Aleviten in der Türkei: Die Angst vor neuen Gräueln

Nach dem gescheiterten Putsch marodierten bewaffnete Mobs durch ihre Wohnviertel und Dörfer. Bei der zweitgrössten Religionsgemeinschaft der Türkei werden böse Erinnerungen wach. Die Furcht vor neuen Gewaltexzessen sitzt tief.

Türksische Nationalisten protestieren am 17. Juli in Istanbul gegen den Putschversuch des Militärs.

Bildlegende: Viele Aleviten fürchten sich: wendet sich die Wut türkischer Nationalisten bald wieder gegen sie? Keystone

Ali Kenanoglu stellt sich auf dunkle Zeiten ein, sehr dunkle: «Vor ein paar Monaten noch haben wir Aleviten gekämpft für mehr Rechte, um die Anerkennung unserer Religion und unserer Gebetshäuser, wir kämpften gegen Diskriminierung und Unterdrückung.» Heute, ein paar Wochen nach dem gescheiterten Militärputsch, gehe es um viel mehr: «Um unsere Sicherheit – und ja, um unser Überleben.»

Es ist die beunruhigende Aussage eines Abgeordneten im türkischen Parlament. Ali Kenanoglu sitzt für die prokurdische HDP dort, er ist Alevit und Vorsitzender verschiedener alevitischer Institutionen und Verbände. Es sind die Worte eines Mannes, der weiss, was es heisst, in der Türkei einer Minderheit anzugehören.

«  Wir wären die ersten gewesen, die unter dem Putsch gelitten hätten. Trotzdem wurden wir Ziel des Mobs. »

Ali Kenanoglu
HDP-Abgeordneter

Und dies in der Nacht des Putsches aufs Neue erfuhr. Stunden nach dem Putschversuch, als die Leute auf die Strasse gingen, um gegen die Putschisten zu demonstrieren, hätten gewalttätige, zum Teil bewaffnete Anhänger der Regierungspartei AKP Aleviten in ihren Dörfern und in Vierteln Istanbuls angegriffen, sagt der Politiker: «Das macht uns Angst, wir Aleviten haben mit dem gescheiterten Putsch nichts zu tun und trotzdem sind wir Ziel dieses Mobs.»

Die Aleviten, unter ihnen viele Kurden, haben den Putschversuch sofort und sehr klar verurteilt. Sie wissen aus ihrer Geschichte, dass eine neue Militärherrschaft ihnen noch mehr Repression gebracht hätte. «Wir wären die ersten gewesen, die unter putschenden Generälen gelitten hätten», sagt der Abgeordnete Kenanoglu.

Die Last der Geschichte

Marasch und Sivas sind zwei Begriffe der jüngeren Geschichte, die sich eingebrannt haben im Gedächtnis der Aleviten in der Türkei. Beim Pogrom von Marasch (auch Kharaman-Marasch genannt) 1978 starben mehr als 100 Menschen. Rechtsextreme und Ultranationalisten griffen damals alevitische Wohnviertel an, zerstörten alevitische Häuser, zerrten ihre Bewohner auf die Strassen, misshandelten oder töteten sie. noch heute verbietet die türkische Regierung Gedenkveranstaltungen an das Massaker.

Türkische Sicherheitskräfte führen eine Gruppe Islamisten aus der Hochsicherheitsgericht.

Bildlegende: 33 Täter von Sivas wurden zum 1997 Tode verurteilt. Die Urteile wurden später in lebenslange Haft umgewandelt. Reuters

1993 kam es zum Massaker von Sivas. im offiziellen türkischen Sprachgebrauch heisst es «Ereignis von Sivas». In der zentralantolischen Stadt wurde ein Hotel angezündet. Während drinnen 37 Aleviten starben, feierten draussen tausende sunnitische Muslime ihren Tod. Das Pogrom von Sivas wurde zum Fanal: Seitdem kämpft die religiöse Minderheit der Aleviten um Anerkennung, in einem Staat, der das Alevitentum nicht als eigenständige Religion, sondern als eine Bewegung innerhalb des Islams betrachtet.

