Afghanistankonferenz in Moskau Alte Feinde, neue Freunde

In Moskau findet eine Konferenz statt, an der die Zukunft von Afghanistan gestaltet werden könnte. Was das mit der Terrormiliz IS zu tun hat und wieso die USA nicht eingeladen sind erklärt SRF-Russland-Korrespondent David Nauer.

Wenn sich Moskau in afghanische Angelegenheiten einmischt, ist das ein Grund, aufzuhorchen: Schon zwischen 1979 und 1989 kämpfte die Sowjetunion am Hindukusch. Damals endete der Einmarsch für Russland im Desaster – und für Afghanistan im Chaos und der Taliban-Herrschaft.

Jetzt will Russland seinen Einfluss am Hindukusch wieder ausbauen. Am Mittwoch findet deshalb eine Afghanistan-Konferenz in Moskau statt. SRF-Russland-Korrespondent David Nauer weiss, was der Kreml davon erwartet.

SRF News: Was will Russland in Afghanistan erreichen?

David Nauer: Russland will Afghanistan stabilisieren. Im Land sind seit 2001 westliche Truppen stationiert, aber es herrscht immer noch Krieg. Deshalb schaltet sich Moskau jetzt ein.

Wieso ist ein stabiles Afghanistan so wichtig für Russland?

Afghanistan grenzt direkt an Zentralasien – also an Länder wie Tadschikistan oder Usbekistan, die zum russischen Einflussgebiet gehören. Die Rechnung geht für Russland deshalb so: Würden afghanische Islamisten eines Tages eines dieser Länder angreifen, wäre Russland direkt betroffen.

Ein russischer Soldat trägt seine Koffer. Im Hintergrund sind Panzer zu sehen.

Bildlegende: Gescheiterte Intervention: 1989 zog Russland seine Truppen nach zehn Jahren Krieg aus Afghanistan ab. Reuters

Diese Argumente hat Russland auch schon auch schon 1979 vorgebracht, was ist jetzt anders?

Dieses Mal ist Moskau beunruhigt, weil sich seit einiger Zeit die Terrormiliz IS in Afghanistan ausbreitet. Der Kreml betrachtet den IS als enorme Gefahr, die man mit allen Mitteln bekämpfen muss. Er geht dabei so weit, dass bereits Kontakte zu den Taliban geknüpft wurden, die ebenfalls gegen den IS kämpfen. Russland hofft offenbar, dass sich die Taliban und die afghanische Regierung im Kampf gegen den IS auf eine gemeinsame Linie einigen können.

Können die Taliban für Russland verlässliche Partner sein?

Genau wie der IS sind die Taliban gewaltbereite Islamisten. Die afghanische Regierung in Kabul ist irritiert vom russischen Vorgehen, denn sie führt seit Jahren einen brutalen Krieg gegen die Taliban. Ähnliche Reaktionen waren auch aus den USA zu vernehmen: Ein ranghoher General sagte, die Russen würden damit versuchen, die Taliban zu legitimieren – und das sei falsch.

Die russisch-amerikanische Beziehung ist schwierig. Könnte es in Afghanistan zu einem neuen Stellvertreterkrieg kommen?

Eher nicht. Es gibt in Moskau einflussreiche Stimmen, die sagen, man müsse in Afghanistan mit den USA zusammenarbeiten. Andererseits hat sich in den letzten Monaten gezeigt, dass Russland und die USA sehr unterschiedliche Vorstellungen haben, wie es in Afghanistan weitergehen soll. Russland versteht sich in Afghanistan zudem nicht mehr als Juniorpartner. Das zeigt sich unter anderem daran, dass bei der heutigen Konferenz Länder wie China, Pakistan oder der Iran eingeladen sind, die USA aber nicht.

David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.