«Ägypten wird zwei oder drei Generationen brauchen»

Der Sturz Mohamed Mursis ist auch eine Folge des wirtschaftlichen Niedergangs. Die Probleme sind auf einen Vertrauensverlust in den Staat zurückzuführen, sagt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Die neue Führung – und damit auch die Armee – muss nun das Wirtschaftssystem für das Volk öffnen.

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Reinhard Schulze zu den Problemen Ägyptens

4:57 min, vom 4.7.2013

«Das Mursi-Regime hat eines geschafft. Nämlich vertrauen zu verlieren», bilanziert Islamwissenschaftler Reinhard Schulze die Regierungszeit der Muslimbrüder. Dies führte zum Niedergang der Wirtschaft. Die Folge: keine Investitionen, keine Entwicklung. «Ägypten hat dies sofort gespürt», so Schulze im Interview mit SRF. «Nach dem ersten Putsch ist die Arbeitslosigkeit nach oben geschnellt.» Zuletzt waren die Preise stark angestiegen. Benzin wurde rationiert.

Akademiker, die Hausflure putzen

Laut Schulze kennt sich das ägyptische Volk seit Jahrzehnten damit aus, in einer schlechten Wirtschaft zu überleben. Was nun aber neu dazu kommt, ist dass der abgestiegene Mittelstand mit 10 Dollar pro Tag überleben muss. «Das müssen sie jetzt lernen. Aber das wollen sie nicht lernen. Sie wollen ein gesichertes Einkommen.»

«Dem Volk geht es miserabel», so Schulze. Viele gut ausgebildete Menschen müssten Jobs annehmen, die für sie niemals denkbar waren. «Akademiker putzen Hausflure oder müssen als Torwächter arbeiten.»

Tourismus und Erdöl überwinden

Eine Schlüsselrolle für eine wirtschaftliche Verbesserung schreibt Schulze der Armee zu. Sie habe eine indirekte Machtstellung im Lande. «Am Militär führt nichts vorbei. Darum braucht es keine direkte Gewalt.» Die Armee könne immer mit einer Zivilregierung leben, wenn sich diese nicht gegen die Armee stelle.

Die neue Regierung müsse das grosse wirtschaftliche Potenzial des Militärs aber privatisieren und die Bevölkerung Anteil daran haben lassen, erklärt Schulze. Erst so könne sich ein grundlegender ökonomischer Prozess im Lande entwickeln, der nicht mehr so stark abhängig ist von Tourismus und der geringen Erdölförderung.

Für eine solche Öffnung brauche es Fachleute an der Macht, sagt Schulze. «In Ägypten gibt es exzellente, hochausgebildete Technokraten, die dazu fähig sind, das Land zu führen. Nur hatten sie bislang nie die Chance, dies zu tun.» Es bleibe zu hoffen, dass durch die neue Übergangsregierung Adli Mansurs so etwas wie Know-how in die Regierung komme.

Ultrareligiöse gegen den Staat

«Es wird zwei oder drei Generationen brauchen, bis die grössten Probleme des Landes bewältigt werden.» Das neue politische System müsse die Leute erst mal wieder in die Gesellschaft integrieren, so Schulze: «Etwa 40 Prozent der Bevölkerung nimmt gar nicht mehr am Gesellschaftssystem teil. Sie leben irgendwie – ohne Krankenversicherung oder Arbeitslosenkasse.»

Schon heute laufe in gewissen Teilen des Landes ein Prozess, in dem die Ränder der Gesellschaft abbrechen. Somit entstünden Räume, die unabhängig vom Staat funktionieren. Dort lassen sich laut Schulze radikale, ultrareligiöse Verbände nieder.

Wenn die Integration solcher Menschen nicht funktioniere, deute sich an, dass eine starke Opposition aufgebaut wird, so Schulze. «Und diese ist gegen den Staat – und nicht nur gegen das Militär.»

Das Gespräch mit Reinhard Schulze führte Urs Gredig.

Zur Person

Reinhard Schulze ist Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Sozial- und Kulturgeschichte der Neuzeit und Moderne in der islamischen Welt.