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International 40 Jahre Nelkenrevolution: Portugal feiert die Demokratie

In den 70er-Jahren war Portugal eine der letzten Diktaturen Westeuropas. António Salazar und sein Nachfolger Marcelo Caetano führten ein strenges Regime. Ein Buch, ein Lied und eine Blume änderten das: Am 25. April 1974 führte die Nelkenrevolution zum Putsch. Portugal feiert 40 Jahre Demokratie.

In Portugal kam 1926 eine Militärjunta durch einen Putsch an die Macht. Ab 1932 bemühte sich das Land unter António Salazar um eine Distanzierung vom italienischen Faschismus und vom deutschen Nationalsozialismus. 1933 baute Salazar seine Macht durch eine neue Verfassung und die Abschaffung des Parlaments aus.

Ein Buch liefert die Idee

1968 wurde Salazar von Marcelo Caetano abgelöst. Am Charakter der Diktatur änderte dies nur wenig. Es gab Repression, Pressezensur, Folter und keine freien Gewerkschaften. Herrschen sollte nur die Elite. Die grosse Masse der Bevölkerung wurde bewusst in Armut, Unwissenheit und Rückständigkeit gehalten, um den Portugiesen das «Übel» der Moderne zu ersparen. Über ein Drittel des Volkes litt an Analphabetismus. Zudem hielt Portugal an seinen afrikanischen Kolonien fest und befand sich dort im Krieg.

Im Februar 1974 veröffentlichte der stellvertretende Generalstabschef António de Spínola sein Buch «Portugal e o Futuro» (Portugal und die Zukunft), das besonders in militärischen Kreisen für Furore sorgte.

Spínola kam zum Schluss, dass der Kolonialkrieg zu viele Menschenleben koste und bis zu 50 Prozent des Staatshaushaltes verschlinge. Er schlug eine neue Strategie vor, in der die Teilnahme des Volkes am politischen Willensbildungsprozess und das Recht der Kolonien auf Selbstbestimmung gewährleistet sein sollten.

Für die «Bewegung der Streitkräfte» (MFA), die sich gegen die Diktatur auflehnte, war dieses Buch ein Signal zum Aufbruch. Erst nach Veröffentlichung des Buches erhielt das MFA grösseren Zulauf in der Bevölkerung. Der Schweizer Journalist Werner Herzog befand sich damals in Portugal. Er kann sich noch gut an die Stimmung im Land erinnern, wie er im Gespräch mit SRF sagt.

Verbotene Musik als geheimes Signal

«Es lag ein Schatten über dem Land. Die Portugiesen waren nicht so fröhlich und lebensfroh wie die Spanier», erinnert sich Herzog. Portugal sei abgeschottet gewesen vom Rest Europas, es habe keine Bildung, keine Industrialisierung gegeben. «Viele junge Portugiesen gingen ins Ausland – auch, um den obligatorischen Militärdienst zu umgehen.»

Am 25. April 1974 nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Ein Lied im Radio gab dem MFA das Signal zum Aufbruch: «Grândola, Vila Morena». Die erste Strophe des verbotenen Liedes wurde vom Sprecher des katholischen Radios gelesen, danach folgte das Lied selbst, gesungen vom antifaschistischen Protestsänger José Afonso.

Für alle militärischen Einheiten der MFA waren die Verse das vereinbarte Zeichen zum bewaffneten Aufstand. Knapp 18 Stunden später hatte die «Bewegung der Streitkräfte» Westeuropas älteste Diktatur gestürzt.

Die Bewegung bestand vornehmlich aus jungen Offizieren der unteren Ränge. Diese Männer waren es, die den diensthabenden Kommandanten festsetzten und über die Autobahn nach Lissabon fuhren, um Ministerien, Radio- und Fernsehsender sowie den Flughafen zu besetzen. Die Mehrheit der angerückten Regierungstruppen lief zu den Aufständischen über.

Die erste Strophe des Liedes

OriginaltextÜbersetzung
Grândola vila morena,
Terra da fraternidade,
O povo é quem mais ordena, Dentro de ti ó cidade.
Grândola braune Stadt,
Land der Brüderlichkeit,
Das Volk regiert, In Dir, oh Stadt.

