Angst vor Rache in Nairobis Quartier Eastleigh

Eine Woche ist der Anschlag der somalischen Al-Shabaab auf ein Einkaufszentrum in Nairobi her. Mindestens 69 Menschen kamen um. Die Furcht ist gross, dass man die Schuldigen im somalischen Quartier Eastleigh, im Westen von Nairobi, suchen könnte. Eine Reportage.

Bewohner im Eastleigh-Quartier beobachten Kämpfe auf den Strassen.

Bildlegende: Bewohner im Eastleigh-Quartier beobachten Kämpfe auf den Strassen. Keystone

In der First Avenue of Eastleigh riecht es nach Gewürzen und Urin. Ein Mann preist mit einem Megafon den Koran an, ein anderer Schuhe. Und gute Schuhe braucht es hier. Im Quartier, wo 150'000 Somalier zu Hause sind, fliesst eine knietiefe braune Kloake durch die Strassen.

Die Mehrheit lebt seit ihrer Kindheit da. Viele haben einen kenianischen Pass. Legal erworben oder von korrupten Beamten gekauft. Ein Teil sind Flüchtlinge, die im Verlauf von Bürgerkrieg und Dürren nach Kenia gekommen sind. Und fast alle haben Angst vor Racheakten nach dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum.

Einer davon ist Samuel. Es tue ihm leid, was seinen kenianischen Brüdern und Schwestern im Westgate passiert sei, aber hier sei der Anschlag sicher nicht vorbereitet worden. «Wir leben hier anständig wie Kenianer. Wer sagt, wir unterstützten Al-Shabaab, lügt.»

Die Attentäter kämen von aussen. 99 Prozent der Somalier, die hier lebten, hätten nichts mit denen zu tun. «Viele Somalier haben hier seit vielen Jahren eine Heimat, weshalb sollten sie Terroristen unterstützen? Wir haben Kinder, wir haben Familie, wir haben Gefühle, und wir wollen hier leben wie alle anderen Menschen auch.»

«Little Mogadischu» – Ort der Kriminalität

Das stimmt für die meisten – aber nicht für alle. Es ist in Nairobi ein offenes Geheimnis, dass in «Little Mogadischu» Piratengelder gewaschen, Leute versteckt und neue Milizionäre angeworben werden.

Die Zahl radikaler Islamisten sei in den vergangen Jahren gewachsen, sagt der Generalsekretär der grössten Moschee in Eastleigh, Ibrahim Ahmed: «Es ist der Radikalismus, der die jungen Leute anzieht. Das Versprechen: Hier werde für arme junge Muslime eine bessere Welt geschaffen und sie würden Teil dieser neuen Gesellschaft sein.»

Keine wahllose Diskriminierung

Als Kenias Armee vor zwei Jahren in Somalia einmarschierte, sagte der damalige Minister für Innere Sicherheit: Man führe Krieg gegen eine Schlange. Der Schwanz liege in Somalia. Der Kopf hier in Nairobi.

Sheik Ebrahim Musuf, Imam in der Jamia-Moschee fürchtet, dass alle Somalier hier in Eastleigh wahllos diskriminiert werden könnten: «Mein Appell an die Behörden ist, dass sie alles notwendige tun, um dieses Verbrechen aufzuklären, aber dass sie es professionell tun.» Wenn die Polizei dabei Unschuldige diskriminiere und bestrafe, werde das zu einer weiteren Radikalisierung in der muslimischen Gemeinschaft führen.

Einer fühlt sich aber seit einer Woche im Somalier-Quartier sicherer. Sufui, der an der First Avenue of Eastleigh ein schuhschachtelgrosses Café betreibt. «Früher kam die kenianische Polizei jeden Abend und holte sich Geld von mir. Wenn ich keines hatte, wurde ich regelmässig zusammengeschlagen. Seit dem Anschlag hat die Polizei offenbar wichtigeres zu tun, als mich zu besuchen – und in meinem Café herrscht seither Frieden.»