«Äthiopien ist heute besser gerüstet als in den 80er-Jahren»

Wegen einer bevorstehenden Dürre sind in Äthiopien zehn Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Man müsse jetzt sehr schnell reagieren, sagt Ralf Südhoff vom UNO-Welternährungsprogramm. Das Land sei aber viel besser gerüstet als bei der letzten grossen Dürre, die eine Million Opfer forderte.

SRF News: Die letzte grosse Hungerkatastrophe forderte Äthiopien 1984 etwa eine Million Todesopfer. Droht nun ein ähnliches Schreckensszenario?

Ralf Südhoff: Nein, das glaube ich nicht. Äthiopien hat den Hunger in den letzten Jahren erfolgreich bekämpft und ist heute besser gerüstet für solche Krisen. Trotzdem müssen wir jetzt sehr schnell handeln.

Was passiert, wenn das dafür benötigte Geld nicht zusammenkommt?

Äthiopien droht durch das Wetterphänomen El Nino die grösste Dürre seit bis zu 50 Jahren. Das hätte zur Folge, dass im Frühling über zehn Millionen Äthiopier auf Ernährungshilfe angewiesen sein werden, drei mal mehr als im vergangenen Jahr.

Diesen Menschen müssen wir sehr, sehr schnell helfen. Sonst verlassen die hungernden Kleinbauern und Landarbeiter ihre Felder und fliehen in die Städte und versuchen in den Slums als Bettler durchzukommen. Die direkten Folgen wären massive Mangelernährung und bleibende Schäden bei Kindern. Langfristig würde es zudem Äthiopiens Landwirtschaft weiter schwächen.

Die Dürrewelle bedroht ja nicht nur Äthiopien, sondern den ganzen Süden und Osten Afrikas. Warum betrifft sie das oft auch als «historisches Hungergebiet» bezeichnete Äthiopien besonders?

Seit Ende der 80er-Jahre hat sich der Anteil der äthiopischen Bevölkerung, die unter Mangelernährung leidet, von 75 auf etwa 35 Prozent reduziert. Das ist in so kurzer Zeit ein grosser Erfolg. Dennoch bleibt das Land natürlich verwundbar, zumal die Bevölkerung sehr schnell wächst und damit die gesteigerte Produktion von Nahrungsmitteln auch auf mehr Menschen verteilt werden muss.

Welches sind denn die wirkungsvollsten Rezepte gegen den drohenden Hunger?

Es braucht minimale soziale Sicherungssysteme. Das hat den Vorteil, dass jetzt schon Hunderttausende von der Regierung regelmässig kleine Geldtransfers bekommen und sich so eine Mindesternährung sichern können. Wenn diese Programme funktionieren, können sie in so einer Krise deutlich hochgefahren werden und den Menschen für wenige Monate sehr schnell mehr Geld geben und massive Not verhindern. Das hat sich bereits in viel grösseren Dürren als jene der 80er-Jahre bewährt, unter denen sehr viel weniger Menschen gelitten haben.

Über 80 Prozent der Bevölkerung sind von der Landwirtschaft abhängig. Sind die Bemühungen der Regierung für einen Umbau und eine Modernisierung der Wirtschaft gescheitert?

In der Tat boomt Äthiopien in vielen Wirtschaftsbereichen. Aber es wird nicht möglich sein, weite Teile der Landbevölkerung umgehend in Industriearbeitsplätze zu bringen. Weltweit sind drei von vier Hungernden Kleinbauern und Landarbeiter. Der sinnvollste Schritt ist es, diese zuallererst zu befähigen, dass sie von ihren Ernten zumindest selbst leben können und in einem zweiten Schritt Überschüsse für ihre Ernten produzieren.

Das Interview führte Marlen Oehler.

Hungersnot in Äthiopien

In Äthiopien sind während der Regenzeiten 2015 Niederschläge weitgehend ausgeblieben. Verstärkt wird diese Dürre nach Ansicht von Experten durch das Wetterphänomen El Nino. 10 Millionen Menschen sind gemäss einem Appell der Regierung dringend auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Laut der UNO werden dafür heuer 1,4 Milliarden Dollar benötigt.