Im April dieses Jahres bekamen die Aleviten Recht – beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Türkei diskriminiere die Aleviten und verletze die Religionsfreiheit, urteilten die Richter in Strassburg. Aber die Regierung in Ankara tat so, als ginge sie das Urteil des Europäischen Gerichtshofes gar nichts an, sagt Ali Kenanoglu: «Wir gewannen auf der ganzen Linie, aber das hat keine Konsequenzen. Die türkische Regierung bezeichnet das Urteil als falsch und sagt ganz offen: Wir werden es nicht akzeptieren.»

Aleviten während einer Feier in Istanbul.

Bildlegende: Gemeinsame Gebete von Frauen und Männern, Tänze, Musik – viele orthodoxe Sunniten betrachten Aleviten als Ketzer. Reuters/ARCHIV

Erzfeinde orthodoxer Sunniten

Absolute Aussagen über Glauben und Glaubenspraxis der Aleviten zu machen, ist nicht möglich. Es gibt eine grosse Bandbreite innerhalb der Religionsgemeinschaft. Die schätzungsweise 20 Millionen Aleviten in der Türkei sind in den Augen vieler orthodoxer Sunniten Ketzer. Immer irgendwie verdächtig. Aussenseiter.

Vorislamische Traditionen, Sufi-Mystik und Schiitentum beeinflussen ihren Glauben. Sie nehmen den Koran nicht wörtlich, gehen nicht in die Moschee, glauben nicht an die fünf Säulen des Islam, Frauen und Männer beten gemeinsam im gleichen Raum, Tanz und Musik spielen eine wichtige Rolle. Aleviten, unter denen es Kurden und Türken gibt, sind treuste Anhänger der türkischen Republik.

Das säkulare System, die Trennung von Staat und Religion, scheint ihnen der grösste Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung. Doch je sunnitischer bzw. religiöser die Türkei unter Präsident Erdogan wird, umso grösser die Angst der Aleviten. Wir haben Grund dazu, sagt der Abgeordnete Ali Kenanoglu in Istanbul: «Seit längerem verfolgt die Regierung eine beunruhigende Politik. Sie siedelt in alevitischen Dörfern sunnitische Flüchtlinge aus Syrien an.»

Bei einer alevitischen Demonstration 2008 hält ein junger Mann ein Portrait von Kemal Atatürk.

Bildlegende: Staatsgründer, und – für viele Aleviten – Garant für ihren Schutz: der Vater der modernen Türkei, Kemal Atatürk. Keystone/ARCHIV

«Sunnitisierung» durch Flüchtlinge?

Damit schürt sie bewusst Spannungen und übt Druck aus auf die Aleviten. Kenanoglu zählt eine ganze Reihe von Städten und Dörfern auf. Gaziantep, Malatya, Darsim – und ausgerechnet auch Sivas und Marasch sind darunter. Allein in Marasch sollen 27'000 syrische sunnitische Flüchtlinge angesiedelt werden. In einem grossen Containerlager in der Nähe von Wohngebieten türkischer und kurdischer Aleviten.

Die Aleviten sehen darin den Versuch, die hauptsächlich kurdisch geprägten Gebiete zu islamisieren und die Mehrheitsverhältnisse zu verändern. Gross ist die Angst auch vor möglichen IS-Terroristen, die auf diese Weise in alevitisches Gebiet eindringen könnten: Aleviten sind für den IS ungläubige Erzfeinde.

Proteste haben bisher nichts geholfen, sagt Kenanoglu: «Die Projekte werden realisiert, die Container gebaut, die Ängste wachsen – in den sensibelsten Regionen der Türkei.» Seit der Putschnacht habe sich die Lage für die Minderheiten im Land nochmals verschärft.

Schutz und Selbstverteidigung seien das grosse Thema unter den Aleviten, in der Politik und in ihren Organisationen. Reaktion auf die Angst, die nach dem 15. Juli alles und alle zu lähmen droht.

Iren Meier

Porträt Iren Meier

Iren Meier ist SRF-Auslandredaktorin mit dem Spezialgebiet Türkei. Sie war von 2004 bis 2012 Nahost-Korrespondentin und lebte in Beirut. Von 1992 bis 2001 war sie als Osteuropa-Korrespondentin tätig – erst in Prag, dann in Belgrad.