105 Tonnen Elfenbein sollen brennen

Leonardo DiCaprio, Nicole Kidman, Elton John und andere Prominenz aus Showbusiness und Politik sind am Samstag dabei, wenn in Kenia 105 Tonnen Elfenbein brennen. Kann mit solchen symbolischen Aktionen Wilderei gestoppt werden? Oder sind sie mit Blick auf den Hauptabnehmer China eher kontraproduktiv?

Elfenbein in Kenia.

Bildlegende: 105 Tonnen: Es ist die grösste je vernichtete Elfenbeinmenge in der Geschichte Afrikas. Keystone

Es ist ein Vermögen, das Kenias Staatspräsident Uhuru Kenyatta am Samstag bei einem Gipfel zum Schutz von Elefanten anzünden will: 105 Tonnen Elfenbein werden im Uhuru-Park in Nairobi in Anwesenheit von Prominenten aus aller Welt verbrannt. Die Botschaft: Stosszähne gehören Elefanten, und nicht als Schnitzerei ins Wohnzimmer.

Bilder von toten Elefanten gehören in Afrika zum Alltag – blutige Kadaver im Busch mit abgesägten Stosszähnen. «Es ist ein eigentliches Massaker im Gang. Afrika ist daran, seine Tiere zu verlieren», sagt Julius Kipng'etich, Direktor des Kenyan Wildlife Service. Gab es vor 40 Jahren noch 1,2 Millionen Tiere, so ist davon noch gerade ein Drittel übriggeblieben.

Zuerst ein Jungtier und dann die ganze Herde

Ein Kilo Elfenbein hat zurzeit einen Marktwert von weit über 1000 Franken. Entsprechend skrupellos gehen die Wilderer vor. Häufig werde zuerst gezielt ein Elefantenjunges abgeschossen, berichtet der Biologe Andrea Crosta von der Internationalen «Elephant Action League».

Denn Elefanten stehen eng zusammen, wenn ihre Jungtiere in Gefahr sind, um sie zu schützen. Wenn die Elefantenfamilie dann um das tote Tier steht, töten die Wilderer mit Maschinengewehren die ganze Herde in Sekunden. Wilderei ist ein grausames Geschäft.

Banden und Milizen

In den vergangen Jahren gab es immer häufiger Gerüchte, dass die islamistische Terrororganisation Al-Shabaab zu den Drahtziehern des Wildtierhandels gehört und damit ihre Aktivitäten finanziert. Die Abteilung Umweltkriminalität von Interpol, hält diese Gerüchte mittlerweile für erwiesen.

Getötet werden die Elefanten von organisierten Banden mit Nachtsichtgeräten und automatischen Waffen, aber auch von einheimischen Wilderern wie beispielsweise Mutuku. Er heisst in Wirklichkeit ganz anders und lebt zusammen mit seiner Frau und fünf Kindern in einer kleinen Hütte am Rand der Serengeti. Für Geld tötet er Elefanten und verkauft das Elfenbein an einen Zwischenhändler.

Einheimische Wilderer mit Giftpfeilen

«Wir sind keine Killer. Wir werfen keine Bomben und benutzen keine Maschinengewehre», sagt Mutuku. Das verbiete die Tradition. Seine Jagd läuft mit vergifteten Pfeilen und Bogen ab. Da kann es vorkommen, dass das Tier noch 15 bis 20 Kilometer weiterläuft, bis es verendet. Einige Gruppen haben aber auch ein Gewehr oder mieten eines bei einem Polizisten und Soldaten.

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Vorbereitungen zur Verbrennung von Elfenbein

0:40 min, vom 29.4.2016

«Wenn wir ein Tier töten, dann weil wir es nötig haben», betont Mutuku. Je nach Gewicht der Stosszähne erhält Mutuku von seinen Auftraggebern 300 bis 400 Franken, wenn er einen Elefanten tötet. Das entspricht in Kenia oder Tansania einem durchschnittlichen Jahreseinkommen.

