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Datentracking im Wandel Vermarkte deine Daten selbst!

Unternehmen verdienen Milliarden mit unseren Daten. Eine Initiative fordert mehr Kontrolle für die Nutzer im Netz.

Legende: Video Datentracking: wie es funktioniert und wir uns wehren können abspielen. Laufzeit 01:43 Minuten.
Aus Kultur vom 17.01.2018.

Es ist erstaunlich, was Christian Kunz aus seinen eigenen Daten bei Google und Facebook herauslesen kann. Er hat seine Social-Media-Daten heruntergeladen und auf seinem eigenen, neuen Portal verlinkt.

Kunz: «Ich sehe mein Netzwerk bei Facebook, welche Standort-Daten Google bereits über mich gesammelt hat und sogar welche Migros-Einkäufe mir am meisten Rabatt eingebracht haben.»

Kunz ist der Gründer des Berner Startups Bitsaboutme, Link öffnet in einem neuen Fenster. Die Geschäftsidee: Interessierte User sollen ihre kompletten persönlichen Daten selbst verwalten und so den Überblick behalten, welche Daten überhaupt erhoben werden. Es sind viele.

Unsere Daten sind ein Milliardengeschäft

2017 war der weltweite Markt für Online-Werbung rund 600 Milliarden Dollar schwer, Tendenz steigend. Werbung ist für Marktleader wie Google und Facebook das Hauptgeschäft. Und Werbung ist auch der grösste Treiber für Datentracking.

Jede Bewegung, jeder Klick, jede unserer Vorlieben online, wird heute mitgeschnitten und in Nutzungsprofile gepackt – und diese Profile lassen sich zielgenau bewerben.

Die Kontrolle bekommen – und Geld

Doch obwohl alle diese Daten einzig auf unserem persönlichen Verhalten basieren, haben wir keine Kontrolle darüber, wie sie verwendet werden.

Ein Missstand, der zu einem Umdenken geführt hat: «Personal Data Management» heisst das Zauberwort. Statt sich tracken zu lassen, sollen wir unsere eigenen Daten selbst speichern und aktiv anbieten.

Christian Kunz will auf seiner Plattform noch einen Schritt weitergehen: Jeder User soll seine eigenen Daten auch interessierten Firmen gezielt verkaufen können. Ab Frühling 2018 will er einen Marktplatz um persönliche Daten herum aufbauen.

Wenn dann der Versicherer XY anklopft und gerne die genauen Bewegungsdaten der letzten zwei Jahre möchte, kann der Einzelne diese Daten freigeben und vielleicht von einem Prämienrabatt beim Versicherer profitieren. Zumindest wisse er dann genau, so Kunz, wer warum auf seine Daten zugreife.

Zum Wohle der Gemeinschaft

Ihren Ursprung hatte die Idee des Personal Data Management auf der unscheinbaren, finnischen Site mydata.org, Link öffnet in einem neuen Fenster. Daraus ist eine weltweite Netz-Bewegung entstanden.

Etliche «mydata»-Ableger sind schon entstanden. Die meisten sind nicht-kommerziell; auf ihnen stellen die Menschen ihre Daten bestimmten Forschungsprojekten freiwillig zur Verfügung – zum Wohle der Gemeinschaft.

Website von midata.coop
Legende: Auf der Schweizer Plattform midata.coop können Menschen ihre Daten für Forschungsprojekte zur Verfügung stellen. SRF

Da geht es etwa um qualitative Feedbacks zu neuen Behandlungsmethoden bei Multipler Sklerose auf der Schweizer Plattform midata.coop, Link öffnet in einem neuen Fenster. Oder darum, den eigenen Energieverbrauch zu messen wie bei Green Button Data, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Mes Infos, Link öffnet in einem neuen Fenster hingegen bietet einfach einen Ort, an dem man seine Daten im Überblick hat. Solche Projekte verlangen natürlich höchste Sicherheitsstandards, da sensible Daten an einem Ort versammelt sind.

Einfach nur naiv?

Wird diese Idee gegen die Marktmacht der grossen Datensammler etwas ausrichten können oder ist sie nicht mehr als naives Gedankengut?

Ab Ende Mai 2018 gilt in der ganzen EU ein neues Datenschutz-Grundgesetz., Link öffnet in einem neuen Fenster Es räumt den Nutzern erstmals massiv mehr Rechte ein als heute: Etwa das Recht auf Auskunft über die eigenen Daten; auf Berichtigung falscher Daten; das Recht auf Löschung und einfache, hindernisfreie Datenportierung.

Verschärfter EU-Datenschutz hilft

Das wird einige Firmen vor Herausforderungen stellen. Denn sollten sie diese Auflagen nicht erfüllen können, drohen drastische Sanktionen: 20 Millionen Euro Busse oder vier Prozent des weltweiten Umsatzes.

Ohne die neue Datenschutzverordnung wäre unser Businessmodell kaum möglich.
Autor: Christian KunzBitsaboutme

«Das ist ein Paradigmenwechsel», sagt André Golliez von opendata.ch, der sich für dieses Modell einsetzt, «weg vom reinen Schutzgedanken um die Privatsphäre, der zuvor die Gesetzgebung dominiert hat, hin zu echter Transparenz und mehr Nutzerrechten für das Individuum.»

Golliez ist sicher, dass sich einiges bewegen wird. Und auch Kunz attestiert: «Ohne die neue Datenschutzverordnung wäre unser Businessmodell kaum möglich.»

Auch bei Schweizer Unternehmen, die im EU-Raum Geschäfte machen, wird die verschärfte Datenschutz-Grundverordnung ab Mai für einigen Wirbel sorgen.

So laden Sie Ihre Daten herunter

GOOGLE
https://takeout.google.com/settings/takeout
1. Auswählen, welche Daten man will (viele Kategorien) – «weiter»
2. Dateiformat, Archivgrösse und Übermittlungsart (E-Mail-Link, Google Drive, Dropbox oder OneDrive) wählen – «Archiv erstellen»
FACEBOOK
Bei Facebook kann man keine Auswahl treffen,man muss alles runterladen.
1. Von irgendwo in FB: rechts oben aufs Dropdown-Menü und «Einstellungen» wählen
2. «Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter» auswählen
3. «Mein Archiv aufbauen» auswählen

SRF am World Web Forum

Wie verändert die Digitalisierung die Rolle der Staaten? Werden sie gar überflüssig? «End of Nation» – das ist das Thema des 6. «World Web Forum».

SRF überträgt den Event live in einem «ECO»-Spezial am Donnerstag, 18. Januar 2018, von 08.40 Uhr bis 15.35 Uhr – im Webstream und auf SRF Info. Alles rund um den Event: www.srf.ch/worldwebforum.