Graue Nebelsuppe – alles andere als langweilig

Je farbiger die Blätter, desto grauer das Wetter. Die Nebelsaison hat begonnen. Doch der Nebel bietet auch viele Überraschungen.

Rezept für Schweizer Nebelsuppe

Die Einkaufsliste ist kurz: Es braucht als Zutat lediglich feuchte Luft. Ist ja irgendwie logisch: Ohne Feuchtigkeit, kein Nebel. Und für einmal muss die Suppe nicht kochen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Zur Bildung von Nebel sollte sich die Luft abkühlen. In kalter Luft hat weniger Wasserdampf Platz als in warmer. Der überzählige Wasserdampf kondensiert zu kleinen Wasser- oder eben Nebeltröpfchen.

Grafik mit einem kleine Berg linkt (Jura) und einem hohen Berg rechts (Alpen). Dazwischen ist im Querschnitt eine Ebene, das Mittelland zu sehen.

Bildlegende: Querschnitt durch die Schweiz. Das Mittelland zwischen Jura (links) und Alpen (rechts): Das ideale Gefäss für Nebel. SRF Meteo

In der Nacht kühlt sich die Luft jeweils ab, am stärksten in klaren Nächten. Hier kann die Erdoberfäche ungehindert Wärme abgeben. Wolken würden einen Teil der Wärmestrahlung reflektieren und so zu einer weniger starken Abkühlung führen. Klare Nächte gibt es vor allem bei Hochdruckwetter. Somit ist ein Hoch die perfekte Wetterlage für Nebel. Im Herbst und Winter genügen in der kühlen Luft geringe Wasserdampfmengen, und schon ist der Nebel da. Darum ist bei uns die typische Nebelsaison während des Winterhalbjahres mit entsprechend langen, kalten Nächten.
Fehlt nur noch die Pfanne: Mit dem Schweizer Mittelland haben wir sozusagen das perfekte Kochgefäss. Die Ebene zwischen Jura und Alpen ist das ideale Sammelbecken für kalte Luft. Kalte Luft ist schwerer als warme und so bleibt die schwere Nebelluft im Mittelland liegen.

Und wer löffelt die Suppe wieder aus?

Die Wärme: Steigt die Temperatur der Nebelluft, hat wieder mehr Wasserdampf darin Platz. Die Nebeltröpfchen verdunsten, der Nebel löst sich auf. Spannend: Die Nebelauflösung beginnt von unten. Zuerst erwärmt sich der Erdboden, dann die darüberliegende Luft. So löst sich der Nebel vom Boden her langsam auf. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto schneller verschwindet der Nebel. Im Frühherbst liegt am Morgen oft Nebel, der sich jedoch zügig auflöst, weil die Sonne noch Kraft hat. Während der kürzesten Tage des Jahres ist entsprechend mit dem zähesten Nebel zu rechnen.
Geht das Hochdruckwetter zu Ende, bedeutet das meist auch das Ende des Nebels. Generell reagiert der Nebel sehr empfindlich auf Änderungen in der Wetterlage. Entscheidend ist zum Beispiel auch der Wind: Wind ist der Feind einer Nebelschicht: Er mischt die feuchte, kalte Luft über dem Erdboden mit trockener Luft in der Umgebung. Bei windigem Wetter kann sich kein Nebel bilden oder allfälliger Nebel wird mit aufkommendem Wind aufgelöst.

Nebel – eine Frage der Perspektive

Berggipfel im Sommer mit eine Wolke ganz oben. Die Blumenkohlwolken beginnt auf Gipfelhöhe und wächst in den Himmel.

Bildlegende: Grosser Mythen mit Hut. Alphons Lindauer

Nebel ist nichts anderes als eine Wolke, die am Boden aufliegt. Dabei beträgt die Sicht weniger als einen Kilometer. Wer also schon immer wissen wollte, wie es sich in einer Wolke anfühlt: gleich wie im Nebel. Zum Beispiel werden Berggipfel manchmal von Schönwetterwolken eingehüllt. Säntis, Mythen, Pilatus oder Niesen tragen einen Hut. Touristen oder Wanderer auf dem entsprechenden Gipfel beklagen sich dann: „Wir stecken im Nebel und können die Aussicht gar nicht geniessen“.

