«Ägyptens Regime ist brutaler als Mubarak es je war»

Vor fünf Jahren trat der damalige ägyptische Machthaber Hosni Mubarak zurück. Nahost-Korrespondent Pascal Weber, der von 2011 bis 2015 in Kairo lebte, blickt zurück – auf den unglaublichen Jubel am Abend dieses 11. Februar 2011 und die grosse Ernüchterung, die danach folgte.

SRF News: Vor fünf Jahren trat Ägyptens damaliger Präsident Hosni Mubarak zurück. Wie haben Sie den Tag erlebt?

Pascal Weber: Am Abend vorher war Mubarak nochmals an die Öffentlichkeit getreten und im Vorfeld kursierte das Gerücht, er könnte in dieser Rede seinen Rücktritt bekanntgeben. Was er dann bekanntlich nicht tat – im Gegenteil: Mubarak drohte in seiner Rede mit Härte und betonte, bleiben zu wollen. Entsprechend gedrückt war die Stimmung an diesem 11. Februar 2011, dem Tag danach. Als dann am Abend Mubaraks Geheimdienstchef Omar Suleiman vor die Medien trat und in kurzen Worten verkündete, der Präsident von Ägypten sei zurückgetreten, herrschte zunächst ungläubiges Staunen.

Und dann brachen die Dämme in Kairo, er herrschte eine riesige Euphorie. Wir erlebten einen «Jetzt ist alles möglich»-Moment. Wenn Sie mich fragen, wäre auch wirklich alles möglich gewesen. Ich bin noch immer davon überzeugt, dass Ägypten die Chance gehabt hätte, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Aber dann begannen die Fehler.

Video «Jubel in Kairo» abspielen

Aus dem Archiv: Mubarak tritt zurück – Jubel in Kairo

2:14 min, aus Tagesschau vom 11.2.2011

Welche Fehler?

In Ägypten war bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks eine Angst spürbar – vor der neuen Freiheit, vor allem aber vor der entstandenen Führungslosigkeit. Und diese Angst machten sich die populistischen Kräfte – der Sicherheitsapparat und die Muslimbrüder – zunutze. Nur wenige Wochen nach Mubaraks Rücktritt stimmten die Ägypter am 19. März in einem Referendum dafür, zunächst ein neues Parlament zu wählen und erst im Anschluss daran eine neue Verfassung auszuarbeiten. Bereits damals war klar, dass das der falsche Weg ist.

Eine Verfassung muss ausgearbeitet werden, bevor die eine oder andere Seite durch Wahlen gestärkt wird. Tatsächlich zeigte sich dann, dass die Muslimbrüder als Wahlsieger in der Lage waren, anschliessend eine Verfassung nach ihren Vorstellungen durchzudrücken. Sie brachten das Land damit auf einen falschen Weg.

Sie hatten erst wenige Monate vor Beginn des Arabischen Frühlings den Posten des Nahost-Korrespondenten von SRF übernommen. Wie haben Sie diese ersten Wochen erlebt?

Wir wurden Zeugen einer Entwicklung, die es im Arabischen Raum so noch nie gegeben hatte. Vor allem in Ägypten hatte wohl niemand eine solche Bewegung für möglich gehalten. Zeitweise war ich einfach überfordert – wie viele meiner Kollegen auch. Und wir haben uns in vielem auch massiv getäuscht. Kaum jemand hat damals gesehen, dass der Sturz Mubaraks vor allem ein Militärcoup war und weniger ein Sieg des Volkes.

Manche, auch ich, glaubten zudem, dass der Sturz die Islamisten – die Muslimbrüder, aber auch die Dschihadisten – entscheidend schwächen würde. Ihre wichtigsten Gegner waren ja die eigenen korrupten Herrscher und Eliten gewesen. Und mit deren Wegfall, so glaubten wir, würden die populistischen Forderungen der Islamisten ihre Anziehungskraft verlieren. Weil die alten Eliten aber gar nicht wirklich verschwunden waren, erstarkten diese Kräfte.

Die Muslimbrüder gewannen anschliessend sowohl die Parlaments- als auch die Präsidentschaftswahlen.

Nach Mubaraks Sturz gab es im Grossen und Ganzen drei politische Gruppen: die revolutionären Kräfte, die Muslimbrüder und das alte Establishment. Keine dieser drei Kräfte war in der Lage, den weiteren Weg allein zu bestimmen. Und wenig erstaunlich haben sich im Anschluss immer die beiden schwächsten Gruppen zusammengeschlossen gegen die zu diesem Moment stärkste Kraft.

