Frauentag in Russland 1 Tag Königin, 364 Tage Dienerin

Zum 8. März gibt es Blumen und Komplimente für die Frauen. Ziemlich verlogen sei das, findet SRF-Korrespondent David Nauer.

Der Internationale Frauentag ist wichtig in Russland. War schon immer wichtig. Bereits zu Sowjetzeiten galten Mann und Frau offiziell als gleichberechtigt. Die kommunistische Propaganda war stolz auf Frauen, die in der Wissenschaft brillierten. Oder die in Industriebetrieben die schweren Maschinen bedienten. Die erste Frau im Weltall, Walentina Tereschkowa, kam aus der Sowjetunion.

Das wirkt nach. Zumindest am Frauentag am 8. März. Ein Blumenstrauss? Gehört einfach dazu. Zuhause wie im Büro überschlagen sich die Männer mit Lobreden, Komplimenten und kleinen Aufmerksamkeiten. Vielleicht gibt es sogar Champagner.

«  Viele Russen finden, Frauen seien dazu da, Kinder zu kriegen und den Haushalt zu machen. »

David Nauer
SRF-Russland-Korrespondent

Es gibt da nur ein Problem. Das Bild, das am Frauentag vermittelt wird, stimmt nicht. Gar von einem «Tag der Heuchler» spricht SRF-Russland-Korrespondent David Nauer. Und sagt: «Am 8. März werden die Frauen mit Aufmerksamkeit überhäuft. An allen anderen Tagen im Jahr dürfen sie dann wieder den Haushalt schmeissen.»

Schuftende Frauen, trinkende Männer

Das Ideal von der gleichberechtigten Frau, das war einmal. «Das Frauenbild in Russland hat sich stark geändert», stellt Nauer fest. «Viele Russen finden, Frauen seien dazu da, Kinder zu kriegen und den Haushalt zu machen. Natürlich sollen sie dabei auch noch super aussehen.» Der Mann, er ist der Ernährer. Der Beschützer.

Allerdings: «Vorstellung und Wirklichkeit passen oft nur schlecht zusammen», sagt Nauer. «Es gibt in Russland sehr viele starke, selbständige Frauen. Die arbeiten und den Haushalt quasi nebenbei machen.» Und die Männer, die selbsternannten Beschützer und Ernährer? «Naja – die werden ihrer Rolle eben nicht immer gerecht. Manche trinken, um es etwas überspitzt zu sagen, eher mal ein Gläschen Vodka zu viel, als sich um die Familie und den Job zu kümmern.»

Bis die Knochen brechen

Woher kommt dieser Wandel? «Die russische Gesellschaft ist allgemein wieder viel konservativer geworden», analysiert David Nauer. Die Losung sei: Zurück zu traditionellen Werten.

Traditionelle Werte, das heisst nicht selten auch: Schläge und Unterdrückung. Gegen Frauen, gegen Kinder. Seit neustem gibt es das wieder quasi gesetzlich abgesegnet. Ende Januar hat die Duma, das russische Parlament, ein Gesetz gebilligt, das Gewalt in der Familie zur reinen Ordnungswidrigkeit erklärt.

Drohten den Tätern bislang mehrjährige Haftstrafen, ist es jetzt schlimmstenfalls eine Busse. Eine härtere Strafe gibt es nur, wenn die Schläge mehr als einmal pro Jahr vorkommen. Oder wenn die Knochen brechen und es Blutergüsse gibt.

Bei den Befürwortern des Gesetzes tönt das freilich anders. Haftstrafen wegen häuslicher Gewalt? Ein «familienfeindlicher Zustand», wie die konservative Abgeordnete Jelena Misulina sagt. «Wir wollen nicht, dass jemand zwei Jahre im Gefängnis sitzt, nur weil es einmal einen Klaps gegeben hat.» Schläge seien in der Erziehung ein adäquates Mittel. Das entspreche der russischen Familientradition.

Tausende Tote jedes Jahr

Das Beschwören traditioneller Werte, das zeigt sich nicht nur beim Frauenbild. Auch Schwule und Lesben haben es in Russland nicht leicht. 2013 hat die Duma so genannt «homosexuelle Propaganda» verboten.

Damals wie heute eine gewichtige Stimme für den neuen Konservatismus ist die orthodoxe Kirche. «Sie hat unter Präsident Wladimir Putin wieder viel mehr Macht», stellt David Nauer fest.

«  Man hört in Russland immer wieder: Ihr im Westen habt ja gar keine richtigen Frauen und Männer mehr. »

David Nauer
SRF-Russland-Korrespondent

Und dann spielt auch die grosse Weltpolitik eine Rolle. Zumindest indirekt. Denn das Betonen eines konservativen Frauenbildes habe auch mit Abgrenzung gegenüber dem Westen zu tun. «Man hört in Russland immer wieder: Ihr im Westen habt ja gar keine richtigen Frauen und Männer mehr. Der Feminismus hat euch alle gleich gemacht.»

Was diese «richtigen Männer» anrichten, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Datenlage zur häuslichen Gewalt ist schlecht. Klar ist aber: Das Problem ist riesig. Offizielle Statistiken aus dem Jahr 2013 zeigen, dass 40 Prozent der Körperverletzungen im familiären Umfeld geschehen. Zwischen 12‘000 und 14‘000 Frauen kommen in Russland gemäss Schätzungen jedes Jahr durch Gewalt in den eigenen vier Wänden ums Leben. Und viele Fälle dürften gar nie bekannt werden.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar ist in ihrer Position immer noch eine Ausnahme.

    «Schilling-Report» – mehr Frauen in Führungsgremien

    Aus Rendez-vous vom 7.3.2017

    Bei den 100 grössten Unternehmen in der Schweiz sind inzwischen acht Prozent aller Geschäftsleitungssitze und 17 Prozent aller Verwaltungsratssitze von Frauen besetzt. Im Vergleich mit dem öffentlichen Sektor und dem Ausland ist das aber immer noch bescheiden.

    Allerdings geraten Unternehmen, die gänzlich auf Frauen in den Chefetagen verzichten, zunehmend unter Druck.

    Andi Lüscher