Nebel oder Hochnebel?

Bis jetzt sind wir also davon ausgegangen, dass Nebel am Boden aufliegt. So bildet er sich ja während klarer, kalter Nächte.
Bestens vertraut sind wir aber auch mit dem nicht weniger grauen Bruder des Nebels, dem Hochnebel. Dieser hat keinen Bodenkontakt; die Nebelschicht befindet sich in grösserer Höhe über dem Mittelland. Hochnebel kommt meist im Zusammenhang mit Bise vor. Die Bise bläst vom Bodensee quer durchs Mittelland bis zum Genfersee. So eine Nebeldecke ist etwa 100 bis 500 Meter dick. Damit man weiss, wo die Sonne zu finden ist, wird im Wetterbericht die Obergrenze der grauen Suppe angegeben. Je stärker die Bise, desto höher der Hochnebel und desto weiter der Weg zu einem Platz an der Sonne.
Ist im Wetterbericht von „schwacher Bise“ die Rede, liegt die Obergrenze meist zwischen 900 und 1200 Metern. Bei „mässiger Bise“ ist die Sonne sogar erst oberhalb von etwa 1500 Metern zu finden. Und nicht nur die Sonne: Über der kalten, feuchten Nebelsuppe ist es deutlich milder.
Der Abstand zwischen Jura und Alpen wird vom Bodensee bis zum Genfersee immer enger. Das Nebelgrau wird also im Mittelland regelrecht eingeklemmt, gestaut und mit zunehmender Bise in die Höhe und weit in die Voralpentäler gedrückt.
Klassischer Nebel ohne Bise hat eine tiefere Obergrenze: Oft reichen schon Hügel im Mittelland, um dem Nebelgrau zu entfliehen. Leidtragende sind hauptsächlich die Bewohner des Mittellandes. Die Voralpen sind meist nebelfrei und spannenderweise auch die tief gelegene Nordwestschweiz.

Verkehrte Welt: Inversion

Zwei Wanderer auf rostbrauner Herbstwiese an der Sonne. Unter ihnen das weisse Nebelmeer, oben der blaue HImmel.

Bildlegende: Inversion: unten kalt und feucht, oben warm und trocken. Luciano Moraschinelli

Über der kalten, feuchten Nebelsuppe scheint nicht nur die Sonne, es ist auch deutlich wärmer. An der Nebelobergrenze befindet sich die sogenannte Inversion, eine Temperaturinversion: Normalerweise nimmt die Temperatur mit zunehmender Höhe ab. Wir kennen das gut: Auf dem Berg ist es kälter als im Tal. Bei einer Inversion ist es genau umgekehrt: Die Temperatur nimmt mit zunehmender Höhe zu. Oft gibt es Temperaturunterschiede von rund 10 Grad zwischen dem grauen Mittelland und den sonnigen Hügeln oder Berggipfeln.

Ozean der Schweiz: Nebelmeer

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Das Nebelmeer in Aktion

0:23 min, vom 28.10.2016

Wir sind zwar ein Binnenland, haben aber trotzdem unser eigenes Meer. Unter der grauen Suppe ist die Begeisterung mässig, doch von oben ist das Nebelmeer faszinierend und wunderschön. Die kalte, schwere Nebelluft verhält sich dabei wirklich wie Wasser; allerdings etwas zu langsam für unser Auge. Oft werden Wellen und Brandung des Nebels nur mit Hilfe von Zeitrafferaufnahmen sichtbar. Das Nebelgrau ist dabei alles andere als statisch: Es reagiert empfindlich auf die Luftdruck- oder Windverhältnisse. Beispielsweise peitscht starker Föhn richtige Wellen über den Nebelozean.

