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Ghana will die Entwicklungshilfe hinter sich lassen
Aus International vom 03.04.2021.
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Abkehr von Entwicklungshilfe Ghanas Plan gegen verstaubte Computer und abgelaufene Medikamente

Ghana will sich von Entwicklungshilfe lossagen. Doch in der Provinz kann der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern bisher wenig bieten.

«Unser Projekt heisst ‹Ghana Beyond Aid› – ein Ghana, welches die Mentalität von Abhängigkeit, Hilfe und Almosen hinter sich lässt.» Das verkündete Ghanas Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo beim Staatsbesuch in Bern im Februar 2020. Ghana will in Zukunft ohne Entwicklungshilfe auskommen.

Ein Drittel von Ghanas Staatsbudget kommt aus Hilfe und Darlehen von aussen – lässt man Schuldzinsen und Löhne von Staatsangestellten aussen vor. Oft bestimmen die Geldgeber, wohin ihre Hilfe fliesst. Doch Ghana will mehr Selbstbestimmung. Das soll mit mehr Steuereinnahmen, grösserer Agrarproduktion und verstärkter Industrialisierung erreicht werden.

«Eine gute Idee», sagt Samuel Adams, Professor für öffentliche Verwaltung in Accra. «Entwicklung muss von innen kommen, das hat die Geschichte gezeigt.» Hilfe von aussen mache bequem. Er gibt zu bedenken, dass sich im demokratischen Ghana noch einiges verbessern muss: «Der Rechtsstaat muss funktionieren. Und die Korruption wurde bisher nicht direkt angegangen.»

Das Pandemie-Kit ist abgelaufen

Wegwerf-Thermometer, Desinfektionsmittel, Masken und Handschuhe vergammeln in der Schachtel. Sie bilden ein «Pandemic Preparedness Kit», welches 25 Menschen für fünf Tage durch eine Pandemie bringen könnte – wäre es nicht im September 2014 abgelaufen, wie die Aufschrift zeigt.

Das Pandemie-Set im Dorf Bonsaaso besteht aus verstaubten Wegwerf-Thermometern, Masken, Handschuhen und Desinfektionsmittel.
Legende: Der Inhalt des Pandemie-Sets im Dorf Bonsaaso ist bereits 2014 abgelaufen. SRF/Samuel Burri

In einem Raum der Dorfschule von Bonsaaso lagern zudem dutzende Kartonschachteln mit abgelaufenen Medikamenten. Auch mehrere Kisten des Verhütungsmittels Implanon liegen dort herum. Eine Kiste mit 64 Packungen hätte in der Schweiz einen Marktwert von rund 20'000 Franken.

Der Dorfpolitiker Mark Amponsah betrachtet die abgelaufenen Medikamente, welche das Millenniumsdorf-Projekt in Bonsaaso zurückliess.
Legende: Der Dorfpolitiker Mark Amponsah betrachtet die abgelaufenen Medikamente, welche das Projekt «Millenniumsdorf» in Bonsaaso zurückliess. SRF/Samuel Burri

Das «Millennium Villages Project» wollte demonstrieren, wie Dörfer aus der Armut geholt wurden. Zehn Jahre waren die Helfer in Bonsaaso aktiv, vor sechs Jahren überliessen sie das Dorf wieder sich selbst. «Nachdem die Helfer abgezogen waren, entdeckten wir das Material in einem abgeschlossenen Raum», erzählt Mark Amponsah, Abgeordneter der Distriktversammlung.

Jeffrey Sachs und die Millenniumsdörfer – ein Erfolg?

