Sonntagsstory Frostschäden: ähnlich wie 1957, schlimmer wars vor 500 Jahren

Nach einem sehr milden Frühling hat es uns eiskalt erwischt: Frost und Schnee sorgten in der Landwirtschaft für grosse Schäden. Ganz ähnlich war es im Jahre 1957 - und noch viel schlimmer vor rund 500 Jahren.

Nach dem Wintereinbruch zeigt sich wieder der blaue Himmel über dem Rebberg.

Bildlegende: Wie im Winter - Rebberg im Schnee. SRF Meteo

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Spätfröste sorgten in der Landwirtschaft immer wieder für Schäden. Die aktuelle Situation weist einige Parallelen mit dem Jahre 1957 auf. Und beinahe katastrophale Zustände für den Weinbau müssen vor genau 500 Jahren geherrscht haben. Im Dorf Berneck im St. Galler Rheintal ergab die gesamte Traubenernte nur eine einzige Flasche Wein.

2017: Vegetationsvorsprung im zweitwärmsten März...

Der März 2017 verwöhnte uns mit viel Sonnenschein und Frühlingswärme. Im Vergleich zum Mittel der Jahre 1981 bis 2010 war es 2 bis 4 Grad wärmer - daraus resultierte der zweitwärmste März seit Messbeginn. Der milde März sorgte für eine schnelle Vegetationsentwicklung mit einem Vorsprung von gut zwei Wochen gegenüber einem durchschnittlichen Jahr.

...und dann tiefster Winter und Frostschäden im April

Braune, abgestorbene Triebe in einem eingeschneiten Rebberg.

Bildlegende: Das gibt keinen Wein mehr - abgestorbene Triebe. SRF Meteo

Frühlingshaft präsentierte sich auch die erste April-Hälfte. Nach Ostern stellte sich die Wetterlage aber grundlegend um - es folgten Schneeschauer bis ins Flachland und frostige Nächte. Durch den Vegetationsvorsprung reagierten die Pflanzen empfindlicher auf die Kälte als in einem normalen Jahr - grosse Schäden an Gemüse-, Obst- und Rebkulturen waren die Folge. Nach einer kurzen Wetterbesserung folgte in der letzten Aprilwoche der nächste Rückfall in den Winter mit viel Neuschnee und Kälte.

Fast wie im Frühling1957

Ein extrem milder März gefolgt von Schnee und strengem Frost - genau so war der Wetterverlauf auch im Frühling 1957. Der März 1957 war auf der Alpennordseite 4 bis 5 Grad wärmer als im Mittel der Vergleichsperiode 1901 bis 1960. Der Vegetationsvorsprung war ebenfalls gross - in Hallau im Kanton Schaffhausen blühte beispielsweise das Leberblümchen 27 Tage zu früh.

Strenger Frost im Mai 1957

Ein massiver Kälteeinbruch brachte zwischen dem 6. und 9. Mai Schnee bis in tiefe Lagen und mehrere Frostnächte. In Zürich Fluntern gab es viermal nacheinander Frost, am kältesten war es am frühen Morgen des 8. Mai mit -1,6 Grad. In Bad Ragaz/SG ganz in der Nähe der Rebberge des Sarganserlandes und der Bündner Herrschaft wurden am Morgen des 8. Mai 1957 -2,3 Grad gemessen. Das ist dort die tiefste je im Mai gemessene Temperatur seit Messbeginn im Jahre 1938. Noch kälter war es zur gleichen Zeit in St. Gallen mit -5,0 Grad - dies ist ebenfalls Mai-Kälterekord der letzten 124 Jahre (Messbeginn 1892). Die Folge davon war in den Ostschweizer Rebbergen beinahe ein Totalausfall.

Eine einzige Flasche Wein im Jahre 1517

In der Chronik «1000 Jahre Weinbau im St. Gallischen Rheintal» von Jakob Bösch werden immer wieder grosse Ernteausfälle erwähnt. Besonders bitter für die Weinbauern muss die Zeit zwischen dem Ende des 15. und dem Beginn des 16. Jahrhunderts gewesen sein:

Umschlag des Buches 1000 Jahre Weinbau im St. Gallischen Rheintal.

Bildlegende: 1000 Jahre Weinbaugeschichte. SRF Meteo

  • 1491 wurde die Ernte durch Nachtfröste und Hagelgewitter stark beeinträchtigt
  • 1494 ist alles erfroren
  • 1497 gab es wegen dem kalten Frühling wenig und schlechten Wein
  • 1506 erfroren die Weinstöcke, so dass es fast keine Trauben gab
  • 1512 fiel am Pfingstmontag viel Schnee, so dass die Reben erfroren
  • 1513 «war vor Georgi eine Gfrörni» - schade - «denn es war ein hübsch Schuss gsin!»: Die Reben hatten schöne Triebe gebildet, bevor ein Frost um den 23. April grossen Schaden anrichtete
  • 1517 war ein bitteres Jahr:
«  Aus 180 Jucharten Reben erntete man nur eine einzige Flasche Wein. »
  • 1518 schmälerten grimmige Frühlingsfröste den Ertrag bedenklich

1529: kein Spitzenjahrgang

Blieben Spätfröste vor rund 500 Jahren zwischendurch einmal aus, konnte trotzdem nicht immer ein guter Tropfen gekeltert werden. Nach einem nassen Sommer im Jahre 1529 war die Traubenqualität sehr bescheiden. Eine Flasche Wein mit Jahrgang 1529 hatte man besser nicht im Keller:

«  Es gab einen gritzsuren Win, den niemand ohne Rümpfen trinken konnte! Sogar küpferne Röhren und Hahnen wurden zerfressen. »

Quellen:

Christian Pfister: «Wetternachhersage, 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen»

Jakob Bösch: «1000 Jahre Weinbau im St. Gallischen Rheintal»

Wetterdaten: Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie

Informationen: Markus Hardegger, Fachstelle Weinbau, Landwirtschaftliches Zentrum des Kantons St. Gallen