Verschiedene Arten von Nebel

Das Nebelgrau, das sich während kalter Nächte bildet, heisst Strahlungsnebel: Weil die Erdoberfläche Energie abstrahlt und sich die Luft dadurch abkühlt. Nebel, oder besser gesagt, die Abkühlung einer Luftmasse, kann aber noch auf eine weitere Art erreicht werden: Durch Advektion – das heisst, durch die Verschiebung von warmer, feuchter Luft über eine kalte Oberfläche. Ein typisches Beispiel für Advektionsnebel ist der Nebel, der die Golden Gate Bridge in San Francisco einhüllt. Hier strömt warme Luft vom Land her über die kalte Pazifikströmung längs der Küste.Gerade im Herbst, wenn die Gewässer noch warm sind, lässt sich ein anderes Nebelphänomen beobachten: Seerauch, sogenannter „Steaming Fog“. Hier verdunstet Wasser von der warmen Oberfläche, kondensiert dann in der kalten Luft darüber gleich wieder. Es macht den Eindruck, als dampfen die Gewässer.
Nebel zum selber machen gibt es zu Hause im Badezimmer, sogenannter Mischungsnebel: Man dusche möglichst heiss, öffne das Fenster für kühle Luft und voilà.

Niesel und Industrieschnee

Mensch mit Regenschutz spaziert einen Weg hinauf. Dieser ist feucht, darum herum Nebel und Bäume. Die Sicht ist schlecht.

Bildlegende: Nieselregen auf dem Hausberg von Bern, dem Gurten. Luciano Moraschinelli

Typischerweise ist das Wetter bei Nebel grau, aber trocken. In der feuchten Luft werden die Strassen manchmal trotzdem feucht. Es gibt sogar die Möglichkeit von Regen - ganz feinem Regen, Nieselregen. Die kleinen Nebeltröpfchen können zusammenfliessen und als kleine Regentropfen bis zum Erdboden fallen. Vor allem ein leichtes Anheben der Nebeldecke führt zu Niesel. Ist es genügend kalt, befinden sich auch unterkühlte Wassertröpfchen oder Eisteilchen im Nebel. Vor allem in der Nähe von Feuchtequellen wie Kaminen von Kehrichtverbrennungsanlagen oder Fabriken kann es dann zu Industrieschnee kommen. Dazu müssen die Temperaturen genau stimmen: An der Nebeluntergrenze braucht es -5 bis -12 Grad Celsius und die Nebelobergrenze sollte zwischen 700 und 900 Metern liegen.

Nebel ist nicht ungefährlich

Unterkühlte Nebeltröpfchen können an kalten Gegenständen festfrieren. So entsteht Raueis. Vor allem mit Hilfe von leichtem Wind werden Bäume und Sträucher mit zum Teil imposanten Eisansätzen verziert. Nicht zu verwechseln ist Raueis mit Raureif. Dieser bildet sich direkt über Sublimation von Wasserdampf an kalten Oberflächen. Das ist speziell in Nebelrandzonen der Fall; entsprechend besteht hier bei negativen Temperaturen die Gefahr von Reifglätte. Raureif besteht im Unterschied zu Raueis aus einzelnen Eisnadeln.
Eine weitere Gefahr für den Strassenverkehr ist die schlechte Sicht: Per Definition ist sie im Nebel ja unter einem Kilometer, sie kann im Extremfall aber auch nur wenige Meter betragen.

Weniger Nebel als früher?

Der Eindruck täuscht nicht. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie zeigt, die Anzahl Nebeltage hat im Mittelland tatsächlich abgenommen; nicht nur bei uns, sondern generell in Europa. Grund ist die sauberere Luft. Eine verbesserte Luftqualität zahlt sich also nicht nur für unsere Lungen, sondern auch mit besserer Sicht aus.

Quellen

www.meteoschweiz.ch, Dossier Nebel
Buch „Flugwetter“ von Karl Heinz Hack