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International Alte AKW sorgen für neue Spannung

Der Zustand belgischer Atomkraftwerke sorgt in Nachbarländern für Unruhe. Jetzt muss erneut ein Reaktor vom Netz genommen werden – nur vier Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme. In Japan wurde unterdessen erstmals eine Krebserkrankung als Folge des Fukushima-Atomunglücks offiziell anerkannt.

Reaktor-Kühltürme
Legende: Die alten Reaktor-Anlagen im belgischen Doel sorgen auch in Nachbarländern für Hochspannung. Keystone

Der Zustand belgischer Atomkraftwerke wird auch in Deutschland mit Sorge gesehen. Jetzt muss erneut ein Reaktor vom Netz genommen werden – nur vier Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme.

Leck entdeckt

Nur kurze Zeit nach dem Wiederhochfahren ist der umstrittene belgische Atomreaktor Doel 3 also erneut vom Netz genommen worden. Der Schritt sei notwendig gewesen, um eine Reparatur im konventionellen Teil der Anlage zu ermöglichen, sagte eine Sprecherin des Betreibers Electrabel. Dort habe man an einer Heisswasserleitung eines Generators ein Leck entdeckt.

Für die Sicherheit der Anlage und die Umwelt stelle der Defekt keinerlei Gefahr dar, betonte die Sprecherin. Der Druckwasserreaktor musste ihren Angaben zufolge nicht heruntergefahren werden. Es werde erwartet, dass er in einigen Tagen wieder ans Netz gehen könne. Im konventionellen, nicht-nuklearen Teil des Atomkraftwerks befindet sich nach Angaben des Betreibers Electrabel unter anderem die Turbinenanlage mit dem Generator. Der dort von dem Leck betroffene Wasserkreislauf enthalte keine radioaktiven Stoffe, sagte die Sprecherin.

Sicherheitsbedenken

Das bei Antwerpen gelegene Kraftwerk Doel 3 war zuletzt wegen Sicherheitsbedenken mehr als eineinhalb Jahre abgeschaltet gewesen, nachdem Haarrisse am Reaktorbehälter entdeckt waren worden.

Nach einer Überprüfung teilte die Atomaufsichtsbehörde AFCN jüngst aber mit, dass das Problem keine Gefahr für die Sicherheit des Reaktors darstelle. Er wurde erst am 21. Dezember wieder hochgefahren.

Laufzeitverlängerung in letzter Minute

Kurz vor dem Zwischenfall am Reaktor Doel 3 hatte der Betreiber Electrabel an Heiligabend den Reaktor Doel 2 wieder in Betrieb genommen. Die Atomaufsicht hatte zuvor eine Verlängerung der Laufzeit des Reaktors bis 2025 gebilligt. Ursprünglich sollte er im laufenden Jahr komplett stillgelegt werden. Die Reaktoren Doel 1 und Doel 2 gingen bereits 1975 ans Netz und sind die ältesten in Belgien. Doel 1 soll am Sonntagabend wieder hochgefahren werden.

Belgien hat an den Standorten Doel und Tihange insgesamt sieben Atomreaktoren. In Tihange soll am Samstag der Reaktorblock 1 wieder hochgefahren werden. Er war vor einer Woche nach einem Feuer im nicht-nuklearen Bereich der Anlage automatisch heruntergefahren worden.

Doel und Beznau von gleicher Bauart

Doel 3 ist von gleicher Bauart wie das AKW Beznau. Bei diesem war im Oktober bekannt geworden, dass es gemäss dem vorläufigen Untersuchungsbericht des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) 925 Stellen mit Materialfehlern hat. Demnach sind die Materialfehler im Reaktordruckbehälter durchschnittlich 7,5 mal 7,5 Millimeter gross.

In den Dokumenten vergleicht das ENSI die Materialfehler in Beznau und Doel 3 miteinander. So wurden in Doel 12'000 schadhafte Stellen gefunden. Deren Durchmesser ist doppelt so gross wie in Beznau.

Gespräch mit belgischer Atomaufsicht

Das belgische AKW Tihange liegt nur etwa 70 Kilometer von Aachen in Nordrhein-Westfalen entfernt. Von den Kraftwerken in Doel sind es etwa 150 Kilometer bis zur belgisch-deutschen Grenze.

Vor diesem Hintergrund wird der Betrieb von Doel 3 und des baugleichen Reaktors Tihange 2 deshalb von deutschen Umweltschützern, aber auch von der Bundesregierung in Berlin sehr kritisch gesehen. «Wir sind besorgt, ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist», schrieb Deutschlands Umweltministerin Barbara Hendricks erst am Heiligabend auf ihrer Facebook-Seite.