Zielmarkt Asien

Das ist eine verlockende Summe auf einem Kontinent, auf dem die Mehrheit der Menschen von knapp einem Franken pro Tag leben musst. Korrupte Beamte machen es zugleich möglich, dass ganze Container mit Elfenbein im Hafen von Mombasa problemlos nach Asien verschifft werden können – deklariert als Kaffeebohnen.

Elfenbein in Kenia.

Bildlegende: Elfenbein – begehrter Rohstoff für Schnitzereien vor allem in Asien. Keystone

Wenn also Staatspräsident Uhuru Kennyata am Samstag mit seinen illustren Gästen in Nairobi zum Streichholz greift, ist das in erster Linie eine symbolische Geste. Die Botschaft: Elefanten-Stosszähne sind kein Rohstoff für Schnitzereien. Man will weder einen illegalen noch legalen Handel mit Elfenbein.

Es ist die mit Abstand grösste Zerstörung von Elfenbein in der Geschichte Afrikas. Es ist mutig, Elfenbein mit einem geschätzten Schwarzmarktwert von 100 Millionen Franken zu verbrennen; insbesondere in Nairobi, einer Stadt mit drei Millionen Slumbewohnern.

Aber solange der Kenianer Mutuku nicht weiss, wie er das Schulgeld seiner Kinder bezahlen soll und solange es eine Nachfrage nach Elfenbein in Übersee gibt, wird das Massaker weitergehen.

«Elfenbein gehört zum kulturellen Erbe Chinas»

Das afrikanische Elfenbein landet mehrheitlich in China, wo es sehr beliebt bist.Die Vorliebe für geschnitztes Elfenbein geht weit zurück in Chinas Kaiserreiche. Aber auch Elfenbeinpulver für die chinesische Medizin gehört zur chinesischen Kultur und wurde von der Regierung auch als nationales kulturelles Erbe deklariert. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wächst zugleich Chinas Mittelklasse, die nun vermehrt Statussymbole wie Elfenbein kaufen kann.

Mit dieser Diskrepanz zwischen der grausamen Wilderei und dem kulturellen Erbe geht die Regierung unterschiedlich um. So starteten die Behörden Aufklärungskampagnen, um der Bevölkerung zu sagen, was Elfenbein überhaupt ist und was die Folgen des Handels für die Wildtiere in Afrika sind. Von ganz oben heisst es, dass man zumindest dem «illegalen» Handel von Elfenbein den Kampf ansagen will. Denn es gibt auch einen legalen Handel: China hat zwar das Washingtoner Artenschutzabkommen von 1989 (CITES) unterzeichnet, wonach Elfenbein nicht importiert werden darf. Allerdings hat China 2008 ganz legal Dutzende Tonnen Elfenbein von verschiedenen afrikanischen Staaten gekauft und relativ günstig an lokale Händler und Schnitzer weiterverkauft. Das Problem: Der Markt vermischt sich, denn zum einen kann der Konsument legales nicht von illegalem Elfenbein unterscheiden. Zum anderen können Händler mit ihren Lizenzen auch illegales beziehungsweise gewildertes Elfenbein verkaufen.

In China fordern jetzt viele NGOs und Tierschutzorganisationen ein Totalverbot für Elfenbein. Eine Organisation rechnet damit, dass dies bereits 2017 der Fall sein könnte. Was die chinesische Regierung dann mit all dem Elfenbein machen würde, das sich jetzt legal im Land befindet, ist unklar. Allenfalls müsste sie es von den Händlern zurückkaufen. Auch gibt es bis 2019 noch einen Importstopp, der verlängert werden könnte. Das alles sorgt bei den Händlern für Unklarheit. Denn sie wissen nicht, wie lang es noch weitergeht. Die Bevölkerung ihrerseits weiss nicht, ob sie überhaupt noch Elfenbein kaufen kann und wenn ja, welches.

Martin Aldrovandi, Schanghai

Patrik Wülser

Porträt Patrik Wüsler.

Patrik Wülser ist Afrikakorrespondent für SRF und lebt mit seiner Familie seit 2011 in Nairobi (Kenia).