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Jeffrey Sachs und die Millenniumsdörfer – ein Erfolg?
Legende: Keystone

Das «Millennium Villages Project» war ein Projekt des US-Entwicklungsökonomen Jeffrey Sachs von der Columbia University in New York. Von 2005 bis 2015 sollte es demonstrieren, wie mit wenigen, gezielten Eingriffen, Dörfer aus der Armut geholt werden können. Eine abschliessende Studie, an welcher Sachs’ Team selbst beteiligt war, zeigte Erfolge; etwa im Bereich Gesundheit. Laut der Studie hat sich jedoch die Armutsquote in den Dörfern nicht messbar verbessert verglichen mit anderen Gebieten. Die Kosten für das Projekt betrugen rund 120 Dollar pro Person und Jahr – insgesamt 600 Millionen Dollar. Heute berät Sachs Staaten und Organisationen, auch Ghana im Bereich der Telemedizin. Die Idee von «Ghana Beyond Aid», einem Ghana ohne Entwicklungshilfe, findet Sachs gut: «Ghanas Präsident macht einen mutigen Schritt – und wir helfen.» Ein Widerspruch sei das nicht, sondern vielmehr Anschubhilfe.

Die Computer sind verstaubt

Die rund zehn Linux-Computer sind voller Staub und Spinnweben. Der Computerraum der Dorfschule wurde mit Solarenergie betrieben. Die Spannung aus der Batterie ist auf die Computer angepasst. Seit die Solaranlage vor zwei Jahren kaputtging, laufen die Computer nicht mehr.

Ein Lehrer zeigt einen defekten Laptop, der einst von Ghanas Regierung gespendet wurde. Am Boden stehen noch weitere kaputte Computer.
Legende: Ein Lehrer zeigt einen defekten Laptop, der einst von Ghanas Regierung gespendet wurde. Am Boden stehen noch weitere kaputte Computer. SRF/Samuel Burri

Es ist nicht das einzige Computerprojekt in der Gegend, das keine Zukunft hatte. In einer anderen Schule lagern zwölf defekte Laptops aus dem «Millennium Villages Project». Ein anderer PC zeigt das Bild des früheren Präsidenten, der damals jedem Schulkind einen Computer versprochen hatte.

Die Solaranlage, welche den Computerraum mit Energie versorgte, ist vor zwei Jahren ausgefallen. Seither läuft nichts mehr.
Legende: Die Solaranlage, welche den Computerraum mit Energie versorgte, ist vor zwei Jahren ausgefallen. Seither läuft nichts mehr. SRF/Samuel Burri

Die Computer zeigen, was mit Spenden passieren kann, wenn niemand dazu schaut. In Ghanas Provinz wissen nur wenige, wie man Linux updatet, wo es Ersatzakkus gibt. Es mangelt an Wissen und Ressourcen, um Projekte wie das «Millennium Villages Project» erfolgreich weiterbetreiben zu können.

Die Telemedizin funktioniert nicht

In den Dörfern um Bonsaaso hat das Millenniumsdorf-Projekt die Gesundheitsversorgung ausgebaut. Telemedizin, unterstützt von der Schweizer Novartis-Stiftung, sollte das Gesundheitswesen revolutionieren.

Im Spital St. Martin’s in Agroyesum zeugt ein grosses Holzpult davon. «Das Equipment für die Telemedizin wurde anderswo hingebracht», sagt Spitalleiter Ralph Odom. Der Staat führt das Projekt weiter. Nicht nur die Telemedizin-Ausrüstung wurde abgezogen – auch gutes Personal wanderte nach dem Ende des Millenniumsdorf-Projektes ab.

Schwester Mary Taabazuing vom St. Martin’s-Spital demonstriert, wie sich das Gesundheitspersonal mit Whatsapp selbst organisiert hat, seit die Telemedizin nicht mehr richtig funktioniert.
Legende: Schwester Mary Taabazuing vom St. Martin’s-Spital demonstriert, wie sich das Gesundheitspersonal mit Whatsapp selbst organisiert hat, seit die Telemedizin nicht mehr richtig funktioniert. SRF/Samuel Burri

Der Testanruf bei der staatlichen Telemedizin-Nummer zeigt: Niemand hebt ab. Die Gesundheitszentren rund um das St.-Martin’s-Spital haben sich unterdessen selbst organisiert – via Whatsapp. «Das ist nun unsere Telemedizin», erklärt Chefkrankenschwester Mary Taabazuing.

