Amatrice: «Hoffentlich vergisst man uns nicht»

Viele Häuser stürzten ein, als vor drei Wochen die Erde in Amatrice bebte. Die Kinder gehen inzwischen in Containern zur Schule, auch die Stadtverwaltung arbeitet im Provisorium. Doch der Winter naht und die Menschen suchen nach Lösungen und Unterkünften für die Zukunft.

Kinder vor gelben und blauen Wohncontainern.

Bildlegende: Immerhin: Die provisorische Schule in Amatrice ist installiert. Imago

In der Warteschlange halten alle viel Papier in den Händen – Formulare und Dokumente. Sie wollen in den Container, in dem seit dem Beben das improvisierte Stadthaus von Amatrice untergebracht ist. Wie auf der Post muss jeder Antragsteller eine Nummer ziehen. «Das wird Stunden dauern», sagt Marco, einer der etwa 30 wartenden Menschen.

Hoffen auf die Hilfe vom Staat

Nach dem Erdbeben, das im mittelitalienischen Ort riesige Schäden verursachte und bei dem gegen 300 Menschen ihr Leben verloren, will jeder etwas vom Staat. Auch Marco, dessen Haus schwer beschädigt wurde. Er will einen Antrag stellen, damit Spezialisten schnell entscheiden, ob sein Haus noch bewohnbar ist. Weil die Mauern tiefe Risse haben, glaubt Marco, dass man es abbrechen muss.

Wie fast alle in Amatrice hat auch er keine Versicherung. Nun hofft er auf den Staat, schliesslich sei dieser beim Beben von L'Aquila vor sieben Jahren auch für die Schäden aufgekommen, zumindest für einen Teil. Der alleinstehende Marco weiss, dass es bis dorthin noch ein sehr langer Weg ist, dass er noch oft wird Schlange stehen müssen.

Wintersichere Quartiere gesucht

Im Container drin geht im Minutentakt die mittlere Tür auf, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Hinter der Tür wartet Bürgermeister Sergio Pirozzi: «Jetzt geht es vor allem darum, die Zeltstädte zu räumen. Denn hier in den Bergen fällt bald der erste Schnee», sagt er.

Pirozzi bietet den Obdachlosen als vorübergehende Unterbringung drei Möglichkeiten an: Unbeschädigte Ferienhäuser in und um Amatrice, Hotelzimmer 50 Kilometer entfernt am Meer oder Privatunterkünfte irgendwo. Viele Betroffene werden Amatrice also bald verlassen.

Offen bleibt, ob sie alle dereinst zurückkehren werden. «Wer nicht zurückkommt hat sich keine Felpa, keinen warmen Pulli angezogen», sagt der Bürgermeister. Er meint damit, wer nicht zurückkehrt, habe kein Rückgrat. Ein solches wird auch er selber brauchen. Etwa wegen der eingestürzten Schule, die während seiner Regierungszeit erneuert worden war. Auf die Schulruine angesprochen, winkt er sofort ab: «Ich denke ans Heute und Morgen. Ums Gestern wird sich dann schon jemand kümmern.»

Staatsanwalt untersucht möglichen Pfusch

In der Tat beschäftigt sich bereits jemand mit dem zerstören Schulhaus. Es ist Staatsanwalt Giuseppe Saieva. Er ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und Sachbeschädigung. Konkret geht es darum, ob Politiker, Architekten oder Baufirmen pfuschten. «Einfach ist meine Arbeit nicht, denn viele Beweise, etwa Dokumente, sind verschüttet worden», beklagt er.

Seine Untersuchungen beziehen sich auf eben erst gebaute oder kürzlich sanierte Häuser, die trotzdem einstürzten. «Alte Gebäude interessieren uns nicht», sagt er. Trotzdem werde die Arbeit Jahre dauern, so Saieva.

Keine Arbeit, kein Einkommen

Andere Sorgen hat Vincenzo. Der 30-Jährige – er trägt einen warmen Pulli – hat nicht nur sein Haus, sondern auch seinen Job verloren. Vincenzo arbeitete im sogenannten Eichhörnchendorf, einer Freizeitanlage für Touristen. Seit dem Beben ist die Anlage geschlossen.

Weil er ohne festen Vertrag und nur auf Abruf arbeitete, hat er seit dem Beben kein Einkommen mehr. Nun hofft er auf Unterstützung. Vincenzo beginnt von seinen Freunden zu erzählen. Viele hat er beim Beben vor drei Wochen verloren. Den Überlebenden stehe nun eine lange, schwierige Zeit bevor: «Ich hoffe man vergisst uns nicht.»

Amatrice, Mittelitalien, zwei Wochen nach dem Erdbeben