Nach Angaben von Hendricks wird Deutschland seine Bedenken Anfang Januar auch bei einem Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht äussern.

«Russisches Roulette für Millionen Menschen»

Zugleich machte die Politikerin klar, dass die deutsche Regierung keine Möglichkeiten habe, den Weiterbetrieb ausländischer Reaktoren zu verhindern. «Es liegt nicht in der Gewalt der Bundesregierung, Atomkraftwerke in anderen Ländern abschalten zu lassen. So wie Deutschland sich nicht vorschreiben lässt, Atomkraftwerke zu betreiben, so können wir anderen nicht vorschreiben, wie sie ihren Energiebedarf decken.» Das liege in der souveränen Entscheidung jedes Landes.

Der deutsche Grünen-Politiker Oliver Krischer forderte Hendricks am Freitag dennoch auf, «ohne Wenn und Aber auf eine Abschaltung von Tihange und Doel zu dringen». Der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sei «russisches Roulette für Millionen Menschen in Belgien, den Niederlanden und Deutschland», kommentierte der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag.

Krebs durch Fukushima

Japan hat erstmals anerkannt, dass ein Angestellter des AKW Fukushima wegen der Strahlung nach der Havarie von 2011 an Krebs erkrankte. Nun soll er eine Entschädigung erhalten. Dieser Fall erfülle die gegebenen Kriterien, konstatierte das Gesundheitsministerium. Der heute 41-Jährige half an der Abdichtung der Reaktorruinen, berichtet oekonews.at.

