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Weshalb braucht es Entwicklungszusammenarbeit, Thomas Breu?
Aus Einstein vom 07.11.2019.
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Schweizer Entwicklungshilfe «Muss man denn Afrika überhaupt retten?»

Die Wirtschaft boomt in vielen Ländern Afrikas, doch die breite Bevölkerung profitiert davon kaum. Kann die Schweiz Afrika helfen – und wenn ja, wie? Entwicklungsexperte Thomas Breu erklärt im Gespräch, wie die Schweiz sinnvoll Hilfe leisten kann und sollte.

Thomas Breu

Thomas Breu

Entwicklungsexperte

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Thomas Breu ist Professor und Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern. Er war 15 Jahre in Entwicklungsländern tätig, unter anderem in Ostafrika.

SRF: Überspitzt gefragt: Können wir Schweizerinnen und Schweizer mit unseren Spenden Afrika retten?

Thomas Breu: Muss man denn Afrika überhaupt retten? Viele Länder in Afrika haben, wirtschaftlich gesehen, im Moment die grössten Wachstumsraten weltweit. China, der Westen, die USA: Unternehmen aus diesen Ländern investieren in Afrika, weil dort mehr als nur Rohstoffe zu holen sind.

Natürlich gibt es bei der Entwicklungszusammenarbeit auch Eigeninteressen.

Und trotzdem liegen 30 der 39 ärmsten Länder der Welt in Afrika. Was läuft schief?

Die Gründe sind vielfältig. Einerseits wurden viele afrikanische Länder dazu gedrängt, sich wirtschaftlich zu öffnen. So konnten diese Länder keine stabile Wirtschaft aufbauen.

Andererseits hat Afrika hausgemachte Probleme. Korruption und Klientelismus sind – leider kann man es nicht anders bezeichnen – eine Seuche. In diesem Bereich hat man noch wenig Fortschritte gemacht. Zudem macht das starke Bevölkerungswachstum Erfolge in der Armutsbekämpfung teilweise wieder zunichte.

Was genau bedeutet Entwicklungszusammenarbeit?

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Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA definiert die Entwicklungszusammenarbeit als «Instrument der schweizerischen Aussenpolitik». Ziel ist «die Beseitigung von Armut und Förderung der Menschenrechte».

Laut Bundesverfassung trägt die Aussenpolitik «namentlich bei zur Linderung von Not und Armut in der Welt, zur Achtung der Menschenrechte und zur Förderung der Demokratie, zu einem friedlichen Zusammenleben der Völker sowie zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen».

Im Jahr 2018 hat die Schweiz 1.35 Milliarden Franken, Link öffnet in einem neuen Fenster in die Entwicklungszusammenarbeit investiert.

Daneben leistet die Schweiz auch humanitäre Hilfe, Link öffnet in einem neuen Fenster, die auf Katastrophen, Konflikte und Krisen reagiert.

Die Schweiz setzt auf Entwicklungszusammenarbeit. Ganz grundsätzlich: Warum hilft die Schweiz?

Weil wir helfen wollen! Viele Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich mitverantwortlich und betroffen, wenn sie sehen, was in jenen Ländern passiert, denen es nicht so gut geht.

Eine Studie aus dem Jahr 2014, Link öffnet in einem neuen Fenster hat gezeigt: Acht von zehn Schweizern wollen weiterhin staatliche Entwicklungszusammenarbeit. Zudem hat die Schweiz eine gesetzliche Verpflichtung. Und, nicht zu vergessen, eine humanitäre Tradition.

Entwicklungsländer stehen heutzutage vor denselben globalen Herausforderungen wie wir: Klimawandel, Pandemien, Biodiversitätsverlust, Ernährungssicherung.

Allerdings haben Entwicklungsländer wenig Mittel, mit diesen Herausforderungen umzugehen, und sind ihnen gleichzeitig viel stärker ausgesetzt. Darin liegt die Tragik. Deshalb braucht es globale Solidarität und schweizerische Entwicklungszusammenarbeit.

Und diese beruht auf purem Altruismus?

Natürlich spielen auch Eigeninteressen eine Rolle: Ganz konkret kann uns Entwicklungszusammenarbeit den Zugang zu boomenden Märkten erleichtern. Und sie kann unsere politische Position auf globalem Niveau verbessern.

Aber viel wichtiger ist: Die Schweiz profitiert ganz direkt von der Lösung von globalen Problemen. Diese können ohne die Entwicklungsländer nicht sinnvoll angegangen werden.

In Entwicklungsländern herrschen oft unsägliche Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt.

Welche Ziele verfolgt man mit Entwicklungszusammenarbeit vor Ort?

Man möchte eine nachhaltige Entwicklung anstossen, die von den Betroffenen gewünscht wird und die im Sinne der Gesellschaft ist. Ein Land soll sowohl im Sozialen, im Ökonomischen und im Ökologischen Fortschritte machen können. Dabei ist Gerechtigkeit sehr wichtig. Jung und Alt, Arm und Reich, der globale Süden und der globale Norden sollen vom Fortschritt profitieren.

Zwei Frauen an einem Brunnen.
Legende: Brunnenbau: ein klassisches Mittel der Entwicklungshilfe. Zwei Frauen aus Togo holen dort Wasser. Getty Images / DEA / M. BORCHI

Und wie erreicht man diese Ziele?

Ich bin überzeugt: Die Entwicklungszusammenarbeit, wie wir sie heute kennen, gibt es in 10 Jahren nicht mehr. Nothilfe und klassische Entwicklungszusammenarbeit, etwa in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung, werden weiterhin ihren Wert haben.

Aber mindestens genauso wichtig sind soziale, technische und wirtschaftliche Innovationen. Die Wissenschaft muss hier in Zukunft eine viel wichtigere Rolle spielen. Insbesondere für den Aufbau von Wissenskapazitäten in den Entwicklungsländern.

Wie können diese Innovationen aussehen? Haben Sie ein Beispiel?

Die Regulierung des Arbeitsmarktes etwa ist ein Riesenproblem. In Entwicklungsländern ist der oft total dereguliert, es herrschen unsägliche Arbeitsbedingungen. Nur wenige profitieren vom Wirtschaftswachstum, die grosse Masse verliert.

Zusätzlich entgehen dem Staat Steuereinnahmen, die er bräuchte, um sich selbst zu entwickeln. Sinnvolle Verbesserungen im Arbeitsmarkt – gerade bei vielen informellen Arbeitsplätzen – könnten eine enorm grosse Wirkung entfalten.

Dafür gibt es mittlerweile verschiedene erfolgsversprechende Ansätze. Jedoch muss die Wissenschaft deren Wirkung und Umsetzbarkeit noch vertieft untersuchen.

Das Gespräch führte Heidi Käch.

Spenden – ja oder nein?

Ein Gedankenexperiment:

Wenn ein Kind vor unseren Augen ertrinkt, würde jeder zustimmen, dass wir eine Pflicht haben, das Kind zu retten – auch wenn wir unsere teuren Kleider ruinieren. Aber nur wenige würden behaupten, dass wir keine teuren Klamotten mehr kaufen dürfen, sondern das Geld spenden müssten. Was also unterscheidet die beiden Situationen voneinander?
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Filosofix: Das Gedankenexperiment «Kind im Teich»
Aus Filosofix vom 20.01.2016.
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