«Ägypten ist zersplittert»

Ägypten ist in einem Teufelskreis der Gewalt gefangen. Eine Befriedung scheint schwierig. Zu viele Akteure ziehen an zu vielen Fäden. Experte Robert Springborg sieht wenig Chancen für die USA, die Konflikte lösen zu können.

Demonstranten liefern sich in Ägypten Strassenschlachten mit der Polizei.

Bildlegende: Die Revolution geht weiter: Der Sturz Mubaraks hat die kochende Volksseele nicht beruhigt. Keystone

Matthias Kündig: Wer zieht in Ägypten die Fäden?

Robert Springborg ist Professor an der Naval Postgraduate School in Monterrey, Kalifornien.

Bildlegende: Robert Springborg ist Professor an der Naval Postgraduate School in Monterrey, Kalifornien. zvg

Robert Springborg: Viele Akteure ziehen an vielen Fäden. Genau das ist das Problem. Niemand ist der grosse Strippenzieher in Ägypten – nicht einmal die Armee. Die traut sich nicht, die unpopuläre Ausgangssperre entlang des Suezkanals durchzusetzen. Das ganze Land ist zersplittert. Das Innenministerium mit rund einer Million Sicherheitskräften ist in verschiedene Gruppierungen aufgeteilt. Es gibt Streiks. Die Muslimbrüder sind zwar geeint, aber geschwächt durch politische Fehler des unpopulären Präsidenten Mursi. Die Opposition besteht nur noch aus einzelnen Gruppierungen.

Sie haben die Polizei erwähnt: Ist sie unfähig oder unwillig, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten?


Besorgnis über Ägyptens instabile Lage

5:47 min, aus Echo der Zeit vom 01.02.2013

Eine Kombination aus beidem. Denn die höchsten Ränge der Polizei sind noch immer von Mubaraks Leuten besetzt. Die Polizei ist gespalten. Die einen wollen die Erneuerung des Landes. Die anderen gehören zur alten Garde, die Blut an den Händen hat. Der neue Innenminister wird als Mann der Muslimbrüder angesehen. Die Polizei hat die Muslimbrüder die letzten Jahrzehnte bekämpft, und nun ist sie einem unterstellt. Die einfachen Polizisten stammen aus armen Verhältnissen. Entweder wollen sie bei den gewalttätigen Demonstrationen nicht ihren Kopf für wenig Geld hinhalten oder sie langen aus Frust richtig zu.

« Die Möglichkeiten der USA sind limitiert »

Welche Rolle spielt die Armee in diesem Chaos?

Die Armee ist und war schon immer die Königsmacherin in Ägypten. Aber auch die Armee ist in sich gespalten. Der Verteidigungsminister ist zwar nicht Mitglied der Muslimbrüder, aber ein Gläubiger. Viele Offiziere sind von einer tiefen Abneigung gegen die Muslimbrüder geprägt.

Was ist von der Armee nun zu erwarten?

Sie neutralisiert sich selbst. Der Verteidigungsminister will nicht einmal die unpopuläre Ausgangssperre der Regierung durchsetzen. Aus Angst, dass die Armee ihre Popularität in der Bevölkerung verliert und aus Angst, dass die Armee aufgrund der tiefen inneren Spaltung zerbricht. Und darüber ist nicht zuletzt Washington sehr besorgt.

Gibt es eine Lösung für diese verfahrene Situation?

Die Regierung der Muslimbrüder muss politische Kompromisse eingehen. Aber sie ist dazu nicht bereit. Deshalb ist es möglich, dass diese Regierung auseinanderbricht.

Oder wird ganz Ägypten als Staat zerbrechen?

Ich würde Ägypten als «failed state» nicht ausschliessen. Ich lebe seit 1965 in Ägypten und bin mit einer Ägypterin verheiratet. Ich dachte, die Gesellschaft hier sei die konservativste und stabilste der arabischen Staaten. Aber nun sehe ich die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen, die riesigen wirtschaftlichen Probleme und den zerrissenen Staatsapparat.

Was können die USA tun? Schliesslich spielt Ägypten im Nahen Osten eine Schlüsselrolle?

Die USA können nicht viel tun. Obwohl die Interessen der USA an Ägypten enorm sind, sind ihre Möglichkeiten limitiert.