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Krieg in Syrien «Aleppo stösst die letzten Atemzüge aus»

Legende: Video «Aleppo kurz vor dem Fall» abspielen. Laufzeit 1:39 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 08.12.2016.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Offensive der syrischen Armee auf den Osten Aleppos dauert an.
  • Nach Angaben von Beobachtern sind seit Beginn der Angriffe etwa 500 Zivilisten ums Leben gekommen – die meisten von ihnen in den von Rebellen gehaltenen Gebieten.
  • In den seit Monaten blockierten Rebellengebieten fehlt es nach Angaben von Helfern an allem: medizinischer Versorgung, Wasser und Nahrung.

Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen seit Beginn der Armeeoffensive fast 500 Menschen ums Leben. Die meisten seien bei Luftangriffen oder durch heftigen Artilleriebeschuss der Armee getötet worden. 114 Menschen starben demnach bei Angriffen der Rebellen auf Stadtviertel, die von der Regierung oder von kurdischen Einheiten kontrolliert werden.

Armee rückt weiter vor

Die syrische Armee und verbündete Milizen hatten Mitte November eine Offensive auf den von Rebellen gehaltenen Ostteil Aleppos begonnen. Mittlerweile haben sie rund 80 Prozent des bisherigen Rebellengebietes erobert.

Aleppo ist seit Jahren umkämpft. Bilder aus der Stadt lassen die enorme Zerstörung erahnen. Zehntausende Menschen sind vor den Kämpfen und Bombardierungen geflohen. Rebellen wiederum beschossen mehrmals Aleppos Westen, der von der Regierung beherrscht wird.

«Wir haben so viel Leid gesehen»

Da die Rebellengebiete seit Anfang September von der Armee blockiert werden, herrscht dort akuter Mangel an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz konnte in der Nacht auf Donnerstag nach eigenen Angaben erstmals Kranke und Zivilisten in grösserer Zahl aus dem Ostteil der Stadt bringen. Demnach wurden rund 150
Menschen aus einem Krankenhaus in der Altstadt in den von Truppen des Präsidenten Baschar al Assad beherrschten Osten der Millionenstadt gebracht werden.

Diese Menschen hätten seit Tagen das Krankenhaus angesichts
der schweren Kämpfe nicht mehr verlassen können. Nachdem Regierungstruppen das Hospital Dar Al-Safaa erobert hätten, seien die Patienten in drei Krankenhäuser im Westen der Metropole und in Flüchtlingslager verlegt worden. «Wir haben heute Abend so viel Leid gesehen», twitterte das IKRK. Die Menschen hätten seit einer Woche kein Essen bekommen.

Die Hilfsorganisation Save the Children warnte, zehntausende Kinder in Ost-Aleppo seien zu Zielen geworden. Menschen liefen praktisch nur noch mit ihren Kleidern am Leib durch die Strassen liefen, berichtet die Organisation unter Berufung auf Augenzeugen vor Ort. «Es gibt nur noch wenig medizinische Hilfe und sehr wenige Vorräte. Nahrung ist gefährlich knapp.»

«Dieser SOS-Ruf könnte der letzte sein»

Ein Aktivist aus Ost-Aleppo berichtete, es gebe nur noch verschmutztes Wasser aus Brunnen sowie alle zwei Tage Reis und Brot. Der Leiter der forensischen Abteilung in den Rebellengebieten, Mohammed Abu Dschaafar, forderte die internationale Gemeinschaft auf, die «Massaker» in Aleppo zu stoppen. «Dieser SOS-Ruf könnte der letzte sein», sagte er in einer Audiobotschaft. «Aleppo ist zerstört. Die Stadt ist fast tot und stösst ihre letzten Atemzüge aus.»

Syrische Beobachtungsstelle

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte wird oft als Quelle für Berichte aus Syrien gebraucht. Die Beobachtungsstelle selbst hat ihren Sitz in London. Sie gilt als regimekritisch und stützt ihre Angaben auf Informationen von Augenzeugen vor Ort. Unabhängige Quellen gibt es praktisch nicht.

