Flüchtlinge kehren zurück Afghanistan: Heimat ohne Zukunft

Hunderttausende Flüchtlinge kehren aus Pakistan nach Afghanistan zurück. In ein Land ohne realistische Perspektive auf Frieden, sagt SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn.

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Rückkehr afghanischer Flüchtlinge aus Pakistan (unkomm.)

0:26 min, vom 13.2.2017

  • Noch nie wurden seit dem Fall der Taliban 2001 in Afghanistan so viele Menschen durch Terroranschläge getötet oder verletzt wie 2016.
  • Gleichzeitig kehrten im vergangenen Jahr 600'000 Flüchtlinge aus Pakistan nach Afghanistan zurück.
  • Eine Verbesserung der Sicherheitslage in Afghanistan hält SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn für unrealistisch.

SRF News: In Europa gibt es derzeit eine Debatte über die Zumutbarkeit von Rückführungen nach Afghanistan. Tatsächlich kehren derzeit viele Afghanen aus Pakistan zurück in ihre Heimat. Ist die Sicherheitslage im Land besser, als es die Zahlen suggerieren?

Thomas Gutersohn: Nein, aber viele afghanischen Flüchtlinge ziehen von zwei schlechten Optionen jene in der Heimat vor. Zumal das UNHCR die Rückkehrhilfe von 200 auf 400 Dollar verdoppelt hat. Lange Zeit ging es vielen Afghanen in Pakistan relativ gut. Sie lebten zumindest in Sicherheit, viele betrieben gar eigene Geschäfte. Doch seit sich die Beziehungen zwischen den Ländern im vergangenen Sommer verschlechtert haben, erhöht Pakistan den Druck auf die Flüchtlinge. Mittlerweile fürchten sich diese vor Polizeirazzien und Deportationen und gehen deshalb zurück. Obwohl sie auch in Afghanistan alles andere als eine sichere und stabile Situation erwartet.

Warum gelingt es der Regierung in Kabul denn nicht, für Stabilität zu sorgen?

Die Regierung ist in zwei Lager gespalten. Seit dem unklaren Wahlausgang 2014 blockiert sich diese in allen Belangen, Entscheidungen sind praktisch unmöglich. So gelang erst vor kurzem die Ernennung eines Verteidigungsministers, andere Minister wurden wieder entlassen. Es gibt also nicht einmal ein funktionierendes Kabinett, ganz zu schweigen von erfolgversprechenden Massnahmen für mehr Ordnung und Sicherheit.

Davon profitieren offensichtlich die Extremisten. Wie stark sind die Taliban 16 Jahre nach ihrem Sturz wieder?

Im Grunde nicht sehr stark. Sie sind beispielsweise nicht in der Lage, Provinzhauptstädte einzunehmen und zu halten. Dies hat zuletzt das Beispiel Kundus gezeigt. Aber die Regierung ist eben noch schwächer. Und die Taliban brauchen gar keine nachhaltigen Geländegewinne. Für ihre Ziele reicht es, mit Terror das Land zu destabilisieren und die Regierung als handlungsunfähig vorzuführen.

Welche Rolle spielt der IS in Afghanistan?

Eine vergleichsweise kleine. Der IS hat im Grenzgebiet zu Pakistan einen gewissen Einfluss und auch der Anschlag in Kabul vom vergangenen Sommer verbuchte der IS als grossen Erfolg. Ansonsten ist seine Präsenz und Struktur in Afghanistan jedoch nicht mit jener im Nahen Osten zu vergleichen. Der Hauptfaktor für die Instabilität sind die Taliban.

Auf der Prioritätenliste der Internationalen Gemeinschaft scheint eine Stabilisierung Afghanistans weit nach unten gerutscht zu sein.

In der Tat ignoriert der Westen dieses Thema. Ich denke, es gibt einfach eine grosse Enttäuschung. Seit der Intervention nach 9/11 im Jahr 2001 wurden Milliarden in den Kampf gegen die Taliban und die Etablierung einer neuen Ordnung investiert. Die Bilanz ist ernüchternd. Gleichzeitig gibt es andere Kriegsherde wie Syrien, die beispielsweise aufgrund der grossen Zahl an Flüchtlingen mehr im Zentrum internationaler Politik stehen. Dass Afghanistan dadurch etwas links liegen gelassen wird, ist natürlich fatal. Das Land ist derzeit nicht in der Lage, souverän zu existieren. Weder militärisch noch humanitär.

Was hat Afghanistan aus heutiger Sicht denn für eine Perspektive?

Im Moment sieht es düster aus. So schlimm es tönt: Bleibt die Situation bis zur nächsten Präsidentschaftwahl 2019 so schlecht, wie sie derzeit ist, wäre das bereits ein Erfolg.

Opfer gewalttätiger Konflikte in Afghanistan Noch nie seit dem Sturz der Taliban 2001 kamen bei Terror-Angriffen in Afghanistan laut der UNO so viele Menschen zu Schaden wie 2016. UNAMA

Das Gespräch führte Bálint Kalotay

Afghanistan-Politik des UNO-Flüchtlingshilfswerks in der Kritik

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert und arbeitet seit 2008 bei Radio SRF. Ab 2012 berichtete er als Korrespondent aus der Westschweiz. Seit 2016 lebt er im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien.