82 Jahre und ein bisschen müde

Wenn der Tenno spricht, hört Japan zu – obwohl der Kaiser nur noch eine repräsentative Rolle spielt. Während fast 30 Jahren verteidigte Akihito Japans pazifistische Staatsdoktrin mit grossen Gesten und subtiler Meinungsäusserung. Tritt er ab, könnte eine neue Ära beginnen.

Akihito bei seiner Fernsehansprache.

Bildlegende: Diskret deutet der Kaiser an, dass er das Amt verlassen möchte. Jetzt ist die Politik gefordert. Keystone

Nur selten richtet sich der japanische Kaiser direkt an das Volk. Wenn er es tut, lasten oft traumatische Erfahrungen auf dem Land. Am Anfang des modernen, pazifistischen Japans steht eine Rede von Akihitos Vater, Kaiser Hirohito. In einer viereinhalbminütigen Radio-Ansprache verkündete er am 15. August 1945, in obskuren, verklausulierten Worten, die Kapitulation Japans im 2. Weltkrieg. Erstmals hörten die Japaner die Stimme des «Himmlischen Herrschers», der damals noch als gottähnlich galt.

Die Aufnahmen wurden heimlich nach Mitternacht gemacht; die Furcht, fanatische Elemente in der Armee könnten sich trotz der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki dagegen stellen, war weit verbreitet am Kaiserhof. Japan verpflichtete sich nach den Gräueln, die seine Soldaten über die Nachbarländer gebracht hatten, zu einer pazifistischen Staatsdoktrin. Erzkonservative Kräfte bekämpfen die mit «sanftem Druck» der Siegermacht USA eingesetzte Verfassung bis heute.

Götterdämmerung

Der Kaiser übt seither eine rein repräsentative Funktion aus. Doch auch sie hält Sprengkraft bereit. Hirohito, dessen Rolle im 2. Weltkrieg unter Historikern umstritten ist, verzichtete im Gegensatz zu manchem Premierminister auf den Besuch des Yasukuni-Schreins, wo seit der Meiji-Restauration von 1868 für den Kaiser Gefallenen gedacht wird. Neben 2,5 Millionen japanischer Soldaten befinden sich darunter auch Kriegsverbrecher.

Akihito, der 1989 sein Amt antrat, folgte dem Beispiel seines Vaters. Und setzt sich in leisen, aber unmissverständlichen Tönen für den Frieden ein. Während die rechtsnationale Regierung von Premier Shinzo Abe Japans pazifistische Staatsdoktrin immer stärker aufzuweichen versucht, ist seine Botschaft ein – wenn auch stiller – Kontrast dazu.

Subtile Meinungsäusserung

Akihitos Amtszeit trägt den Namen Heisei («Frieden schaffen»), gleichsam das Programm seiner Regentschaft: «Als erster japanischer Kaiser reiste er nach China und entschuldigte sich für die Grausamkeiten japanischer Soldaten während und vor dem 2. Weltkrieg», schildert SRF-Radio-Redaktor Konrad Muschg, der über 20 Jahre lang als Journalist in Tokio lebte und arbeitete.

Im vergangenen Jahr äusserte Akihito, der mit den rigiden Regeln des Kaiserhofs brach und die bürgerliche Michiko Shoda, heiratete, sein grosses Bedauern über die von Japan begangenen Gräueltaten im Laufe des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig wertete die Regierung die Streitkräfte mit einer neuen Militärdoktrin auf.

«  Die Regierung Abe könnte dem Kaiser wieder mehr Macht geben.  »

Konrad Muschg
Japan-Experte und Redaktor bei Radio SRF

In kollektiver Erinnerung bleibt, als sich Akihito als erster Kaiser in einer Fernsehansprache ans Volk wandte: Nach der Tsunami-Katastrophe von 2011, die 18‘000 Todesopfer forderte und dem in Fukushima beinahe ein atomarer Supergau folgte, tröstete der 125. Tenno die Japaner – dass er es überhaupt tat, war für viele ein Zeichen dafür, wie schwer das Land getroffen worden war.

Naruhito und seine Frau Masako.

Bildlegende: Japans nächstes Kaiserpaar? Naruhito und seine Frau Masako. Keystone

Jetzt ist der Kaiser müde. «Im japanischen Nachfolgegesetz für den Kaiser gibt es keinen Passus, der ihm die Abdankung ermöglichen würde», weiss Muschg – ganz im Gegensatz zu europäischen Monarchen oder dem Papst, denen dies offen steht. Deswegen drücke Akihito seine Rücktrittsabsichten nur indirekt aus und spreche lediglich von seiner angeschlagenen Gesundheit, die die bestmögliche Amtsausführung infrage stelle.

Doch die Botschaft des studierten Politikwissenschaftlers, dessen wahres Interesse der Meeresbiologie und der Botanik gilt, kommt auch so an. «Das japanische Volk hat grosses Verständnis für ihn. Dadurch ist die Regierung Abe jetzt gefordert, eine Lösung zu finden, die es dem Kaiser erlaubt, ohne Gesichtsverlust abzutreten». Etwa, wie Muschg ausführt, indem er sich ohne direkt abzudanken zurückzieht und die zeremoniellen Pflichten an seinen 56-jährigen Sohn Naruhito weitergibt.

Wie weiter?

Auf dem Spiel steht nichts weniger als tausend Jahre Geschichte. Japan gilt als älteste Erbmonarchie der Welt. Akihito wolle nicht der Kaiser sein, der diese Linie des Chrysanthemen-Throns in irgendeiner Form unterbreche, so Muschg.

Doch ist anzunehmen, dass die Stellung des Kaisers unbestritten bleibt: «Die meisten Japaner denken nicht im Traum daran, das Kaiseramt abzuschaffen», so Japan-Kenner Muschg. «Und Premier Abe gehört einer nationalistischen Fraktion an, die dem Kaiser vielleicht wieder mehr Macht geben möchte. Insofern ist Akihito in einer schwierigen Situation».

Ende der Isolation

Formell bezeichnet die Meiji-Restauration die Erneuerung der Macht des Tenno («Himmlischer Herrscher») und die Abschaffung des Shogunates, des japanischen Kriegeradels. Als Ausnahme in Asien schaffte es Japan, sich zu modernisieren und zu einer vom Westen respektierten, modernen Industrienation zu entwickeln.