«Almosen sind für Flüchtlinge entwürdigend»

Die Türkei sagt: «Wir können nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen.» Das Land richtet deshalb – gemeinsam mit Hilfswerken – ein Lager auf syrischem Boden ein, an der Grenze zur Türkei. Kilian Kleinschmidt von der UNO weiss, was für eine Herausforderung es ist, diese Menschen zu versorgen.

SRF News: Sie haben das drittgrösste Flüchtlingscamp der Welt in Jordanien geleitet. Wie koordiniert man diesen gigantischen Ansturm von bis zu 100'000 Menschen?

Kilian Kleinschmidt: Das ist natürlich eine besondere Krisensituation. Denn die Menschen hier möchten nur Eines: Sie möchten in die Sicherheit der Türkei fliehen. Das dürfen sie nicht. In dieser Panik Hilfe zu organisieren, wird sehr schwierig werden. Es ist eine grosse Aufgabe für die Hilfsorganisationen, hier Nothilfe zu leisten, um das Überleben von so vielen Menschen zu sichern.

Sie sprechen aus Erfahrung: Personen werden zu einer logistischen Angelegenheit. Was heisst das konkret?

Es ist immer so, dass man in einer Krisensituation zunächst einmal versuchen muss, Leben zu retten. Man muss versuchen, gewisse Standards zu erreichen, um das Überleben zu sichern. Das sind zum Beispiel die 2100 Kalorien, die man pro Tag braucht, es sind auch etwa 15 bis 20 Liter Trinkwasser. Aber das ändert sich sehr schnell. Es wird sich, ja es muss sich ändern. Denn auch hier stellt sich immer wieder die Frage: Wie kann man sich darauf einstellen, dass diese Menschen alle unterschiedlich sind?

«  Man muss versuchen, gewisse Standards zu erreichen, um das Überleben zu sichern. »

Sie sagen, ein Fehler der humanitären Hilfe ist es oft, dass sie Flüchtlinge als unmündig betrachtet. Wie meinen Sie das?

Es handelt sich um Menschen, die Kapazitäten und Möglichkeiten haben. Die Entmündigung durch Almosen richtet oft auch sehr viel Schaden an. Almosen sind entwürdigend. Sie sind natürlich nicht immer vermeidbar, aber man muss so schnell wie möglich davon wegkommen. Menschen dazu zu bringen, dass sie wieder für sich verantwortlich sind, ist das Erste. Das können sie, und das wollen sie auch.

Im Flüchtlingslager in Jordanien haben sie den Versuch gemacht, Dienstleistungen in Rechnung zu stellen, statt sie gratis anzubieten. Ihr Argument: Das gehört zur Menschenwürde dazu. Wie waren die Erfahrungen damit?

Die Erfahrung ist, dass die Strukturen der Hilfsorganisationen eigentlich gar nicht darauf ausgerichtet sind, wirtschaftlich zu arbeiten, also Wasser, Strom oder andere Dinge, die der Mensch braucht, um sich zu entwickeln, auch in Rechnung zu stellen. Aber genau diese Verantwortlichkeit ist eigentlich die Zukunft. Man muss den Menschen dabei helfen, auch unter diesen Umständen eine Rechnung zahlen zu können. Wir denken natürlich auch, ein Flüchtling hat alles verloren, deswegen kann er keine Rechnung zahlen. Hier sollen die Armen natürlich unterstützt werden. Aber diejenigen, die die ökonomischen Möglichkeiten haben, sollen auch dafür zahlen können. Doch dieses Thema haben wir nicht in unserer Hilfsstruktur. Ich glaube, da kann man noch viel mehr nach vorne arbeiten – und das muss man auch tun.

Sie plädieren dafür, dass man Flüchtlinge so schnell wie möglich in die Arbeitswelt eines Landes einbindet?

In vielen Aufnahmeländern geht es im Augenblick darum, dass Flüchtlinge weder in der Türkei, noch im Libanon oder auch in Jordanien offiziell arbeiten können. Das ist ein grosses Problem. Gleichzeitig erfordert es, dass man anders an Investitionen herangeht. Hier wäre zum Beispiel ein Ansatz, spezielle Wirtschaftszonen in solchen Ländern zu entwickeln, in die Unternehmen investieren können, auch mit Freihandelsabkommen, etwa mit der EU. Das ist der Weg nach vorn.

«  Erfahrungsgemäss werden immer 80 Prozent der Flüchtlinge zurückkehren, sobald sie es können. »

Viele Regierungen haben aber Angst und sagen, wenn wir diesen Flüchtlingen Jobs geben, dann bleiben sie länger bei uns...

Muss man wissen – und das haben viele Studien schon gezeigt –, dass Flüchtlinge, die wirtschaftliche Möglichkeiten haben, die sich aus- und weiterbilden und etwas investieren können, auch diejenigen sind, die ihr Land schneller wieder aufbauen werden, die zuhause wieder investieren werden. Es ist also nicht so, dass die meisten bleiben. Erfahrungsgemäss werden immer 80 Prozent der Flüchtlinge zurückkehren, sobald sie es können. Und je besser sie ausgerüstet sind, um das zu tun, je mehr sie investieren können, umso besser. Deshalb ist es eine sehr kurzsichtige Politik, zu sagen, Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten, nicht Teil unseres Systems sein.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Kilian Kleinschmidt

Kilian Kleinschmidt gestikuliert vor einer Landkarte.

Imago

Kilian Kleinschmidt ist Entwicklungshelfer für die UNO. Davor leitete er mehrere Jahre ein Flüchtlingscamp in Jordanien mit mehr als 100'000 Menschen.