24 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Baltensperger (Baltensperger)
    Was passiert eigentlich, wenn ein Terrorist ein AKW sprengt oder ist das völlig unmöglich?
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Seit Fukushima, wissen auch Laien, dass lediglich das Kühlsystem ausser Betrieb gesetzt werden muss, um eine Kernschmelze zu verursachen. Gemäss unseren Behörden und Volksvertreter sind Terroristen wohl zu dumm, um das verstehen zu können. Aus diesem Grund bei AKW aber auf spezielle Sicherheitsmassnahmen zu verzichten (selbst barfüssige Aktivisten schaffen es ja auf's Gelände), ist leichtsinnig. Aber Kernenergie ist angeblich billig und das passt nicht mit hohen Sicherheitsstandards zusammen.
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    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Es ist zumindest enorm schwierig. Aber es ist sicher nicht komplett unmöglich. Voraussagen zu wollen was dann passiert wäre unseriös. Da gibt es tausende von Varianten, je nachdem wie gut der Anschlag vorbereitet wäre und wie gut der Werkschutz vorbereitet ist. In den weitaus meisten der denkbaren Varianten passiert wohl nicht viel. Aber hier gilt dasselbe wie bei der Sicherheitstechnik: Ein Restrisiko bleibt.
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    3. Antwort von A Züger (zua)
      @Schmid: zu "3000MW in Dez 2011 zugebaut": in 3W im Dez bei 8Std Tageslicht, sollen gleich viel PV zugebaut worden sein wie im ganzen 2011. Da müssen Sie an Weihnachtsmann und Christkind gleichzeitig glauben. "Grund" war geringere EEG Vergütung ab Jan 2012, da wurden auf Papier einfach 3000MW dazugeschummelt, um höheren Tarif zu sichern. Steuerhinterziehung ist ein Delikt, beim Mogeln von staatlichen EEG Vergütungen drückt gleicher Staat beiden Augen zu. Halt wieder mal Links-Grüne Doppelmoral.
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    4. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Herr Züger. 3000 MW in einem Monat ist keine Hexerei. Wenn nur 0.1% der Deutschen Bevölkerung PV-Module montiert haben, dann entspricht das lediglich 5 PV-Modulen pro Tag (250 W PV-Module) - d.h. weniger als 1 Modul pro Stunde. Vor kurzem wurde in der Nähe von Bordeaux bei einer einzigen grossen PV-Anlage 4MW pro Tag verbaut. Stellen Sie sich vor wie viel Leistung verbaut werden kann, wenn gleichzeitig PV-Anlagen in 10'000 verschiedenen Gemeinden installiert werden.
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  • Kommentar von Peter Brenner (Brenner)
    @Schmid: Ich rede von der Stromproduktion. Es ist und bleibt eine Illussion, mit PV und Wind Kohle-oder KKW ersetzen zu können. Aktuell ist dies auf den Swissgrid-Diagrammen zur Versorgungslage im Winter ersichtlich. Bei nahezu Nulllieferung durch PV und Wind müssen für CH ohne KKW bis zu 6 Gigawatt Kraftwerksleistung importiert werden. Wer soll die liefern, wenn es keine KKW oder Kohlekraftwerke gibt? Somit bleibt auch das "Plusenergiehaus" ohne eigenen Saisonspeicher ein Etikettenschwindel.
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Tatsächlich kann mit Windenergie alleine in Europa über 1000 mal mehr Strom produziert werden als mit den 5 Schweizer AKW (EEA Technical report No 6/2009) und das Solarenergiepotential ist selbstverständlich noch grösser. Unsere Wasserkraftwerke können alleine doppelt so viel Strom produzieren wie im Schnitt verbraucht wird (BFE) und die Speicherreserven reichen monatelang. Es gibt keine Dunkelflauten die nur schon eine Woche andauern - allerdings steht Beznau schon seit über 9 Monaten still!
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    2. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Gemäss EEX wird momentan übrigens gerade über 23 GW mit Windkraft in Deutschland produziert. Beznau produziert 0 GW seit März 2015 (monatelanger ungeplanter Ausfall) und der Schweizer Strombedarf beträgt im Schnitt 6.8 GW. Bereits im Januar 2014 haben die Dänischen Windfarmen übrigens 61.4% des Strombedarfs gedeckt.
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    3. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Hr. Brenner: Das Potenzial der PV und Windkraft sind auf den Diagrammen nicht ersichtlich. Dort ist lediglich die aktuelle Versorgungslage dargestellt. Der Ausbau der PV hat in der Schweiz eben erst begonnen. Das Potenzial ist enorm gross und wird im Moment nur minimal genutzt. Bis 2019 ist der Ausbau in der CH im Umfang der Leistung des KKW Mühleberg realistisch. Es ist bekannt dass es in der CH auch im Winter nie längere Phasen ganz ohne Sonneneinstrahlung gibt.
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    4. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Vor 4 Jahren im Monat Dezember 2011 wurden in Deutschland trotz widrigen Wetterbedingungen und Festtagen ganze 3000 MW (!) an PV-Leistung zugebaut (Mühleberg hat nur 373 MW). Was Deutschland in nur einem Monat kann, kann die Schweiz in einem ganzen Jahr offensichtlich erst recht. Aber die jetzigen Mehrheiten im Parlament würden wohl vorher ihre Grossmütter verkaufen, als unsere enorme Energieträger-Abhängigkeit von Potentaten reduzieren und unbezahlbare Restrisiken minimieren.
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  • Kommentar von Peter Brenner (Brenner)
    Klar doch, wenn im Kontrollraum eines KKW eine Kaffeetasse auf den Boden fällt, droht schon der GAU. Ein Heisswasserkreislaufleck tritt auch regelmässig bei Kohlekraftwerken auf, das sind normale Wartungs-bzw. Reparaturarbeiten, genauso wie Transformatorausfälle bei allen Arten von Grosskraftwerken. Nur nehmen die Medien davon keine Notiz. Angst vor Kernenergie schüren ist das untergeordnete Ziel. Das Hauptziel bleibt die sozialistisch angehauchte "Energieräterepublik", in D wie CH.
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Mit mehr Effizienz und mehr erneuerbaren Energien wird unter anderem der Geldfluss in kriegstreibende Regionen im mittleren Osten reduziert und die Wertschöpfung in unseren Ländern erhöht. Was haben Sie denn gegen Schweizer Elektriker, Schweizer Dachdecker, Schweizer KMU (Wärmeisolierung, Wärmepumpen, Wechselrichter, Produktionsanlagen für die PV-Industrie etc.) und weshalb bevorzugen Sie Ölscheiche, Gasoligarchen und unbezahlbare Restrisiken?
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    2. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Exakt, Peter Brenner, und der eingeflochtene Bericht zum ersten Krebsopfer in Japan entspricht zwar nicht der "Kaffeetasse", ist aber unkontrollierbar und stünde, wenn er auch ohne Einschränkungen wahr wäre, im krassen Gegensatz zu den Tausenden von Todesfällen und Erkrankungen im Kohleabbau und dergleichen. Zudem in einem bizarren Verhältnis zur vom Fukushimaunglück zugedeckten Tsunamikatstrophe von 19'000 Toten und zahllosen Verletzten. Eben eine gefärbte, selektive Sichtweisen mit Absichten.
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    3. Antwort von Jürg Baltensperger (Baltensperger)
      @Sand: Der Uranabbau geschieht komplett ohne Unfälle? Atomkraftwerke sind einfach viel zu teuer (bei Vollkostenrechnung unbezahlbar - Atommülllagerung für 300'000 Jahre, Verischerung, Rückbau) und wir nehmen das Risiko in Kauf, unser Land zu zerstören. Kohle ist aber in der Tat auch keine Lösung.
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