Ankommen, bevor Europa die Schleusen schliesst

Jetzt oder nie, heisst es am Belgrader Busbahnhof. Am Ende einer zermürbenden Flucht aus den Krisenherden der Welt beginnt für Tausende Menschen ein Rennen gegen die Zeit. Ein Augenschein bei den Glücksrittern wider Willen, gestrandet am Tor zu Westeuropa.

Ein syrischer Flüchtling in Serbien hält seine schlafende Tocher in den Armen.

Bildlegende: Überfahrt ins Ungewisse: Am Ende einer Reise stehen Tausende Menschen vor einer unklaren Zukunft. Reuters

Dichtgedrängt stehen die Flüchtlinge um den Reisebus. Alle tragen kleine Tagesrucksäcke und halten handgeschriebene Tickets in der Hand. Zehn Euro kostet die dreistündige Fahrt an die Grenze zu Ungarn in Nordserbien. Alle sind nervös, verschwitzt und besorgt um ihren Sitzplatz. Ein Vater aus Syrien nimmt sein Neugeborenes aus dem Kinderwagen und reicht es der Mutter vorsichtig in den Bus hinein. Das Baby ist keine zwei Wochen alt, es muss auf der Flucht geboren worden sein.

Video «Hunderte erreichen ungarische Grenze» abspielen

Hunderte erreichen ungarische Grenze

0:43 min, aus Tagesschau am Mittag vom 25.8.2015

Der Bus fährt ab. 75 Personen nehmen eine weitere Etappe auf der langen Reise in den Norden. Aber immer noch warten Tausende in den beiden Parks um den Belgrader Busbahnhof auf eine Möglichkeit zur Weiterreise.

In Gruppen suchen sie Schutz im Schatten der Bäume oder in unzähligen farbigen Trekking-Zelten. Junge Männer und ganze Familien mit Kleinkindern vor allem aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, dem Irak und aus Afrika.

Hoffnungslos überlastete Infrastruktur

Eine ältere Syrerin sitzt in ihrem Rollstuhl, ihr Ehemann studiert angestrengt die Angaben auf einer serbischen Milchpackung. Es stinkt im Park. Die sanitären Anlagen im Busbahhof sind hoffnungslos überlastet. Seuchengefahr bestehe zur Zeit jedoch nicht, sagt Alberto, der spanische Arzt von Ärzte ohne Grenzen.

Sein Team ist in Belgrad seit vier Monaten im Einsatz, pflegt Wunden und gibt Medikamente aus. «Grundsätzlich sind die Ankömmlinge starke Menschen, sie können eine lange Reise durchstehen. Allerdings sind sie oft erschöpft, dehydriert, haben Fussblasen, kleine Wunden, Sonnenbrand und Fieber. Spitaleinweisungen sind jedoch selten», sagt Alberto.

Strapazen und (k)ein Ende?

Etwas oberhalb des überfüllten Parkes ruhen sich ein 31-jähriger Syrer und seine vier Reisegefährten unter einem Baum aus. Er will seinen Namen nicht nennen. Bis zum Ausbruch des Krieges vor vier Jahren war er Ingenieur einer grossen Firma. Im Mai ist er vor den Bombardierungen geflüchtet. Zuerst in die Türkei, dort konnte er aber keine Arbeit finden.

«Wir wollen in Deutschland oder Schweden eine Zukunft finden, die Sprache lernen, eine Arbeit finden, nutzbringend sein. Wir sind qualifizierte Berufsleute und wollen nicht von Sozialhilfe abhängig werden», sagt der Ingenieur bestimmt. Zurzeit empfinde er sich noch als Abenteurer, aber eigentlich sei er nichts als ein Flüchtling, fügt er schulterzuckend bei.

«  Wir wollen in Deutschland oder Schweden eine Zukunft finden, die Sprache lernen, eine Arbeit finden, nutzbringend sein. »

Syrischer Ingenieur

Die Reise via Griechenland und Mazedonien sei mühsam und nervenaufreibend gewesen. Allein für die illegale Bootsfahrt von der Türkei auf eine griechische Insel musste er 1200 Euro bezahlen. Der türkische Schmuggler habe sie in ein Boot gesetzt und gesagt, steuert dieses Licht dort drüben an. Das sei ein grosses Risiko gewesen, auch Familien und Kleinkinder seien im Boot gewesen, sagt der Ingenieur.

Die fünfzig Passagiere wurden buchstäblich ausgesetzt, ohne Steuermann. Mit viel Glück sind sie nach zwei Stunden auf der griechischen Insel angekommen. Plötzlich steht der Ingenieur auf und mahnt seine Freunde zum Aufbruch. «Wir müssen uns beeilen, damit wir noch weiter kommen, bevor Ungarn seine Grenze mit dem Zaun schliesst», sagt er zum Abschied.

Auf einer etwas entfernteren Parkbank sitzen einige serbische Rentner, inmitten der vielen Flüchtlinge. Er habe nichts gegen diese Menschen, die ja nur auf der Durchreise seien, meint ein weisshaariger Siebzigjähriger. «Ich bin selber ein Flüchtling. In den 90er-Jahren musste ich aus dem Kosovo flüchten. Ich weiss, wie das ist. Deshalb wollen wir jetzt gute Gastgeber sein», sagt der alte Mann.

Rennen gegen die Zeit

Rennen gegen die Zeit

Am Wochenende sind innerhalb von 24 Stunden über 7000 Flüchtlinge von Mazedonien her in Südserbien angekommen. Per Bus reisen sie weiter nach Belgrad, um via Ungarn nach Zentraleuropa zu kommen. Die Zeit drängt. Denn Ungarn will bis Montag seine Grenze zu Serbien schliessen – mit einem 175 Kilometer langen und vier Meter hohen Stacheldrahtzaun.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • UNO kritisiert EU-Flüchtlingsmanagement

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    Das UNO-Flüchtlingswerk appelliert an die EU-Staaten, die vielen Flüchtlinge aus Syrien und andern Krisenregionen gerechter auf die 28 Länder zu verteilen. Es gelte, die Würde und die Menschenrechte der Hilfesuchenden besser zu respektieren.

  • Beten und hoffen, dass sich ein Platz in einem Bus Richtung Notrden findet: Flüchtlinge vor dem Busbahnhof in der serbischen Hauptstadt Belgrad.

    Serbien: Probleme mit Flüchtlingen auf der Durchreise

    Aus Echo der Zeit vom 25.8.2015

    Rund 2000 Menschen passieren zurzeit täglich die Grenze von Mazedonien nach Serbien. Allein mit der Registrierung der Flüchtlinge im Aufnahmezentrum an der Grenze ist das Land überfordert.

    Ganz zu schweigen von der notwendigsten Versorgung derjenigen, die in Belgrad auf eine Transportmöglichkeit an die ungarische Grenze warten.

    Walter Müller

  • Bauern wird Ernte von Flüchtlingen weggegessen

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    In Mazedonien beklagen Bauern Ernte-Verluste. Den Flüchtlingen fehlt es auf ihrer langen Reise oft an genügend Nahrungsmitteln, weshalb sie die Felder plündern.

  • Serbien bittet Brüssel um Flüchtlingshilfe

    Aus Tagesschau vom 24.8.2015

    Seit Mazedonien seine Grenzen geöffnet hat, reisen täglich tausende Flüchtlinge durch das kleine Balkan-Land und erreichen auf dem Weg nach Nordeuropa Serbien, das genauso überfordert ist mit dem Ansturm. SRF-Sonderkorrespondent Stefan Rathgeb beobachtet die Lage vor Ort.