20 Jahre nach Srebrenica: Zwischen Versöhnung und Wut

Im ostbosnischen Srebrenica trauerten Zehntausende. Vor 20 Jahren waren hier über 8000 muslimisch-bosnische Männer und Buben ermordet worden – von christlich-serbischen Truppen. An der Veranstaltung kam es zu einem Eklat: Der serbische Ministerpräsident Vucic wurde mit Steinwürfen vertrieben.

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Gedenkfeiern in Srebrenica

2:13 min, aus Tagesschau vom 11.7.2015

Was eine Geste der Versöhnung hätte sein sollen, endete in einem Eklat: Bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Völkermordes in Srebrenica wurde der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic mit Flaschen und Steinen beworfen.

Der Premier sei von einem Stein im Gesicht getroffen und leicht verletzt worden, bestätigte seine Sprecherin. Zudem sei die Brille kaputt gegangen. Vucic hat nach dem Vorfall Srebrenica verlassen. Der Besuch des Serben Vucic am Gedenktag hätte symbolisieren sollen, wie gut sich die Beziehungen in der Region seither entwickelt hätten.

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SRF-Korrespondent Häsler: Vucics Kalkül ist nicht aufgegangen

1:48 min, aus Tagesschau vom 11.7.2015

Grösstes Kriegsverbrechen in Europa seit 1945

Vor 20 Jahren waren bei dem Massaker von Srebrenica über 8000 muslimische Bosnier von christlich-serbischen Truppen ermordet worden – vor allem Männer und Jungen. An der Gedenkfeier im ostbosnischen Ort nahmen Zehntausende trauernde Menschen teil.

Nicht nur Angehörige der Ermordeten trauerten an der weitläufigen Gedenkstätte Potocari vor den Toren der Stadt um ihre Toten. Auch zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt erwiesen den Opfern des grössten Kriegsverbrechens nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa die letzte Ehre.

«Monströses Verbrechen»

So auch der serbische Regierungschef Vucic. Vor der Feier hatte der ehemalige Nationalist, der sich heute als überzeugter Europäer sieht, die Tat als «monströses Verbrechen» verurteilt: «Es gibt keine Worte, um die Trauer (…) für die Opfer auszudrücken, noch für die Wut gegenüber jenen, die dieses (…) Verbrechen begangen haben.»

Die serbische Regierung wolle gemeinsam mit den Bosniern leben und das Vertrauen wiederherstellen: Das sei seine Pflicht gegenüber den Opfern und den zukünftigen Generationen, hatte Vucic in einem offenen Brief geschrieben. Den Begriff «Völkermord» benutzte er jedoch nicht – was offenbar noch immer viel Wut unter den Bosniern schürt.

Viele Serben lehnen die von den Vereinten Nationen verwendete Bezeichnung «Völkermord» ab. Auch bestreiten viele die Zahl der Todesopfer sowie die Darstellung der Ereignisse. Vergangene Woche hatte Russland auf Drängen Serbiens eine UNO-Resolution verhindert. Diese wollte die Leugnung des Massakers als Völkermord verurteilen.

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Gräber, so weit das Auge reicht

0:19 min, vom 11.7.2015

136 neu identifizierte Opfer bestattet

In der Region hatten die damals dort stationierten niederländischen UNO-Truppen das Massaker nicht verhindern können. Die Rolle des sogenannten «Dutchbat» wurde immer wieder in Frage gestellt. Srebrenica war kurz vor dem Massaker von der UNO zur «sicheren Schutzzone» erklärt worden.

Bisher haben 6200 Opfer ihre letzte Ruhestätte in Potocari gefunden. Heute wurden weitere 136 neu identifizierte Opfer des Völkermordes beerdigt. Die jüngsten Opfer waren 16-jährig, das älteste 74 Jahre alt. Von einer Familie werden nun gleichzeitig drei Generationen männlicher Familienmitglieder bestattet: Der 17-jährige Sifet, sein 40-jähriger Vater Ramiz und der 64-jährige Grossvater Atif.

Die serbischen Truppen hatten im Juli 1995 die muslimischen Männer und Buben gezielt und organisiert aus den Flüchtlingskonvois herausgeholt. Sie wurden reihenweise erschossen und anschliessend in Massengräbern verscharrt. Um die Spuren des Verbrechens zu verwischen, wurden die Überreste der Opfer später mit Bulldozern ausgehoben und aufs Land verteilt in neuen Gruben versteckt. Deswegen ist die Identifizierung der Opferleichen noch heute nicht abgeschlossen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die ganze Stadt eine Gedenkstätte

    Aus 10vor10 vom 10.7.2015

    Srebrenica und der 11.Juli 1995 haben sich als schwerstes Kriegsverbrechen auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg ins Gedächtnis eingebrannt. Vor 20 Jahren starben hier über 8000 bosnische Muslime. Die einst lebensfrohe Kleinstadt hat sich nie mehr von diesem Tag erholt.

  • Viele offene Fragen: Erst kürzlich wurden 136 Opfer voin Srebrenica identifiziert.

    Srebrenica und die Mitschuld der UNO

    Aus Kontext vom 10.7.2015

    Als die grösste Schande in der Geschichte der Vereinten Nationen hat der spätere UNO-Generalsekretär Kofi Anan das Massaker von Srebrenica bezeichnet.

    Die UNO hatte der Bevölkerung in der Enklave zugesichert, dass sie unter besonderem Schutz stehe und die muslimischen Bosnier weitgehend entwaffnet.

    Als dann die serbischen Bosnier am 11. Juli 1995 angriffen und das Massaker begingen, mussten auch die niederländischen Blauhelmsoldaten hilflos zuschauen. Eine Klage der «Mütter von Srebrenica» gegen die UNO ist unter Hinweis auf deren Immunität abgeschmettert worden.

    Hansjörg Schultz

  • Frauen an der Gedenkstätte der Opfer des Massakers von Srebrenica.

    Ein kleiner Trost für die «Mütter von Srebrenica»

    Aus Echo der Zeit vom 16.7.2014

    Fast zwei Jahrzehnte nach dem Massaker im Bosnien-Krieg hat ein Gericht in Holland den «Müttern von Srebrenica» zum Teil recht gegeben. Der niederländische Staat sei für den Tod von 300 der mehr als 8000 Opfer mitverantwortlich.

    Elsbeth Gugger

  • Serbien entschuldigt sich für Srebrenica

    Aus Rendez-vous vom 31.3.2010

    13 Stunden lang diskutierte das serbische Parlament über das Massaker von Srebrenica 1995. Die Debatte und der Beschluss dazu wurden in hunderttausende Stuben im Land übertragen: Das serbische Parlament entschuldigt sich bei den Angehörigen der getöteten bosnischen Muslime.

    Jörg Brandscheide