Konferenz für Somalia 20 Jahre Krieg, 20 Jahre Wiederaufbau

Somalia steckt in der Krise. An der Geberkonferenz in London wurde viel versprochen. Ob das dem Land am Horn von Afrika hilft? Afrika-Korrespondent Patrik Wülser hat sich umgehört.

SRF News: Wie gross war der Hilfswille der Konferenzteilnehmer?

Patrick Wülser: Wir haben in London nicht nur schöne Worte gehört, sondern tatsächlich den gemeinsamen Willen, Somalia auf die Beine zu helfen. Ich stütze meine Aussage auf eine westliche Diplomatin aus Nairobi, die relativ skeptisch nach London gereist war und mir gestern sagte, der Hilfswille sei spürbar gewesen und sie sei zuversichtlich.

Wohin fliesst das versprochene Geld?

In erster Linie ging es um die Sicherheitsarchitektur Somalias; um den Wiederaufbau der Armee und der Polizei. Aber die ganze Konferenz war auch überschattet von der Dürre in dem Land. Das grosse Thema war, dass dort noch immer viel Geld – etwa 900 Millionen Franken – fehle. UNO-Generalsekretär António Guterres hat alle Teilnehmer aufgefordert, ihre Schatullen zu öffnen.

Mohamed Abdullahi Mohamed Farmajo

Bildlegende: Grosse Erwartungen: Präsident Mohamed Abdulahi Mohamed Farmajo ist nicht zu beneiden. Keystone

Präsident Farmajo, ein somalisch-US-amerikanischer Doppelbürger, wurde im Februar gewählt. Welchen Eindruck machte er an der Konferenz?

Seine Rede vermittelte das Bild eines Präsidenten, der seine Verantwortung übernehmen will. Er dankte der Weltgemeinschaft für diese Gelegenheit und versprach, dass man ihn beim Wort nehmen könne. Man kann sagen, das seien schöne Worte. Aber Farmajo ist nicht zu beneiden. Erst vor zwei Monaten wurde er als grosser Hoffnungsträger gewählt, wurde von allen an Horn von Afrika bejubelt. Und schon gestern musste er den Masterplan für sein Land vorlegen. Das ist eine grosse Verantwortung. Es ist zu früh, um seine Arbeit zu beurteilen.

Die meisten Hilfsgelder fliessen in den Kampf gegen die Al-Shabaab-Miliz. Ist das die richtige Strategie für das Land?

Die Sicherheit in den Vordergrund zu stellen, ist richtig. Aber – und das war ebenso klar in London – es braucht auch den Wiederaufbau der Infrastruktur, die nach Jahrzehnten des Krieges am Boden liegt. Es braucht eine funktionierende Wirtschaft, ausländische Investoren. Es gibt viele Ressourcen wie etwa Öl und Gas. Man kann im grossen Stil Landwirtschaft betreiben. Selbst die touristische Schönheit Somalias wird immer wieder gelobt. Aber das ist alles mit der Sicherheit verzahnt: Zuerst muss das Land wieder begehbar sein. Man kann sich höchstens fragen, ob es zur Bekämpfung von Al Shabaab allein militärische Mittel braucht, oder ob nicht auch politische Diskussionen nötig sind.

«  Die somalischen Soldaten sind schlecht ausgerüstet, schlecht bezahlt und schlecht ausgebildet. »

Die USA haben ihr militärisches Engagement unter Präsident Obama inoffiziell verstärkt, unter Trump nun offiziell. Wie nützlich ist dies?

Es braucht alle ausländischen Streitkräfte. Die somalischen Soldaten sind schlecht ausgerüstet, schlecht bezahlt und schlecht ausgebildet. Ich erinnere mich an eine Truppe von 15 Mann in der Provinz, die ich gesehen habe: Sie hatten 12 verschiedene Uniformen an. Zum Teil gelten auch verschiedene Loyalitäten. Einzelne Truppen fühlen sich der Zentralregierung verpflichtet. Andere sind zerstritten oder gehorchen nur Clanchefs. Da sind ausländische Ausbilder wichtig, die USA vor allem für die Luftaufklärung mit ihren Drohnen.

Zusätzliche Millionenhilfe für Somalia zugesagt

Mit mehr Mitteln soll dem Krisenstaat Somalia zu mehr Stabilität verholfen werden. Dazu bekannten sich Repräsentanten der EU sowie Regierungsvertreter verschiedener Geberländer bei der Somalia-Konferenz in London am Donnerstag. Die EU kündigte zusätzliche Hilfsgelder in Höhe von 200 Millionen Euro an. Der deutsche Aussenminister versprach, seine Unterstützung von ursprünglich geplanten 70 auf etwa 140 Millionen Euro für dieses Jahr zu verdoppeln. Auch die Schweiz war mit einer Delegation vertreten.

Wie weit ist das Land von geordneten Verhältnissen entfernt?

Der Plan, den wir gestern in London hörten, ist ehrgeizig. Kritiker nennen ihn sogar unrealistisch. Aber am besten lässt sich die Frage mit den Worten des Präsidenten beantworten: 20 Jahre Bürgerkrieg hätten das Land in eine Ruine verwandelt. Er werde wohl weitere 20 Jahre dauern, um wieder einigermassen eine Normalität herzustellen. Wahrscheinlich hat er damit nicht ganz Unrecht.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Patrik Wülser

Porträt Patrik Wüsler.

Patrik Wülser ist Afrikakorrespondent für SRF und lebt mit seiner Familie seit 2011 in Nairobi (Kenia).