Angeklagter richtet in Mailänder Gericht ein Blutbad an

Er steht wegen betrügerischen Bankrotts vor Gericht. Da zieht der Angeklagte in einer Aula des Mailänder Gerichts eine Pistole und erschiesst den Richter Fernando Ciampi und zwei weitere Personen. Nach einer Flucht per Motorrad wird er verhaftet. Wo waren die Wachen, fragen italienische Medien.

Ein bewaffneter Mann hat am Donnerstag im Mailänder Justizpalast das Feuer eröffnet und mindestens drei Menschen, darunter auch einen Richter, erschossen. Zwei weitere Menschen wurden verletzt, einer von ihnen schwer, wie die Behörden mitteilten. Bei den Todesopfern handelt es sich um einen Insolvenzrichter, einen Rechtsanwalt und einen Zeugen beim Prozess um die Insolvenz des Telekommunikationskonzerns Eutelia. Insgesamt hat der Täter laut Behördenangaben 13 Schüsse abgegeben.

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Angeklagter erschiesst in Mailand seinen Richter

1:22 min, aus Tagesschau vom 9.4.2015

Gemäss Untersuchungsbehörden befinden sich unter den Getöteten der Konkursrichter Fernando Ciampi und der Anwalt Lorenzo Alberto Claris Appiani. Ciampi ist aus seinem Büro im 2. Stock getreten und sofort ins Feuer des Angeklagten geraten.

Ein drittes Opfer des Angriffs verstarb wenig später im Spital, ein viertes Opfer wurde auf der Treppe im Gericht gefunden.

Diese Person wies keine Verletzungen auf, weswegen die Behörden von einem Herzinfarkt ausgehen. Schliesslich forderte der Angriff noch einen Verletzten, der ebenfalls ins Spital gebracht worden ist.

Abenteuerliche Flucht auf dem Motorroller

Hunderte von Personen hätten nach den Schüssen versucht, auf die Strasse zu gelangen, schreibt die Onlineausgabe der Zeitung «Corriere della sera». TV-Bilder zeigen chaotische Fluchtszenen.

Entgegen ersten Angaben, wonach der Täter sich im Gebäude verschanzt haben soll, meldete die Mailänder Polizei später, der Angreifer sei verhaftet worden. Gemäss deren Angaben gelang es Polizeiangehörigen, den Mann auf seiner Flucht mit einem Motorrad in Vimercate, einem Ort 25 Kilometer von Mailand entfernt, dingfest zu machen.

Haben die Wachen vollständig versagt?

Inzwischen ist in italienischen Medien eine hitzige Debatte darüber entbrannt, wie es dem Mann gelingen konnte, das Gebäude mit einer Waffe zu betreten. Die vier Eingänge des Gerichts werden von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Wer hinein gelangen will, muss einen Metalldetektor passieren und seine Taschen leeren.

Zum Zeitpunkt des Angriffs hätten an den Zugängen drei bis vier Sicherheitsbeamte Dienst geschoben, berichten italienische Medien. Im Gebäude selbst seien noch einmal weitere Leute des Sicherheitsdienstes sowie ein paar Polizeibeamte im Einsatz gewesen.

Die Sicherheit wird weggespart

Gerade mit Blick auf die am 1. Mai beginnende Weltausstellung in Mailand sei die allgemeine Nervosität verständlich, sagt SRF-Korrespondent Rolf Pellegrini. Die in Italien mächtige Konsumentenschutz-Organisation «Codacons» fordert, die Expo müsse abgesagt werden.

Ins gleiche Horn stossen laut Pellegrini das Justizpersonal und verschiedene Sicherheitspolitiker. Es sei nicht verwunderlich, dass einfach jemand bewaffnet in ein Gerichtsgebäude eindringen könne, wenn an allen Ecken und Enden gespart werde.

Wasser auf die Mühlen jener, die in den letzten Tagen als anonyme Warner auch aus den Reihen der Polizei das Sicherheits-Dispositiv des Landes kritisierten. Italien, sagen diese Stimmen, sei nicht nur gegen normale kriminelle Spinner oder gegen die Mafia nicht ausreichend gerüstet, sondern auch gegen Terrorakte.

Erste Details zum Täter

Der mutmassliche Täter, ein 57-jähriger Mann, stand wegen betrügerischen Bankrotts vor Gericht. Der Anwalt Valerio Maraniello sagte, der Schütze sei ihm aus einer früheren Immobilienaffäre bekannt. Er habe ihn als «aggressiv und ein wenig paranoid» erlebt. Er sei stets davon überzeugt gewesen, dass man ihn übers Ohr hauen wolle.

Rolf Pellegrini

Rolf Pellegrini

Rolf Pellegrini war während Jahrzehnten für SRF, früher Schweizer Radio DRS, tätig. Unter anderem leitete er die «Echo»-Redaktion, war Frankreich- und zuletzt während mehr als einem Jahrzehnt Italienkorrespondent. Aktuell unterstützt er die SRF-Berichterstattung aus Italien.