Ankaras Schmusekurs mit IS-Terroristen zeugt von Kalkül

Dem Betrachter mag die phlegmatische Haltung der Türkei in Bezug auf die Terrormilizen des IS merkwürdig erscheinen – doch nicht den Experten. Für sie steckt hinter der Untätigkeit Ankaras eine klare Strategie. Denn dort will man sich dank des IS eines gänzlich anderen Problems entledigen.

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Entscheidungstag in Ankara

1:00 min, aus Tagesschau am Mittag vom 2.10.2014

Trotz der Barbarei der Terrormilizen des islamischen Staates blieben klare Worte und Taten aus der Türkei in Richtung IS in den letzten Monaten fast komplett aus. Daran hat sich auch nach der Freilassung von mehr als 40 türkischen Geiseln nur wenig geändert.

Karte, welche das Grenzgebiet zwischen Türkei, Syrien und Irak zeigt.

Bildlegende: Die Türkei grenzt im Südosten an Syrien und den Irak. SRF

Für SRF-Korrespondent Ulrich Tilgner ist das keine Überraschung. Denn «wenn man sich die Ziele beider Seiten anschaut, dann gibt es da ganz klare Überschneidungen.» Allerdings, eine offene Zusammenarbeit zwischen der Türkei und dem IS gebe es nicht.

Dafür aber jede Menge Toleranz und mehr als nur gelegentliches Wegschauen seitens der türkischen Behörden. Es ist zum Beispiel ein offenes Geheimnis, dass verwundete IS-Kämpfer in türkischen Spitälern gesund gepflegt werden. Genauso, wie die Einreise vieler Terrorkämpfer nach Syrien über die Türkei.

Kurden in Syrien sind Ankara ein Dorn im Auge

«Die Türkei ist schon seit 2011 eines der Haupttransitländer für IS-Kämpfer aus Westeuropa und lange Zeit wurde das vom Westen auch geduldet», sagt der Schweizer Türkei-Experte Hans-Lukas Kieser.

Die Gründe für diese Duldung seien zwar vielschichtiger Natur. Im Kern gehe es aber nur um eines: die Kurdenfrage. «Der IS kommt Ankara gerade Recht, um der aufstrebenden kurdischen Selbstverwaltung in Syrien etwas entgegenzusetzen.»

Dem pflichtet auch Ulrich Tilgner bei. «Zwischen beiden Seiten gibt es schon seit Monaten eine stille Übereinkunft.» Siegt der IS, dann wäre «das Experiment der kurdischen Selbstverwaltung zumindest in Syrien gescheitert und das würde der Türkei erheblich in die Hände spielen».

Ein Übergreifen des Experiments würde enormen Zündstoff für die Türkei in sich bergen, so Tilgner. «Man nutzt also auf türkischer Seite den Radikalismus der IS-Milizen für seine Ziele.»

«Türkischer Einmarsch in Syrien eher unwahrscheinlich»

Doch der internationale Druck zwingt die Türkei mittlerweile dazu, die passive Haltung aufzugeben. «Ich glaube, dass man sich offiziell auf die Seite des Westens stellen wird», sagt Hans-Lukas Kieser. Damit brüskiere man die Kurden nicht und könne etwas zur Bekämpfung des IS beitragen.

«Ich glaube nicht, dass man in Syrien einmarschieren wird», glaubt auch Ulrich Tilgner. Langfristig würde das dem internationalen Türkei-Bild schaden und zudem den Prozess der politischen Annäherung zwischen den türkischen Kurden und Ankara zum Erliegen bringen.

Optimismus hält Tilgner allerdings dennoch für verfrüht. «Ich gehe zwar davon aus, dass das Parlament ein militärisches Eingreifen absegnen wird, Erdogan aber Kraft seines Amtes den Beschluss verzögern wird.» Tilgners Fazit fällt deshalb bitter aus: «Das halb abgekartete Spiel von IS und Türkei droht weiterzugehen.»

Parlamentsentscheid

Lange zögerte die Türkei, als es um ein militärisches Eingreifen gegen die Terrormiliz IS ging. Gestern machte die türkische Regierung klar: Sie will ihre Militärbasen internationalen Kräften zur Verfügung stellen. Heute will sie sich im Parlament den Segen für ein direktes Eingreifen in Syrien und im Irak holen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Das türkische Palrament berät über einen Kampfeinsatz der türkischen Armee in Syrien.

    Die Türkei will gegen den «Islamischen Staat» kämpfen

    Aus Echo der Zeit vom 2.10.2014

    Seit zwei Wochen stehen die Extremisten der Terrormiliz IS vor Ain al-Arab oder Kobane, einer bislang von Kurden kontrollierten Stadt an der syrisch-türkischen Grenze.

    Unter dem Eindruck dieses Vormarschs will sich die türkische Regierung vom Parlament die Erlaubnis für einen Militäreinsatz geben lassen.

    Iren Meier