Die Tücken des Bergwetters

In den Bergen ist das Wetter unberechenbar. Sagen viele Leute. Wir Meteorologen sagen: Das Wetter folgt strikte der Physik, auch auf dem Berg. Wie also spielt das Wetter in unseren Alpen und wie halten es die Meteorologen mit Lokalprognosen – beispielsweise bei der Malojaschlange im Oberengadin?

  • Der Jetstream steuert weltweit die Hochs, Tiefs und Fronten. Das Starkwindband schlängelt sich rund um den Globus. Die Schweiz und die Alpen sind im Vergleich dazu verschwindend klein.
  • Die Grosswetterlage kümmert sich wenig um unsere Berge: Die Alpen sind bei uns maximal 4643 Meter hoch (Dufourspitze). Die grossen Wettersysteme reichen bis auf rund 10‘000 Meter.
  • Die Alpen vermögen die grossen Wettersysteme lediglich in den untersten paar 1000 Metern zu stören. Dort ist aber am meisten Feuchte vorhanden, und der Wind wird massiv abgelenkt. Die Wirkung der Alpen auf das lokale Wetter ist daher äusserst effizient.
Blick aufs Matterhorn mit einer fahnenförmigen Wolke auf der linken Seite.

Bildlegende: Bannerwolke am Matterhorn: Auf der windabgewandten Seite des Berges kondensiert die Luft zu einer Wolkenfahne. Ueli Klossner

Fazit: Die Alpen mit ihrer komplexen Topografie stellen dem Wetter unzählige natürliche Hindernisse, Sackgassen und Barrieren in den Weg. Die Luft sucht daher nach Möglichkeiten für Umwege, Durch- und Übergänge. Das Zusammenspiel zwischen Grosswetterlage und kleinräumiger Topografie bestimmt letztendlich das lokale Wetter am Berg.

Wenn der Wind dreht

Wir Schweizer haben grossen Respekt vom Wetter in den Bergen. Unsere Befürchtung: Mit einem Wettersturz ist stets zu rechnen. Warme Kleider und ein Regenschutz sind daher Standard in unserem Wanderrucksack.

Blick auf die Jungfrauregion. Von der einen Seite drückt eine Wolkenwand heran, auf der anderen Seite stürzt die Luft ins Tal, die Wolke löst sich auf.

Bildlegende: Föhnmauer über der Jungfrauregion. Feuchte Luft sinkt auf der windabgewandten Seite des Gebirgskammes ab, trocknet au... Matthias Reber

Tatsächlich sorgt die komplexe Topografie in unseren Alpen sehr oft für völlig unterschiedliches Wetter auf kleinstem Raum. So mag eine Front auf dem Pilatus innert wenigen Stunden einen Wettersturz bringen, derweil es am Sarnersee noch lange trocken bleibt. Vom Föhneinfluss in den Tälern gar nicht zu reden. Eine plötzliche Winddrehung indes kann die Lage komplett ändern. Ist das unberechenbar?

Die Physik des Wetters

Wind und Wetter passieren nie „einfach so“. Beides ist an die geltenden physikalischen Gesetze gebunden. Diese Gesetze sind im dreidimensionalen globalen Wetter-Raum sehr kompliziert, auch wenn Wind im Grunde nichts anderes ist als fliessende Luft. Angestossen von den Hochs und angesogen von den Tiefs, sucht sie stets den Weg des geringsten Widerstandes. Stehen ihr die Alpen im Weg, dann zwängt sie sich durch Täler, sammelt sich in Senken, staut sich an Hängen und findet auf einem Pass vielleicht einen neuen Durchgang, um sich in das nächste Tal zu ergiessen. Je nach Temperatur vermag sie auch spontan aufsteigen und das Gebirge zu überströmen. Wichtig: beim Aufsteigen können Wolken entstehen, beim Absinken trocknet die Luft wieder aus.

Dem Meteorologen stellen sich bei Wind- und Wetterprognosen in den Alpen daher folgende Fragen:

  • Wie verlagern sich die Hochs und Tiefs, und wohin drücken und ziehen sie die Luft (Grosswetterlage)?
  • Welchen Weg nimmt die Luft über die Alpen (lokale Windrichtung und Stärke)?
  • In welcher Gegend ist wieviel Feuchte mit von der Partie (Wolken, Regen und Schnee)?

Beispiel für lokales Wetter am Berg: Die Malojaschlange

Im Oberengadin kann die übergeordneten Südwest-Grosswetterlage in Kombination mit der lokalen Windströmung ein spezielles Phänomen erzeugen: Die Malojaschlange.

Blick über das Oberengadin. Im Hintergrund zwei Berge, in der Mitte über dem Tal ein wurstförmiges Wolkengebilde.

Bildlegende: Malojaschlange im Oberengadin. Wikipedia; Gruppe „Salecina“; C.Koltzenburg

Es handelt es sich um ein schlauchförmiges Wolkengebilde, das vom Maloja her mehr und mehr ins Oberengadin eindringt respektive langsam talabwärts bis nach St. Moritz kriecht. Sie entsteht primär durch die Anfeuchtung der Luft, wenn diese vom Bergell hinauf zum Malojapass ins Endadin gelangt.

Vorausgesetzt sind zudem:

  • Überdruck von Süden her
  • Stabile Schichtung der Luft
  • Feuchtigkeit nur in den unteren Luftschichten; oben trocken.

Die Malojaschlange ist ein spannendes, lokales Wetterphänomen und bietet einen schaurig-schönen Anblick. Da sie aber die Hänge über dem Talboden einnebelt, ist sie nicht zwingend ein erwünschter Gast im Oberengadin. Besonders nicht während der Ski-WM.