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International Al-Dschasira steckt in der Krise

Der arabische Nachrichtensender kämpft mit sinkenden Zuschauerzahlen. Noch im arabischen Frühling spielte er eine Schlüsselrolle und machte keinen Hehl aus seinen Sympathien für den politischen Islam im Kampf gegen Diktatoren. Mit dem Aufstieg der Terrormiliz IS wird diese Politik nun zum Problem.

Ein Mann geht am Logo des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira vorbei.
Legende: Sender mit Schwierigkeiten: Wie lange werden die Journalisten noch bei Al-Dschasira ein- und ausgehen? Keystone/Archiv

SRF News: Wird der pro-islamistische Kurs von Al-Dschasira dem Sender nun zum Verhängnis?

Fredy Gsteiger: Er ist zumindest nicht unproblematisch. Die Kritik an Al-Dschasira hat in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen. Man muss vermuten, dass zumindest in Ägypten, einem wichtigen Land für den Sender, das Publikum geschwunden ist. Denn Al-Dschasira vertritt nicht die herrschende Meinung, die jetzt wieder zugunsten der Militärdiktatur ist. Möglicherweise verlor der Sender auch in Saudi-Arabien Zuschauer, weil er im Gegensatz zur saudischen Regierung die Muslimbrüder unterstützt. Anderswo, etwa in Tunesien, könnte Al-Dschasira aber auch populärer geworden sein. Dort haben im Moment die Muslimbrüder die Macht. Es ist generell ein Problem, wenn sich ein Sender, der sich als Nachrichtensender versteht, prononciert Partei ergreift. Er macht sich damit abhängig von der politischen Konjunktur.

Weshalb hat Al-Dschasira nicht früher auf diese Entwicklungen reagiert und diese unverhohlene Sympathie den Muslimbrüdern und Salafisten gegenüber heruntergefahren?

Es ist das arabische Programm von Al-Dschasira, das sehr tendenziös ist – wie praktisch alle arabischen Sender in der Region.

Al-Dscharia selber beteuert immer wieder seine Unabhängigkeit. Doch der Sender ist das Sprachrohr der herrschenden Familie in Katar. Der Emir von Katar buttert jährlich geschätzte vier Millionen Dollar in den Sender – wohl kaum aus reiner Menschenliebe oder aus Liebe zur Pressefreiheit. Al-Dschasira ist ein Instrument von Katars Interessenspolitik. Das kleine Land ist nicht zuletzt dank des Senders auf der internationalen Landkarte erschienen und bekannt geworden. Es ist das arabische Programm von Al-Dschasira, das sehr tendenziös ist – wie praktisch alle arabischen Sender in der Region. Das englischsprachige Programm hingegen ist wesentlich professioneller gemacht und pflegt einen viel besseren und unabhängigeren Journalismus.

Al-Dschasira hat sich nie verbal für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ausgesprochen. Weshalb schadet dessen Aufstieg dem Sender dennoch?

Weder die Bevölkerung von Katar, noch die Herrscherfamilie haben den IS je akzeptiert oder gar unterstützt. Zwar ist das Land religiös konservativ und auch fundamentalistisch, aber nicht auf die ausgesprochen brutale und menschenunwürdige Art des IS. Viele Menschen in der arabischen Welt sind durch die Exzesse des IS ein bisschen auf die Welt gekommen. Sie haben gemerkt, dass in der Folge des arabischen Frühlings plötzlich andere Kräfte mächtig geworden sind, die man genauso wenig haben möchte, wie die Diktatoren. Das Pendel schwingt nun in manchen Ländern von den Islamisten wieder zurück zu den Diktatoren. Das macht es für einen Sender, der Position bezieht und für eine Seite wirbt, sehr schwierig.

Der Emir von Katar könnte die Lust an seinem Spielzeug verlieren und Al-Dschasira schliessen.

Wird Al-Dschasira nun unparteiischer berichten?

Das hängt vom Willen des Emirs von Katar ab. Entweder nutzt er Al-Dschasira weiter primär als Instrument für den Einfluss Katars und um seine religiös konservative Sichtweise zu propagieren. Oder er steuert den Sender in Richtung Professionalität, wie das bereits beim englischsprachigen Programm der Fall ist. Schliesslich könnte es auch sein, dass der Emir plötzlich die Lust an seinem Spielzeug verliert und er den Sender schliesst.

Welche Massnahmen hat Al-Dschasira getroffen, um gegen die Kritik und die sinkende Popularität anzugehen?

Ein richtiges Umschwenken ist noch nicht sichtbar. Der Sender hat versucht, sich von radikal-islamischen Organisationen ein bisschen zu distanzieren. Aber es gibt immer noch viele Al-Dschasira-Journalisten, die den Hut nehmen. Sie sagen, journalistische Standards würden nicht eingehalten, es fehle an Unabhängigkeit und Neutralität. Die langfristig richtige Strategie für den Sender wäre, das arabische Programm dem englischen ähnlicher zu machen.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Amira Salem, Zürich
    als ob Herr Gesteiger die arabische Sprache fließend beherrscht, den arabischen Raum von Marokko bis zum Irak laufend bereist und die Meinungen von links bis rechts untersuch hatt. Ohne Beispiele haben seine Aussagen kein nennenswert.
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  • Kommentar von Tamer Aboalenin, Bern
    Ich finde dieses Interview ein Skandal. Voll Pauschalisierung und Vorurteile. Das Passt nicht zu öffentlich Rechtlichen Medien wie die SRF noch zu einem erfahrenen Journalist wie Fredy Gsteiger. Eine neutrale Berichterstattung heißt, den Gegnern, das Recht zu geben, sich zu Wort zu melden.
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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Auch im deutschen Sprachgebiet ist die Berichterstattung im Fernsehen z.T. sehr tendenziös. Am schlimmsten ist es in Deutschland - das hat man gerade beim Thema Pegida in aller Deutschlichkeit zu sehen bekommen. Was dort, vorallem von den beiden Staatssendern ARD und ZDF, an Propaganda und Verleumdungen verbreitet wurde, war und ist erschreckend! In der Schweiz läuft die Sache subtiler, aber auch hier merkt man bei gewissen Themen, dass nicht bloss informiert, sondern bewusst gesteuert wird.
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