet aktuell als Wolf- und Hundetrainerin am Wolf Science Center im österreichischen Ernstbrunn.

Der Anfang einer Allianz über Artgrenzen hinweg. Dass sie zustande kam, liegt laut Heberlein auch an den Gemeinsamkeiten zwischen Wolf und Steinzeitmenschen: «Wölfe jagen gemeinsam. Sie haben eine Familienstruktur. Alle Rudelmitglieder ziehen die Welpen auf. Ähnlich lebten auch die Menschen in der Steinzeit.»

Vom Jagdpartner zum besten Freund

Das könnte dem Wolf geholfen haben, sich unter den Menschen zurechtzufinden. In ihrer Nähe fand er Nahrung und Schutz. Der Mensch wiederum fand im Wolf einen Wächter und Jagdpartner mit überlegenem Spürsinn.

Der Hund ist noch immer ein Wolf

Verschiedene Hunderassen posieren auf einem Bild.
Legende:Getty Imgages / GK Hart / Vikki Hart

Auch wenn ein Chihuahua oder ein Pudel äusserlich mit einem Wolf wenig gemeinsam haben: Zoologisch ist jeder Hund noch immer ein Wolf. Viele Wissenschaftler ordnen Hund und Wolf der gleichen Tierart zu: «Canis lupus». Der Hund bildet dabei als «Canis lupus familiaris» eine Unterart. Ein Hinweis auf die immer noch nahe Verwandtschaft ist die Tatsache, dass sich Hund und Wolf erfolgreich paaren können. Es gibt tatsächlich Mischlinge zwischen wilden Wölfen und Hunden – wenn auch selten.

Als der Homo sapiens mit Ackerbau und Viehzucht begann, übernahm der zum Hund gewordene Wolf neue Aufgaben. Er verteidigte die Nutztiere der Menschen – unter anderem ausgerechnet gegen Wölfe.

Eng verbunden bis in den Tod

Bald war es mehr als eine reine Zweckgemeinschaft, die sich zwischen Mensch und Hund entwickelte. Das zeigt ein etwa 14'000 Jahre altes Grab im deutschen Oberkassel.

Neben zwei Menschen ist dort ein Hund bestattet – nach gleichem Ritus. Ein früher Hinweis auf eine innige Beziehung.

Starke Bindung dank Kuschelhormon

Die Chemie zwischen Mensch und Hund stimmt einfach. Das zeigt das «Kuschelhormon» Oxytocin, bekannt für seine Rolle bei der Bindung von Mutter und Baby.

Es wird auch bei Mensch und Hund ausgeschüttet, wenn sich beide in die Augen schauen. Dass das Hormon hier über die Artgrenzen hinweg aktiv ist, ist bemerkenswert – vielleicht sogar einmalig.

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Woher kommt das Bellen?

Damit die Partnerschaft funktioniert, müssen sich Mensch und Tier verstehen. Dafür hat sich von Wolf zu Hund einiges verändert. Der Wolf kommuniziert über Mimik, Körpersprache und verschiedene Lautäusserungen. Er bellt aber kaum. Der Hund hingegen bellt oft und in verschiedenen Kontexten.

Den Grund dafür vermutet Heberlein beim zweibeinigen Partner: «Wir Menschen sind nicht gut darin, auf Details zu achten. Wir sind besser darin, grobe, laute Äusserungen zu erkennen.»

Deshalb bellen Hunde. Und tatsächlich: Wir Menschen verstehen sie. «Selbst jemand, der keine Erfahrung mit Hunden hat, kann verschiedene Bell-Laute dem korrekten Kontext zuordnen», erklärt Marianne Heberlein.

Ohne Mensch kein Hund

Was hat die aufwendige Freundschaft dem Hund schliesslich gebracht? «Einerseits hat es der Hund rund um den Globus geschafft – natürlich mit dem Menschen», so Heberlein. «Andererseits ist klar: Ohne Mensch hätte es den Hund gar nicht gegeben.»

Auch der Mensch dürfte von der Allianz mehr profitiert haben, als uns bewusst ist. Ob als Wächter und Jagdpartner in der Steinzeit oder als Herden-Beschützer in den Anfängen der Viehhaltung – der Hund verschaffte dem Homo sapiens Überlebensvorteile.

«Auch wenn man bedenkt, wie die frühen Menschen über die Beringstrasse nach Amerika kamen: Das wäre ohne Transport-Hilfe durch den Hund sehr schwierig gewesen», meint Marianne Heberlein.

Erfolg des Homo sapiens dank Hund?

«Manche sagen sogar, der Hund sei der Grund, weshalb sich der Homo sapiens so stark verbreitet hat, der Neandertaler aber ausgestorben ist. Denn der Mensch hatte den Hund als Begleiter – der Neandertaler nicht.»

Das sei zwar Spekulation, so Heberlein: «Ich glaube aber, dass der Hund ein wesentlicher Faktor war beim Erfolg des Menschen.»

Ein Junge umarmt innig einen kleinen Hund.
Legende: Der Mensch und der Hund: Eine innige Beziehung mit einer langen Geschichte. imago images / Westend61

Ein erfolgreiches, starkes Team

Mensch und Hund – gemeinsam wurden sie stark. Fachleute sprechen auch von einer Koevolution der beiden Arten. «Das ist der perfekte Ausdruck», meint auch Marianne Heberlein. «Hund und Mensch haben sich in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflusst. So ist der Hund geworden, wie er ist. Und wir sind geworden, wie wir sind.»

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Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 31.10.2020, 12:40 Uhr

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