Tausende von Lissabonern säumten den Weg der Kolonne, jubelten den Befreiern zu, liefen neben den Armeefahrzeugen her, sprangen auf. Die ersten roten Nelken, die der Revolution den Namen gaben, tauchten auf, leuchteten an den Uniformen der Soldaten und aus ihren Gewehrläufen. Caetano flüchtete sich hinter die Mauern einer Kaserne. Die Belagerung dauerte so lange, bis der Diktator sich bereit erkläre, die Regierung an General Spínola zu übergeben.

Das Ende einer Kolonialmacht

Nur einmal fielen Schüsse – bei der Erstürmung der Stützpunkte der Geheimpolizei durch die Bevölkerung. Vier Menschen starben. In der Nacht zum 27. April wurden die politischen Gefangenen aus dem Kerker der Geheimpolizei befreit. Ihre Verwandten und Freunde empfingen sie auf der Strasse. Jahrelang waren die Gefangenen dort ohne Gerichtsverfahren Folter, Isolationshaft und Demütigung ausgesetzt.

Werner Herzog traf am 26. April in Lissabon auf jubelnde Portugiesen – aber auch auf Verwirrung. Niemand habe gewusst, wer den Putsch angezettelt hatte. Obwohl der Sieg als ein Sieg des Volkes angesehen wurde, blieb die Lage in Portugal noch eine ganze Weile unstet. «Militär und Übergangsregierung waren sich nicht einig, in welche Richtung sie das Land steuern sollten», sagt Herzog zu SRF: Viele seien zudem nicht zufrieden gewesen mit den Kommunisten, die nun an der Macht waren. Denn diese bedeuteten neue Zensuren und neue Verbote.

Die Unabhängigkeit für die Kolonien führte dazu, dass hunderttausende Exil-Portugiesen in die Heimat zurückkehrten – und für diese musste Unterkunft und Arbeit gefunden werden. «Dass Portugal den Weg zur Demokratie trotzdem geschafft hat, ist dem Land hoch anzurechnen», so Herzog. Noch heute ist der 25. April tief in den Köpfen der Portugiesen verankert. «Er bedeutet die Hinwendung zu Europa, der Geburtstag des modernen Portugals.» Trotzdem: Gerade heute werfe die Wirtschaftskrise wieder neue Schatten auf das Land. «Portugal ist noch nicht aus dem Schneider.»

Das Lied der Hoffnung

Grândola vila morena – das Protestlied der Nelkenrevolution. Es stammt vom antifaschistischen José Afonso. Der Sänger gehörte zu den bekanntesten Oppositionellen Portugals. Das Lied besingt die Stadt Grândola, die eines der Widerstandszentren war. Zahlreiche Lieder des Komponisten waren unter der Caetano-Diktatur verboten worden.

4 Kommentare

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  • Kommentar von R.Anderegg, Zürich
    langweilig Herr Stump, all die Linken Regierungen seit dem Umsturz in Portugal, haben das Land auch nicht reicher gemacht. Großbritannien wurde auch nicht ärmer nach dem Rückzug aus seinen Kolonien. Irgend etwas macht Portugal falsch.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    3. Teil: Immerhin haben wir es vor allem den Sozialisten zu verdanken, dass Portugal, das in dieser kritischen Zeit (1974-1976) immer noch ein NATO-Mitglied blieb, kein UdSSR-Stützpunkt wurde. Die port. KP unter Alvaro Cunhal tat wirklich alles dafür und es fehlte wenig zu einem Bürgerkrieg, was dem port. Wesen eigentlich fremd ist - im Gegensatz z.B. zu Spanien. P.S. Ich kenne (schwarze) Angolaner, die im Kolonialismus Portugals noch heute nicht nur Schlechtes sehen.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    2. Teil: Weniger bekannt und von der linksdominierten westeuropäischen Presse unterschlagen ist die Tatsache, dass die drei Kolonialkriege - in Mosambik, Angola und Guinea-Bissau - im April 1974 schon so gut wie "gewonnen" waren und dass es bereits Vorverhandlungen zugunsten eines allmählichen Übergangs in eine schrittweise Unabhängigkeit gab. Dieser Putsch und der überstürzte Abzug von den Kolonien stellten alles auf den Kopf und trugen mit zum langen Bürgerkrieg in Angola bei.
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