22 Kommentare

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  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Soeben wird gemeldet, dass der Flughafen Aleppos für zivile Flüge wieder freigegeben werden konnte. Beinahe unbemerkt von den Ereignissen in Aleppo, spielt sich um Palmyra ein regelrechtes Drama ab. Mit einer Grossoffensive, welche in den sozialen Medien von den syrischen "Rebellen" gefeiert wird, droht der IS die Wüstenstadt Palmyra einzukesseln; unter der Bevölkerung ist Panik ausgebrochen. Die NDF- Miliz in Palmyra konnte dem Ansturm des IS bis jetzt nur wenig Widerstand entgegensetzen.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Wer gibt diesen Titel vor? Wie soll man die Grafik verstehen? Angeblich ist Ostaleppo Rebellengebiet. Wieso ist in der Grafik im Westen so viel grün/Rebellengebiet? Ist Ihnen die Farbe ausgegangen? Die Regierung ist grundsätzlich an der Erhaltung Aleppos interessiert. Sie ist schliesslich eine der Wirtschaftsmetropolen. Zerstörung von Infrastruktur und Vertreibung/Tötung von Zivilisten bedeuten Schulden. Etwas mehr Logik und Objektivität wäre ein Qualitätsmerkmal für Medien.
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      In Anbetracht teuflischer Zerstörungswut, die sich in Aleppo austobt und der Ruinenwüste die sich einem vor dem Auge ausbreitet, finde ich die beckmesserische Suche, sozusagen auf einem Nebenkriegsschauplatz an der Berichterstattung rumzumäkeln, ziemlich peinlich. Ein Zeichen der Empathie wäre es, wenn man hier wenigstens sein tiefstes Bedauern über das unermessliche Leid, das die Bevölkerung hier heimgesucht hat, zum Ausdruck bringen könnte.
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    2. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      @Chauvet: Wie kürzlich auch wieder in deutschen Medien berichtet, liefert DE massiv Waffen an die TR und KSA, die beide Hauptlieferanten der Rebellen/IS sind.. Quer durch die Regierungspolitiker redet man sich mit schönen Worten heraus und unterstützt mit Waffen und Ausbildungshilfe solche Länder. Das gleiche gilt für viele Länder der westlichen Wertegemeinschaft. Die Heuchelei nimmt exponentiell zu, zu der auch solche Berichterstattungen gehören.
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    3. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @Szabo: Es gibt Meister des Postfaktischen, die das Blaue vom Himmel lügen. Irgendwas wird schon hängen bleiben. Während Putin und Assad-Trolle, sagt man Negatives über ihre Herrn und Meister, stets Beweise fordern, bleiben sie selbst bei ihren Behauptungen diese grundsätzlich schuldig. Aber wenn Sie schon deutsche Waffenlieferungen anprangern, sollten Sie auch dazu sagen, dass der Kreml mit seinen Waffenlieferungen nicht gerade wählerisch ist, gehört ja zu seinen größten Exportschlagern.
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    4. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @Szabo: Es gibt leider Leute, die soweit abgestumpft sind, dass sie unfähig sind, Zeichen des Mitgefühls auszudrücken und anstelle das Übel beim Namen Assad und Putin zu nennen, ohne Beweise auf Postfakten ablenken. Traurig aber wahr. Erfahrungsgemäß finden diese Postfakten analog zum Bildungsgrad Zustimmer, man fühlt sich in der postfaktischen parallelen Scheinwelt offensichtlich sehr wohl
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    5. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Marcel Chauvet, Sie wissen aber schon, dass da auch Ihre Luftwaffe in Syrien rumkurvt und mitarbeitet an der Zerstörung usw. Oder hat man Ihnen das noch nicht gesagt? NB: Genau das ist übriges auch klar Völkerrechtswidrig und steht selbst im Widerspruch zu Ihrem Grundgesetz !!!
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  • Kommentar von Sebastian Frey (Sebastian Frey)
    Aus "West"-Aleppo (1 mio Bewohner) berichten unzählige Journalisten aus allen Kontinenten; daher wären Berichte von dieser Seite leicht verifizierbar - sie kommen aber bei SRF kaum an?! // Die Quellen aus "Ost"-Aleppo sind beinah ausnahmslos den "Rebellen" nah und kaum überprüfbar (davon berichtet gar die NYT) - nehmen jedoch bei SRF prominent Platz ein.
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    1. Antwort von Hans Fürer (Hans F.)
      Mir reichen die schrecklichen Bilder vollkommen, welche denen deutscher Städte am Ende des 2. Weltkrieges gleichen, sowie die Meldungen des Roten Kreuzes und der Ärzte ohne Grenzen, dass von der russischen und der syrischen Armee (von wem denn sonst?) sämtliche Spitäler bombardiert wurden und nicht mehr betriebsfähig sind.
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @H. F.: Aber was uns bewusst? nicht gezeigt wird, dass es in Aleppo noch viele Stadtgebiete gibt, wo die Häuser nicht zerbomt sind. (Bericht ZDF) Nur weil uns immer wieder dieselben Bilder gezeigt werden, bedeutet also nicht, dass ganz Aleppo ein einziges Trümmerfeld ist.
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