Nach dem 11. Februar sahen wir so eine Verbrüderung der Muslimbrüder mit dem Establishment, die Revolutionäre wurden marginalisiert. Nach dem Wahlsieg der Muslimbrüder verbündete sich dann der Sicherheitsapparat mit Teilen der unzufriedenen revolutionären Bewegung. Zusammen stürzten sie 2013 den Islamisten Mohammed Mursi. Diese Verbrüderung war nötig, denn allein hätte das Militär Mursi nicht stürzen können.

Wo steht Ägypten fünf Jahre nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak?

Heute herrscht in praktisch allen Schichten der ägyptischen Gesellschaft Konsternation. Wer jung ist, versucht das Land irgendwie zu verlassen oder versinkt in Hoffnungslosigkeit. Die Jungen fühlen sich ausgeschlossen von allem – von der Politik, von der Wirtschaft, von der Gesellschaft, der Kunst. Die Generation ihrer Eltern hingegen ist in der Vergangenheit steckengeblieben. Eine grosse Mehrheit der Ägypter fürchtet, dass das Land in Chaos und Krieg versinken könnte, wie das in Libyen oder in Syrien der Fall ist. Und so lange diese Sorge besteht, werden sich die Ägypter immer in erster Linie für das entscheiden, was sie als Sicherheit empfinden.

Gleichzeitig sieht man aber auch, dass das neue alte Regime unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi nicht die Durchsetzungskraft hat, die Mubarak hatte. Stattdessen haben wir heute eine Diktatur von einzelnen autokratischen Institutionen – wie zum Beispiel dem Militär, den Sicherheitsdiensten, der Justiz oder der berüchtigten Polizei des Innenministeriums. Insgesamt ist das Regime in Unterdrückung und Verfolgung der Muslimbrüder, aber auch der ehemaligen Revolutionäre sehr viel brutaler und kompromissloser als Mubarak es je gewesen ist. Es verschwinden wieder Tausende Menschen.

Auch in den meisten anderen Ländern des Arabischen Frühlings haben sich die Hoffnungen der Revolutionäre nicht erfüllt. Wo liegt der Schlüssel für eine Lösung?

Im Moment gibt es keine Anzeichen für eine Lösung. Ich gehe eher davon aus, dass wir gerade erst den Anfang einer tiefen Erschütterung in der arabischen Welt erleben. Der Schlüssel für eine Lösung wird ganz sicher darin liegen, das eigene Verständnis der Religion zu definieren. Es wird darum gehen, sich mit der eigenen Geschichte auszusöhnen und eine Gesellschaftsform zu entwickeln, die sich keineswegs an einer europäischen Gesellschaft orientieren muss.

Es kann durchwegs eine orientalische, eine islamische Gesellschaft sein – aber eine Gesellschaftsform, die Menschen nicht mehr ausschliesst aufgrund ihres Glaubens, ihrer Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer politischen Gruppierung oder aufgrund ihres Geschlechts. Erst, wenn die Gesellschaften das schaffen, wenn sie verstehen, dass man Minderheiten schützen, akzeptieren und einbinden muss, wird diese Region eine Zukunft haben. Eine grosse Chance ist die demographische Entwicklung. Die arabischen Gesellschaften sind sehr jung, jeder Zweite hier ist jünger als 30. Vielleicht sorgen die Jungen dafür, dass sich Veränderungen schneller vollziehen als wir das von früheren gesellschaftlichen Umbrüchen kennen.

Das Interview führte Andrea Krüger.

Pascal Weber

Pascal Weber in Kairo

Seit 1999 arbeitet Weber für SRF. Als Redaktor und Produzent war er zunächst in der Sportredaktion tätig, danach bei «10vor10». Seit September 2010 ist er Korrespondent im Nahen Osten. Folgen Sie ihm auf Twitter.

Fünf Jahre Arabischer Frühling

Fünf Jahre Arabischer Frühling

Der Arabische Frühling begann 2010 mit der Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers. Die Proteste führten in Marokko und Jordanien zu weitreichenden Reformen. In Tunesien, Ägypten, Libyen und Jemen stürzten sie die damaligen Machthaber. In Syrien brach ein Bürgerkrieg aus. Die Entwicklung im Überblick.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die verlorene Revolution

    Aus 10vor10 vom 23.11.2015

    Knapp fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling resignieren die Freiheitskämpfer vom Tahrir-Platz. Nun finden in Ägypten Wahlen statt, doch die jungen Revolutionäre von damals haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – ohne Präsident Abdelfattah Al-Sisi – verloren.