Alles ist möglich: Skifahren in Afghanistan

Afghanistan ist vor allem für eines bekannt: Krieg und Zerstörung. Vergessen gehen die friedlichen Flecken des Landes und die Naturschönheit, zum Beispiel in Bamyan. Der Tourismus soll neu belebt werden. Karin Wenger hat ein Angebot getestet und sich auf eine Skitour begeben.

Nicht einmal das Lawinensuchgerät fehlt, als wir um 6.00 Uhr früh unsere Skis und das Snowboard an den Rucksack schnallen. Los geht‘s. Auf zum Berg Mirsha Koscha. Vor uns der steile Aufstieg.

Im Tal bleibt die Rettungscrew: ein paar junge Schafhirten, die wissen, wie man eine Schaufel benutzt, falls eine Lawine kommt. Zugegeben: nicht sehr vertrauenserweckend.

Initiative eines Schweizers

Die beiden afghanischen Bergführer aus Bamyan, der 21jährige Sajjad und der 20jährige Brahim, haben sich die Steigfelle an die Skis geklebt und stapfen nun schnell bergaufwärts. Sie haben vor zwei Jahren Skifahren gelernt. Ein Schweizer brachte 15 Paar Ski und Skischuhe, Stöcke und Steigfelle nach Bamyan, um hier ein Skirennen durchzuführen.

Ein ambitionierter Plan. In Bamyan, einer Provinz in Zentral-Afghanistan, hatte sich noch nie jemand Skis angeschnallt, auch der junge Sajjad nicht: «Das schwierigste waren die Kurven. Ich habe 25 Tage gebraucht, bis ich endlich fahren konnte. Danach lernten wir, wie man sich aus Lawinen ausgräbt und Verletzte verarztet», erinnert sich Sajjad. Er fuhr beim diesjährigen Skirennen auf den ersten Rang.

Ausländische Skilehrer haben die jungen Afghanen inzwischen weiter ausgebildet. Ich bin jedoch erst die zwölfte Skitouristin in dieser Saison.

Zuversicht in Bamyan

Gul Hussain, der in Bamyan einen Skiverleih und eine Reiseagentur aufgezogen hat, ist dennoch zuversichtlich. Im vergangenen Jahr habe er mehr als hundert Touristen durch Bamyan geführt: «Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen, die in Kabul stationiert sind, kommen für Skitouren. Aus dem Ausland reisen kleine Gruppen an, um in Bamyan zu wandern oder unsere Kulturstätten anzusehen. Bamyan hat grosses, touristisches Potential», glaubt er.

In den 60er Jahren reisten tatsächlich jedes Jahr über Hunderttausend ausländische Touristen in die wilde Berglandschaft. Sie besuchten den safirblauen Band-e-Amir See und die einzigartigen Buddha-Statuen, die in den Fels gemeisselt, die Stadt überblickten.

Denn einst war die Hauptstadt der Provinz ein wichtiger Knotenpunkt auf der Seidenstrasse und ein buddhistisches Zentrum. Die Buddha-Statuen waren die grössten stehenden Buddhas der Welt und über 1500 Jahren alt. 2001 wurden sie von den Taliban in Schutt und Asche gesprengt.

Die letzten 30 Jahre Krieg haben auch die Tourismus-Industrie zerstört. Die Hauptstadt Bamyan ist heute ein verschlafenes Bauerndorf. Nicht einmal Strom gibt es.

Habiba Sarobi, die Gouverneurin von Bamyan, setzt trotzdem grosse Hoffnung in die frisch erwachte Tourismus-Branche ihrer Provinz: «Ich habe eine Vision für den Tourismus. Vor allem den Ökotourismus will ich zu einem nachhaltigen Wirtschaftszweig in Bamyan machen.» Heute lebten die Leute vor allem von der Landwirtschaft und Bergbau werde für die Wirtschaft hier auch immer wichtiger. «Aber die Minen bringen auch Verschmutzung, Ökotourismus jedoch ist sauber und alle profitieren.»

«Ein sicherer Ort in Afghanistan»

Mit Festivals, Reiterspielen und Musik versucht die Gouverneurin, Touristen nach Bamyan zu locken. Aber noch kommen nur wenige. Im vergangenen Jahr waren es laut der Hotelvereinigung in Bamyan 2500 Ausländer, die Hilfswerksarbeiter mit eingerechnet. Denn, so die Gouverneurin: «Viele Leute in der Welt verstehen nicht, dass es einen sicheren Ort in Afghanistan gibt, und der heisst Bamyan.»

Unser kleines Team packt nach drei Stunden und 800 Höhenmetern endlich das afghanische Fladenbrot und den Käse aus. Wir sind auf 3688 Metern angekommen. Die Luft ist dünn, der Blick ins Tal atemberaubend.

Den Gipfel haben wir nicht erreicht. Die Sonne hat den Schnee bereits in Sulz verwandelt. Die Lawinengefahr steigt. Deshalb entscheiden sich die jungen Bergführer für die Abfahrt.

(basn;snep)