In Ghanas Peripherie kann der Staat nicht alle nötigen Leistungen erbringen. Das Spital wird zur Hälfte von der katholischen Kirche finanziert, die Strassen sind lehmige Erdpisten, Strom gibt es nur teilweise. Andererseits können die ghanaischen Kinder gratis zur Schule.

Ein Kind wird in einem lokalen Gesundheitszentrum behandelt. Die Gesundheitsversorgung auf dem Land ist oft nicht besonders gut.
Legende: Ein Kind wird in einem lokalen Gesundheitszentrum behandelt. Die Gesundheitsversorgung auf dem Land ist oft nicht besonders gut. SRF/Samuel Burri

«Wir würden gerne alle Bedürfnisse unserer Bevölkerung stillen», erklärt Ghanas Informationsminister Kojo Oppong Nkrumah. Doch momentan gehe das nicht. Dafür will der Staat mehr Einnahmen generieren, etwa mit einer Verbreiterung der Steuerbasis.

Eine Schokoladefabrik geht voraus

In der Hafenstadt Tema riecht es schon von weitem nach Schokolade. Hier wird Kakao verarbeitet – Ghanas wichtigstes Agrarprodukt. Noch immer verlässt der Löwenanteil von Ghanas Kakaobohnen das Land unverarbeitet.

Die Fabrik von «Niche Cocoa» wurde 2007 vom Ghanaer Edmund Poku gegründet und ist die erste Kakaoverarbeitungsfirma in lokalen Händen. Zunächst produzierte die Fabrik Kakaomasse, Butter und Pulver. Seit drei Jahren stellt «Niche Cocoa» auch Schokolade her. Sie schmeckt gut.

Die lokale Firma Niche Cocoa in Tema stellt täglich bis zu 60 Tonnen Kakaomasse her.
Legende: Die lokale Firma Niche Cocoa in Tema stellt täglich bis zu 60 Tonnen Kakaomasse her. SRF/Samuel Burri

Lokale Wertschöpfung ist eines der zentralen Elemente der Idee von «Ghana Beyond Aid», wie Präsident Akufo-Addo bei seinem Besuch letztes Jahr dem Bundesrat erklärte. Seither wird in sozialen Medien spekuliert, Ghana wolle der Schweiz keinen Kakao mehr liefern. So weit ist es aber noch lange nicht.

Conrad Nettey, Betriebsleiter bei Niche Cocoa, präsentiert die in Ghana hergestellte Schokolade.
Legende: Conrad Nettey, Betriebsleiter bei Niche Cocoa, präsentiert die in Ghana hergestellte Schokolade. SRF/Samuel Burri

Bis zu einem «Ghana Beyond Aid», einem Ghana ohne Entwicklungshilfe von aussen, wird es noch Jahre dauern. Es ist ein ambitionierter Plan des Präsidenten. Doch wer sich keine Ziele setzt, wird sie auch nie erreichen.

«International»

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International, 05.04.2021, 18:00 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Meili  (brunomeili)
    Es wäre schon extrem wirksam, würden die EU/ Schweiz etc auf die Zölle für verarbeitete Produkte verzichten und damit aufhören, die Verarbeitung und Wertsteigerung in Ländern wie Ghana zu verhindern. Dann erübrigt sich die Entwicklungshilfe.
    1. Antwort von Samuel Nogler  (semi-arid)
      Die Zölle sind nicht das Problem, ganz im Gegenteil. Es ist eine Schande, dass für ein gleiches Produkt aus ein armes Land nur ein Bruchteil soviel bezahlt werden muss, wie für ein Produkt aus einem reichen Land. Fair Trade heisst die gute Lösung.
      Ein anderes Problem ist, dass Entsorgung von Abfallprodukten in armen Ländern unter dem Vorwand "Entwicklungshilfe" geschieht. Diese Leute brauchen keine alten Computer (obwohl z.B. ein Windows XP kein schlechtes Produkt war).
  • Kommentar von Lutz Bernhardt  (lb)
    Ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Noch unendlich weit von messbaren Erfolgen entfernt. Traurig. Doch lässt hoffen. Denn anderswo passiert ja gar nichts.